ArchivDeutsches Ärzteblatt13/1997„Apollo„-Projekt der Neurowissenschaften

POLITIK: Medizinreport

„Apollo„-Projekt der Neurowissenschaften

Dtsch Arztebl 1997; 94(13): A-812 / B-672 / C-628

Stoschek, Jürgen

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LNSLNS Der 1993 vom Bun­des­for­schungs­minis­terium ausgeschriebene Förderschwerpunkt "Neurotraumatologie und Neuropsychologische Rehabilitation" ist nach Angaben von Prof. Alexander Baethmann vom Institut für Chirurgische Forschung am Universitätsklinikum München-Großhadern ein weltweit einmaliges Vorhaben. Von den Experten wird der Förderschwerpunkt bereits als das "Apollo"-Projekt der Neurowissenschaften bezeichnet. Kein anderes Land gehe dieses Forschungsgebiet so systematisch an, so Baethmann.
Ziel des Programms, an dem acht Forschungsverbünde mit insgesamt 60 Projekten beteiligt sind, ist nicht nur die Verbesserung von wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Hirn- und Rückenmarkschädigung, sondern auch eine Steigerung der Effizienz des Patienten-Managements in der präklinischen und klinischen Versorgung sowie in der Rehabilitation.
Das schwere Schädel-Hirn-Trauma mit und ohne Mehrfachverletzungen ist die häufigste Todesursache im Alter bis zu 45 Jahren. Laut Statistischem Bundesamt werden etwa 280 000 Patienten mit schweren Hirnverletzungen stationär aufgenommen, etwa 10 000 versterben; 4 500 Betroffene bleiben nach dem Ereignis pflegebedürftig und leben in Heimen.


Neue Axone
Die bisherigen Ergebnisse der Forschung seien ausgesprochen ermutigend, berichtete Prof. Georg Kreutzberg vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in Martinsried. Inzwischen wisse man, daß auch zentrale Nervenzellen ähnlich wie periphere Nervenzellen grundsätzlich in der Lage sind, neue Axone auswachsen zu lassen, um so eine unterbrochene Verbindung zum neuronalen Netzwerk wiederherzustellen. Eine wichtige Voraussetzung dafür sei, daß die Neurone nach einer Verletzung nicht zerstört sind. Zwar verursache die Primärverletzung einen Herd im Gehirn, der irreversibel geschädigt ist, in der Umgebung gebe es aber Neurone, die mehr oder weniger gut überleben, erläuterte Kreutzberg. Gesucht werde jetzt nach Substanzen, die die Neubildung von Nervenfasern fördern, beziehungsweise nach Antikörpern, die den Sterbevorgang von Nervenzellen unterdrücken. Es gebe vielversprechende Untersuchungen aus der Tübinger Arbeitsgruppe, die sich mit Fragen der Neurodegeneration und -protektion beschäftigt. Dort wurden Transplantate von peripheren Nerven genutzt, um bei Ratten durchschnittene Sehnerven zu überbrücken. Nach dem Eingriff waren die Ratten wieder sehfähig. Das Transplantat lieferte die Moleküle für die auswachsenden Nervenfasern. Zusätzlich seien Substanzen eingesetzt worden, die den Zelltod der Retina unterbinden, so Kreutzberg. Jürgen Stoschek

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