ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2007Raus aus dem Hamsterrad: Wenn Ärzte eine Auszeit nehmen

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Raus aus dem Hamsterrad: Wenn Ärzte eine Auszeit nehmen

Dtsch Arztebl 2007; 104(37): A-2535 / B-2243 / C-2175

Feldmann, Heinz

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Foto: Eberhard Hahne
Foto: Eberhard Hahne
Ein Sabbatical will gut geplant sein.

Ärzte identifizieren sich sehr mit ihrem Beruf und fühlen sich für die Patienten verantwortlich. Dabei spielen Begriffe wie Pflichterfüllung und ethische Verpflichtung eine wichtige Rolle. Vielleicht gerade deswegen leiden Ärzte häufig unter Stress und Überarbeitung; sie fühlen sich ausgebrannt oder wie der berüchtigte Hamster im Käfig. In dieser Situation denken einige daran, eine Auszeit zu nehmen: ein Ruhejahr oder ein Sabbatical, in dem verschüttete Qualitäten wie Kreativität und Motivationskraft neu aufgebaut werden können.
Ein Sabbatical nehmen? Geht das überhaupt? Immerhin dauert ein Sabbatical drei bis zwölf Monate. Hinzu kommt: Wer als Arzt davon redet, eine Auszeit zu nehmen, hat in der Leistungsgesellschaft mit Vorurteilen zu kämpfen. Ein längerer Freizeitblock wird mit Müßiggang gleichgesetzt: Wer „Langzeiturlaub“ nimmt, gilt als nicht fleißig, kaum belastbar und ziellos. So ist es kein Wunder, dass die Möglichkeit einer Auszeit in den Heilberufen kaum institutionalisiert ist. Nur in wenigen Krankenhäusern gibt es die Möglichkeit, etwa über Arbeitszeitkonten Zeit anzusparen, um sie für das Ruhejahr einzusetzen. Bei niedergelassenen Ärzten ist das Hauptproblem, einen geeigneten Stellvertreter zu finden. Denn der Albtraum des freiberuflichen Sabbaticalers ist, nach der Rückkehr vor Praxistüren zu stehen, die sich für Patienten nie wieder öffnen werden.
Erweiterung des eigenen Horizonts – knapp ein Jahr reiste der Autor durch vier Kontinente. Das Foto zeigt die Chinesische Mauer.
Erweiterung des eigenen Horizonts – knapp ein Jahr reiste der Autor durch vier Kontinente. Das Foto zeigt die Chinesische Mauer.
Trotzdem: Es gibt auch Ärzte, die das Sabbatical nutzen. Die Gründe sind vielfältig. Und nicht immer ist die Ursache das fast schon eine Modeerscheinung zu nennende Burn-out-Syndrom. So ist nach der anstrengenden und zeitintensiven Phase des Aufbaus einer Praxis oder der Weiterbildung zum Facharzt oder vor einem Arbeitsplatzwechsel ein Sabbatical eine Möglichkeit, sich zu regenerieren. Oft dient die Auszeit auch der Weiterqualifikation, dem beruflichen und persönlichen Wachstum oder der Neuorientierung. Meistens ist es eine Mischung mehrerer Faktoren – so verhielt es sich zumindest bei mir.
Persönliche Weiterentwicklung, bereichernde Begegnungen mit anderen Menschen, neue Erkenntnisse sammeln, die Welt sehen – das waren meine wichtigsten Beweggründe dafür, knapp ein Jahr lang durch vier Kontinente zu reisen. Mein Trainingsinstitut, ich bin Unternehmer und leite ein international tätiges Verkaufstrainingsinstitut in Wien, wusste ich in der Zeit in den professionellen Händen mehrerer Geschäftspartner.
Ärzte, die den Mut finden, das Sabbatical zu nehmen und vor allem die Möglichkeit dazu haben, sind nach Prof. Dr. Hans-Werner Stahl, Leiter des Europäischen Studienprogramms für Betriebswirtschaft an der Fachhochschule Reutlingen, keine beruflich Frustrierten, sondern mutige Avantgardisten, die die Balance suchen.
Unumgänglich ist es, die Auszeit genau zu planen. Das beginnt bei der Überlegung, warum ein Arzt diese weitreichende Entscheidung fällt. Die Konsequenzen wollen genau bedacht sein, so zum Beispiel der organisatorische Aufwand und die finanzielle Planung. Bei freiberuflichen Ärzten, die nicht in einer Gemeinschaftspraxis tätig sind, bietet es sich an, eine Ärztin oder einen Arzt als Stellvertreter zu gewinnen, der sich im baldigen oder frühen Pensionsalter befindet. Von dieser Alternative berichtet Prof. Dr. Gian A. Melcher, Chefarzt der Chirurgischen Klinik am Spital Ulster in der Schweiz. Bei angestellten Ärzten ist die intensive Vorbereitungszeit auch deswegen notwendig, um gegenüber der Krankenhausleitung den Wunsch nach der Auszeit stichhaltig begründen zu können. Der Arzt sollte einen Plan erarbeiten, wie seine Arbeit während seiner Abwesenheit aufgefangen werden kann. Schließlich steht die zeitliche und finanzielle Planung an. Es muss ja nicht immer gleich ein Ruhejahr sein, vielleicht genügt ein Ruhequartal den Ansprüchen des auszeitwilligen Arztes. Ich persönlich habe mir für mein Ruhejahr zudem eine Art Business- und Budgetplan aufgestellt.
In Alaska hat man Zeit und Muße, über Dinge nachzudenken, wofür im hektischen Klinik- oder Praxisalltag keine Zeit bleibt. Fotos: Heinz Feldmann
In Alaska hat man Zeit und Muße, über Dinge nachzudenken, wofür im hektischen Klinik- oder Praxisalltag keine Zeit bleibt. Fotos: Heinz Feldmann
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Elementar bei der konkreten Ausgestaltung des Sabbaticals ist, ob der Arzt freiberuflich tätig ist oder als Angestellter. Chefarzt Melcher erzählt von seinem viermonatigen Sabbatical, das in zwei Blöcke für Fortbildung und Freizeit geteilt wurde. Ermöglicht wurde die Auszeit durch ein „Ferienguthaben in Form eines Dienstleistungsgeschenks“ und einen einmonatigen unbezahlten Urlaub. Die Vertretung erfolgte durch einen pensionierten Chefarztkollegen. Der Arzt stellte – ein wenig staunend – fest, dass sein Sabbatical auf eine sehr hohe Akzeptanz traf, auch bei seinen Patienten.
Klar ist, dass die Realisierung eines Ruhejahrs viel Kreativität und das wohlwollende Entgegenkommen aller Beteiligten voraussetzt. Fakt ist aber auch, dass Menschen, die ein Sabbatical gewagt haben, durchweg von positiven Erfahrungen berichten. Die Motivation und Horizonterweiterung für das wieder aufgenommene Berufsleben, die Ausbalancierung der verschiedenen Lebensbereiche, die gesundheitlichen Aspekte und vor allem die neue Perspektive, unter der man Leben, Beruf und Privatleben nach einem Ruhejahr betrachtet, stellen Vorteile dar, die die Nachteile aufwiegen. Das gilt auch für Praxis und Klinik. Der „Ruheständler“ hat die Zeit und Muße, über Dinge nachzudenken, wofür im hektischen Klinik- oder Praxisalltag keine Zeit bleibt: Ein Ruhejahr ist die Zeit der Selbstreflexion, der Selbsterkenntnis, des Blicks in den Spiegel, der persönlichen Weiterentwicklung und der Begegnung mit dem eigenen Ich.
Heinz Feldmann

Informationen zur Auszeit des Autors unter www.ruhejahr.com

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