ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2007Glosse: Kein brotloser Beruf

POLITIK: Die Glosse

Glosse: Kein brotloser Beruf

Dtsch Arztebl 2007; 104(38): A-2548 / B-2255 / C-2187

Pommer, Peter

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Wenn man bedenkt, dass Ärzte laut Statistik die geringste Lebenserwartung aller Berufe haben, gewinnt der Urlaub für den Arzt eine ganz besondere Bedeutung. Also habe ich mich bei der Auswahl des Flugs zum Urlaubstraumziel nicht lumpen lassen. Eine gut beleumundete deutsche Fluglinie sollte es schon sein, auch wenn der Flug viel teurer war als anderswo. Auch die Abflugzeit abends mit Ankunft am Ziel am nächsten Morgen erschien günstig, so konnte man am Abflugtag noch viel erledigen.
Zum Essen war an diesem hektischen Tag kaum Gelegenheit. Und selbstverständlich ging ich auch davon aus, dass diese noble Airline meiner Liebsten und mir zweifellos gleich nach dem Start eine überreichliche Auswahl unzähliger Köstlichkeiten bieten würde.
Nach über einer Stunde in Reiseflughöhe war es nur dem Rauschen des Jets zu verdanken, dass mein immer lauter werdendes Magenknurren vornehm kaschiert wurde. Schließlich erlöste mich eine Durchsage über den Bordlautsprecher von meinem raubtierhaften Spähen nach dem Wagen mit Essenstabletts: Falls ein Arzt an Bord sei, solle er sich beim Kabinenpersonal melden.
Ich wurde zu einem älteren Herrn geführt, der über Schwindel und Schwäche klagte. Seine Frau berichtete, er sei so zittrig, unruhig und überhaupt seltsam, er sei Diabetiker, und so sei es stets, wenn er Unterzucker habe. Das war schnell bestätigt; weil der BZ unter 50 mg/% lag, entschloss ich mich, Glucose parenteral zu substituieren, was schnell zur Besserung der Symptome und damit zu allgemeiner Zufriedenheit und Erleichterung führte.
Die Airline ließ es sich nicht nehmen, darauf meiner Liebsten und mir Champagner zu servieren, den ich höflich, aber auch geschmeichelt annahm, obwohl wir eigentlich viel lieber was zwischen die Zähne gehabt hätten. Mir kam natürlich nicht der schnöde materialistische Gedanke, dass dies eigentlich kein Geschenk, sondern nur ein ziemlich billiger Ersatz für die Vergütung einer honorarpflichtigen Dienstleistung war.
Weil die Zellen meines Intestinaltrakts so absolut gar nichts sonst zu tun hatten, stürzten sie sich gierig auf die paar Schluck Champagner und schaufelten in Windeseile die Alkoholmoleküle in mein Blut, von wo aus sie ebenso vehement zu Kopf stiegen. An sich ein schönes Gefühl, im Flug nochmals über dem Boden zu schweben.
Das Schicksal meinte es gut mit uns allen, und es dauerte kaum noch länger als eine Stunde ohne Zwischenfälle, bis kurz vor Mitternacht das Abendessen serviert wurde. Wir genossen unser Midnight-Dinner, auch wenn der Genuss trotz unserer kultiviert-langsamen Essmanieren eher kurz war.
Gerade fertig und fast halb gesättigt, wurde ich zum nächsten Notfall gerufen: Eine sportlich aussehende Dame mittleren Alters hatte sich wegen eines präsynkopalen Zustands mit starker Übelkeit gemeldet. Sie trug ganz offen ihre Gedanken zu Pathogenese vor: „Wissen Sie, Herr Doktor, ich war so überhungert und habe dann das Essen viel zu schnell heruntergeschlungen, und jetzt ist mir übel.“ Mit einem antiemetisch wirkenden Prokinetikum war das Wohlbefinden des Fluggastes schnell wieder herzustellen.
Abermals kam die Stewardess mit der Frage, ob sie zum Dank Champagner servieren dürfe. Gut erzogen wussten wir, dass man als Gast niemals sagen dürfe, dass man nicht satt geworden sei. Im Rahmen des Schicklichen wagte ich nur festzustellen, dass nach der Mahlzeit eigentlich ein Glas Rotwein mehr den kulinarischen Gebräuchen und auch unseren Wünschen entspräche – ein Wunsch, der prompt erfüllt wurde.
Nur eineinhalb Stunden später, nachdem bereits die hypnotische Wirkung des Alkohols in den Vordergrund getreten war und ich am Einschlummern war, wurde ich von der Stewardess mit sanfter Hand geweckt: „Wir hätten da wieder eine Patientin, könnten Sie bitte mal nach der sehen?“
Ich will Sie nicht langweilen: Es war wieder eine Hypoglykämie, angesichts der frugalen Mahlzeit wenig erstaunlich. Nachdem das Problem behoben war, kam wieder ein Steward mit Champagner. Meine Liebste und ich schauten uns kurz an, in ihren Rehaugen sah ich Hunger, den ich auch in meinem Bauch fühlte. Der Beschützerinstinkt machte mich mutig. Ich bat den Steward stattdessen um eine Kleinigkeit zu essen, was dieser mit Schulterzucken quittierte: „Es gibt nichts mehr – erst wieder zum Frühstück.“ – „ Nur ein Stück Brot, bitte!“ – Auch das wurde negativ beschieden.
Beruflich geübt, auch schwierige Sachverhalte zu vermitteln und Lösungsstrategien zu entwickeln, wies ich darauf hin, dass ein wegen Unterzuckerung unzurechnungsfähiger Arzt bei einem derartig hohen Krankenstand in diesem Flugzeug nicht im Interesse der Airline sein könne.
„Also gut, dann kriegen Sie jetzt gleich Ihr Frühstück, aber dann gibt’s morgen früh nichts mehr!“, entfuhr es dem Steward. Da ist mir dann doch ein wenig der Kragen geplatzt, und ich habe etliches von Beziehungen zu Fachpresse und Presse überhaupt erzählt und was meine Bemühungen die Fluggesellschaft bei korrekter Abrechnung nach GOÄ kosten würden. Das hat gesessen. Nachdem sich die Chefstewardess persönlich eingeschaltet hatte, bekamen meine Liebste und ich je zwei in Plastik verpackte Scheiben Pumpernickel à 7 × 4 × 0,5 cm.
Den Ausdruck in den Augen meiner Liebsten werde ich nie vergessen: Dankbarkeit und Bewunderung. Das hat mich für alles mehr als entschädigt. Arzt war nie ein brotloser Beruf.
Anzeige
  • Glosse: Inkognito
    Dtsch Arztebl 2007; 104(45): A-3097 / B-2723 / C-2630
    Schlobach, Peter

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema