ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2007Mortalität von Aussiedlern aus der ehemaligen Sowjetunion – Ergebnisse einer Kohortenstudie: Hohe psychiatrische Morbidität bei Spätaussiedlern

MEDIZIN: Diskussion

Mortalität von Aussiedlern aus der ehemaligen Sowjetunion – Ergebnisse einer Kohortenstudie: Hohe psychiatrische Morbidität bei Spätaussiedlern

Dtsch Arztebl 2007; 104(37): A-2511 / B-2219 / C-2151

Kornischka, Jürgen; Agelink, Marcus W.

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LNSLNS Gleichwohl sogenannte „Spätaussiedler“ die größte Migrantengruppe in Deutschland bilden, existieren bislang tatsächlich kaum wissenschaftlich fundierte Daten zu Morbidität und psychosozialen Problemen speziell dieser Migrantengruppe (1), weswegen die vorliegende, methodisch gute und aufwendige Studie der Heidelberger Arbeitsgruppe besondere Beachtung verdient.
Das Ergebnis einer im Vergleich zur deutschen Bevölkerung signifikant höheren Rate an nicht natürlichen Todesursachen bei osteuropäischen, mehrheitlich aus der ehemaligen Sowjetunion stammenden Männern, verlangt nach einer Erklärung. Eine Migration gilt als einschneidende Lebensveränderung und ist ein Risikofaktor für eine erhöhte Gefährdung der seelischen Gesundheit. So weisen auch die Ergebnisse der vorliegenden Studie auf eine überproportional hohe psychiatrische Morbidität bei osteuropäischen Spätaussiedlern hin. Dafür spricht das um 70 bis 400 % erhöhte Risiko für sogenannte „andere, nicht natürliche Todesursachen“ und/oder „Verhaltensstörungen durch den Gebrauch psychoaktiver Substanzen (Drogen)“. Insbesondere die aus der angloamerikanischen Literatur unter dem Begriff „Dual Diagnosis“ bekannte Komorbidität einer Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis mit einer Suchterkrankung soll bei Spätaussiedlern aus der ehemaligen Sowjetunion häufig auftreten (2). Darüber hinaus berichten Studien über das gehäufte Auftreten von depressiven Erkrankungen, Anpassungstörungen und somatoformen Störungen bei Spätaussiedlern (3). Vor dem Hintergrund, dass depressive Erkrankungen ähnlich wie Adipositas, Fettstoffwechselstörungen, Bewegungsmangel, Rauchen und Diabetes einen weiteren signifikant unabhängigen Risikofaktor für eine höhere kardiovaskuläre Morbidität und Mortalität darstellen, ist die in der vorliegenden Studie gefundene, im Vergleich zur deutschen Bevölkerung tendenziell eher niedrige Herz-Kreislauf-Mortalität nicht zuletzt unter Berücksichtigung der langen Follow-up-Zeitspanne von 12 Jahren sicher überraschend.

Dr. med. Jürgen Kornischka
PD Dr. med. Marcus W. Agelink
Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie & Psychosomatik
Klinikum Herford
Akademisches Lehrkrankenhaus der MHH
Schwarzenmoorstraße 70
32049 Herford
E-Mail:agelink@klinikum-herford.de
1.
Kornischka J: Psychische Störungen bei Spätaussiedlern. Krankenhauspsychiatrie 1998; 8: 141–5.
2.
Kitschfeld K, Novokov J, Wall E: Migranten aus der früheren Sowjetunion in stationärer Behandlung einer psychiatrischen Klinik in Hamburg. In: Heise T (Hrsg.):Transkulturelle Beratung, Psychotherapie und Psychiatrie in Deutschland. Berlin, VWB, 2002 (2. Auflage): 189–99.
3.
Kornischka J, Assion HJ, Ziegenbein M, Agelink MW: Psychosoziale Belastungsfaktoren und psychische Erkrankungen bei Spätaussiedlern. Psychiatrische Praxis 2007; Heft 7.
1. Kornischka J: Psychische Störungen bei Spätaussiedlern. Krankenhauspsychiatrie 1998; 8: 141–5.
2. Kitschfeld K, Novokov J, Wall E: Migranten aus der früheren Sowjetunion in stationärer Behandlung einer psychiatrischen Klinik in Hamburg. In: Heise T (Hrsg.):Transkulturelle Beratung, Psychotherapie und Psychiatrie in Deutschland. Berlin, VWB, 2002 (2. Auflage): 189–99.
3. Kornischka J, Assion HJ, Ziegenbein M, Agelink MW: Psychosoziale Belastungsfaktoren und psychische Erkrankungen bei Spätaussiedlern. Psychiatrische Praxis 2007; Heft 7.

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