ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2007Klinikärzte: Abstimmung mit den Füßen

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Klinikärzte: Abstimmung mit den Füßen

Dtsch Arztebl 2007; 104(38): A-2537 / B-2245 / C-2177

Flintrop, Jens

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LNSLNS Bestes Indiz dafür, dass die Arbeitsbedingungen für Klinikärzte in Deutschland noch immer nicht konkurrenzfähig sind, ist die große Zahl der freien Arztstellen in den Krankenhäusern. So gaben bei einer Mitgliederbefragung der Ärztegewerkschaft Marburger Bund (MB) knapp zwei Drittel der Ärzte an, dass in ihrer Abteilung derzeit mindestens eine ärztliche Stelle nicht wie gewünscht besetzt werden könne. Offensichtlich hält die Flucht vor allem junger Ärzte ins Ausland, aber auch in andere Berufsfelder, unverändert an. Leidtragende sind einerseits die Ärzte, die den Personalmangel durch Mehrarbeit ausgleichen sollen, und andererseits die Patienten, die mittelfristig mit einer schlechteren medizinischen Versorgung rechnen müssen.
Um sich ein Bild von der Arbeitssituation der Ärzte in den Kliniken zu machen, hatte der MB seinen rund 110 000 Mitgliedern im Juni 2007 mit der „Marburger Bund Zeitung“ einen ausführlichen Fragebogen zukommen lassen. Diesen schickten knapp 19 000 Ärztinnen und Ärzte ausgefüllt zurück. Deren Angaben sind zum Teil erschreckend.
So werden der Umfrage zufolge in 59 Prozent der Krankenhäuser die tariflich und gesetzlich festgelegten Höchstarbeitszeitgrenzen nicht eingehalten. 21 Prozent der Ärzte geben ihre wöchentliche Arbeitszeit (einschließlich Überstunden und Bereitschaftsdiensten) mit 40 bis 49 Stunden an, 38 Prozent mit 50 bis 59 Stunden, 40 Prozent mit 60 bis 79 Stunden und ein Prozent mit mehr als 80 Stunden. Eigentlich müssten alle Ärzte, die mehr als 50 Stunden im Einsatz sind, der Ausweitung ihrer Arbeitszeit persönlich zugestimmt haben. Tatsächlich hat aber nur jeder vierte Betroffene diese „Opt out“-Regelung unterzeichnet. Eine systematische Arbeitszeiterfassung (sei es elektronisch oder handschriftlich), mit der die Ärzte Verstöße gegen das Arbeitszeitgesetz belegen könnten, gibt es nur in 51 Prozent der Kliniken.
Unbefriedigend ist auch die Situation bei den Überstunden: 24 Prozent der Ärzte leisten wöchentlich bis zu vier Überstunden, 33 Prozent zwischen fünf und neun, 29 Prozent zwischen zehn und 19, zehn Prozent 20 oder mehr Überstunden. Dabei erhalten nur zehn Prozent der Ärzte alle ihre Überstunden vergütet. 30 Prozent können sich immerhin Freizeitausgleich für ihre Mehrarbeit nehmen. Auf die rund 131 000 Krankenhausärzte hochgerechnet komme man im Jahr auf bis zu 56,6 Millionen Überstunden, betont der MB. Da nur jede Zehnte davon vollständig vergütet werde, schenkten die Ärzte den Arbeitgebern und der Gesellschaft jedes Jahr den Gegenwert von mehr als einer Milliarde Euro.
Der Frust der Ärzte ist entsprechend groß. Auf die Frage, was sie an ihrer Tätigkeit am meisten stört, antworten sie vor allem: Arbeitsüberlastung/Personalmangel (39 Prozent), zu viel Bürokratie (22 Prozent) und eine unangemessene Vergütung (19 Prozent). Knapp die Hälfte der Befragten beurteilt die Arbeitsbedingungen insgesamt als „schlecht“ oder „sehr schlecht“. Diese Gruppe erwägt ernsthaft, ihre Tätigkeit im Krankenhaus aufzugeben. Nahezu jeder Dritte würde den Arztberuf nicht ein zweites Mal ergreifen.
Die Umfrage zeigt, dass die Einhaltung des Arbeitszeitgesetzes und die Umsetzung der arztspezifischen Tarifverträge keine Selbstverständlichkeit sind. Die Ärztinnen und Ärzte sind aufgefordert, um ihre Rechte zu kämpfen und dabei auch weiterhin „mit den Füßen abzustimmen“. Es muss ja nicht gleich das Ausland oder ein anderer Beruf sein. Es gibt auch hierzulande Klinikarbeitgeber, die die Zeichen der Zeit erkannt haben und gute Arbeitsbedingungen bei einer adäquaten Vergütung bieten. Denn das ist die gute Nachricht der MB-Mitgliederbefragung: Freie Stellen gibt es für Ärzte derzeit genug.

Jens Flintrop
Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik
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