ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2007Arztgeschichte: Ewiges Leben?

SCHLUSSPUNKT

Arztgeschichte: Ewiges Leben?

Dtsch Arztebl 2007; 104(37): [100]

Braun, Reiner

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Zeichnung: Elke Steiner
Zeichnung: Elke Steiner
„Beide waren desselben Jahrgangs, waren vor langer Zeit in dieselbe Schulklasse gegangen und hatten sich nun nach mehr als 40 Jahren zum ersten Mal wiedergesehen.“

Es liegt bekanntermaßen in der Natur des Fachs, dass sich in einer urologischen Praxis eine überdurchschnittlich große Zahl älterer männlicher Patienten einfindet. So geschah es Anfang der 90er-Jahre, dass sich zwei ältere Herren unter großem Jubel im Wartezimmer meiner Praxis begrüßten. Beide waren desselben Jahrgangs, waren vor langer Zeit in dieselbe Schulklasse gegangen und hatten sich nun nach mehr als 40 Jahren zum ersten Mal wiedergesehen.
Herr Ludwig und Herr Peter, wie ich sie eimal nennen möchte,waren inzwischen etwas über 80 Jahre alt.
Herr Ludwig war unter anderem von Gelenkbeschwerden geplagt, etwas verlangsamt, auch schon ein klein wenig tüddelig – aber sehr liebenswürdig und immer in guter Stimmung. Herr Peter dagegen, auch sehr freundlich und nett, war körperlich und geistig in allerbester Form. Als junger Mann war er in den 20er-Jahren Sieger bei einem Deutschen Turnfest in Berlin gewesen. Er imponierte auch jetzt noch durch seine außerordentliche Beweglichkeit. Sein Gang war locker und elastisch und erinnerte mich immer wieder an den Fußballspieler, der vor Spielbeginn den Platz betritt. Im Laufe der Jahre kam es ab und an zu einem neuerlichen Treffen der beiden, in meiner Praxis, ob geplant oder zufällig, ist nicht bekannt.
Eines Morgens, die Herren hatten ihren 92.Geburtstag hinter sich, fand ich in der regionalen Zeitung eine Anzeige, die bekannt gab, dass Herr Ludwig verstorben sei.
Es waren wohl noch nicht einmal drei Tage vergangen, als Herr Peter wieder meine Praxis aufsuchte. Nach der Begrüßung ließ sich der erstaunlich drahtige, betagte Patient auf dem Stuhl mir gegenüber nieder. Zunächst kam ich auf das nahe liegende Thema zu sprechen: „Nun, Herr Peter, der Alterskamerad . . .“ Er unterbrach mich: „Ja Herr Doktor, ich hab’s gelesen. Ich war ja überrascht. Hat ihm denn etwas gefehlt?“
Ein Schmunzeln und ganz besonders eine Erklärung, dass man in solch einem gesegneten Alter doch auch einmal das Recht hat, den Weg von Herrn Ludwig zu gehen, konnte ich mir gerade noch verkneifen. Er überlebte seinen Schulkameraden noch um etliche Jahre.
Dr. Reiner Braun
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