ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2007Geistig Behinderte: Zustimmung
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Dem Beitrag von Kai Harenski zur stationären Versorgung geistig behinderter Menschen ist voll und ganz zuzustimmen. In unserer Einrichtung „Zentrum für Behindertenmedizin“ im Evangelischen Krankenhaus Bielefeld (Träger der Bodelschwinghschen Anstalten Bethel) werden jährlich ca. 1 600 Menschen mit geistiger Behinderung stationär versorgt. Zwar ist derzeit noch eine Vergütung nach tagesgleichen Pflegesätzen möglich, jedoch wird seitens einiger Kostenträger die stationäre Aufnahme als solche immer häufiger hinterfragt und die (zeitraubende) Überprüfung stationärer Behandlungsverläufe durch den MDK veranlasst. Offensichtlich wird dabei das vorrangige Ziel verfolgt, eine weitere Verkürzung der stationären Verweildauer zu erzwingen. Leider scheinen viele Gutachter des MDK nicht zu verstehen, dass eine „behindertengerechte“ Medizin Zeit benötigt: Zeit für Beobachtung, um z. B. belastende und unnötige Untersuchungen mit hohem Risiko vermeiden zu können, Zeit für Genesung, die Wiederaufnahmen oder gar Komplikationen vermeiden kann. Standardprozeduren funktionieren natürlich auch bei behinderten Patienten, wenn klar diagnostizierte Krankheitsbilder vorliegen. Dies entspricht aber nicht der alltäglichen Erfahrung in unserem Krankenhaus. Oft führen unspezifische Symptome (Abgeschlagenheit, Nahrungsverweigerung, Unruhe) zur Einweisung. Diese erfordern bei der Diagnostik in erster Linie Erfahrung, Geduld und ein individuell abgestimmtes Untersuchungsprogramm in behutsamen Schritten, um zu verlässlichen Diagnosen und damit geeigneten Therapien zu kommen . . . Ein weiterer Aspekt ist der unscharf definierte Begriff der geistigen Behinderung. Er ist weiter zu fassen als allgemein üblich. Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen (Trauma, Ischämie, Alzheimer) gehören genauso zu der im DRG-System benachteiligten Patientengruppe wie Menschen mit schweren psychiatrischen Erkrankungen oder fortgeschrittenen Suchterkrankungen. Nur eine politisch verankerte Sicherung der Finanzierung für die Behandlung dieser Menschen kann einer fortschreitenden Benachteiligung entgegenwirken. Hilfreich wäre zudem mehr medizinischer Sachverstand und Verständnis für die komplexe Behandlungssituation bei den Kostenträgern und dem MDK.
Dr. med. Jörg Stockmann, Internistisches Zentrum für Behindertenmedizin, Evangelisches Krankenhaus Bielefeld, Maraweg 19, 33617 Bielefeld
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige