ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2007Malignome in der Kindheit: Eizellen bei fünfjährigen Mädchen punktiert

MEDIZINREPORT

Malignome in der Kindheit: Eizellen bei fünfjährigen Mädchen punktiert

Dtsch Arztebl 2007; 104(38): A-2556 / B-2260 / C-2192

Leinmüller, Renate

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Kryokonservierte Eizellen: eine Fruchtbarkeitsreserve für Frauen nach einer Krebsbehandlung Foto: Caro
Kryokonservierte Eizellen: eine Fruchtbarkeitsreserve für Frauen nach einer Krebsbehandlung Foto: Caro
Schon bei sehr jungen, krebskranken Mädchen lassen sich Ovargewebe und Eizellen entnehmen. Eine Fruchtbarkeitsgarantie sind sie nicht.

Die Langzeit-Überlebensraten bei Tumorerkrankungen in der Kindheit sind inzwischen sehr hoch. Chemo- und Strahlentherapie fordern allerdings oft ihren Tribut in Form einer eingeschränkten oder erloschenen Fertilität im Erwachsenenalter. Vielerorts werden deshalb Anstrengungen unternommen, die spätere Fruchtbarkeit in einem gewissen Umfang sicherzustellen. Bei Kindern mit Tumorerkrankungen bieten Kliniker in Israel schon bei dreijährigen Mädchen die Option an, Eizellen zu punktieren und Ovargewebe nach unilateraler Ovarektomie einzufrieren.
„Zu unserer Überraschung haben wir schon bei sehr jungen Mädchen Follikel gefunden – bei einer Fünfjährigen mit Wilms-Tumor konnten wir sieben Eizellen gewinnen, bei einer Zehnjährigen mit Ewing-Sarkom sogar 17“, berichtete Dr. Ariel Revel (Jerusalem) bei einem reproduktionsmedizinischen Kongress in Lyon. In der israelischen Studie zur Fertilitätsprotektion bei Karzinomen im Kindes- und Jugendalter beträgt das mittlere Alter 16 Jahre – bei allen Mädchen ließen sich Follikel mit Eizellen (durchschnittlich 8,5) punktieren. Von 130 wurden 41 erfolgreich maturiert und dann kryokonserviert. Zusätzlich wurde in allen Fällen eine unilaterale Ovarektomie vorgenommen – eine Maßnahme, die jedoch nicht ungeteilte Zustimmung fand. Zum einen, so die Kritiker, sei nicht geklärt, welche Verfahren tatsächlich zu einer irreversiblen Amenorrhö führten, und die Entnahme eines gesamten Eierstocks verkürze die Periode der späteren Fruchtbarkeit massiv.
Zum zweiten sind weltweit bis heute erst fünf Schwangerschaften nach Retransplantation von Ovargewebe beschrieben; die experimentelle Methode ist also keineswegs als sichere „Fertilitätsprotektion“ einzustufen. Auch das Einfrieren von Eizellen mit der Option einer Befruchtung nach dem Auftauen ist aus heutiger Sicht eher eine psychologische Maßnahme, benötigen doch selbst erfahrene Teams in Italien zur Etablierung einer Schwangerschaft mindestens 30 reife eingefrorene Eizellen.
Massives Sterben von Eizellen im kindlichen Ovar
Andererseits: Noch Anfang der 90er-Jahre schien es eher utopisch, Männern zu Vaterfreuden zu verhelfen, bei denen man die Spermatozoen im wahrsten Sinne mit der Lupe suchen musste. Rund 200 Geburten weist allein das deutsche Register jährlich für die intrazytoplasmatische Spermieninjektion mit testikulären Samenzellen aus.
Wenn die Reproduktionsmedizin weiter Fortschritte macht, könnten in Zukunft auch Eizellen oder Ovargewebe als „Reserve aus dem Eis“ als Ausgangsbasis weitaus besser beurteilt werden. Heute jedoch können nur die allerletzten Stufen der Follikelreifung in vitro vollzogen werden, die Maturation von Primordialfollikeln ist weltweit beim Menschen noch nicht gelungen.
Ein bisher ungelöstes Rätsel ist auch das massive „Sterben“ der frühen Eizellen im kindlichen Ovar: Ein Mädchen wird mit ein bis zwei Millionen Eizellen in Primordialfollikeln geboren, 80 Prozent dieser Oogonien gehen bis zur Pubertät zugrunde. Über die Ursachen ist wenig bis nichts bekannt. Offen ist auch, ob die Größe des Eizellpools bei der Geburt bei allen Mädchen gleich und die „Sterberate“ der Follikel variabel ist oder umgekehrt. Die Reproduktionsmedizin bleibt damit auch in Zukunft spannend.
Dr. rer. nat. Renate Leinmüller


Fertilität und Chemotherapie

Schätzungen des Netzwerks FertiProtekt zufolge erhalten in Deutschland jährlich rund 1 100 Mädchen und Frauen zwischen 14 und 35 Jahren ovarschädigende Chemo- und/oder Strahlentherapien. Die Beratung über fertilitätserhaltende Maßnahmen sollte deshalb essenzieller Teil der onkologischen Therapie werden. Um dieses Ziel zu erreichen, hat sich in Deutschland ein weltweit einmaliges Netzwerk etabliert – FertiProtekt (www.fertiprotekt.de). Die Mitglieder, mehr als 35 universitäre und nicht universitäre Zentren, melden alle Beratungen, Behandlungen samt Techniken und Ergebnisse zentral, um eine Therapiekontrolle sicherzustellen. In einer gemeinsamen Studie werden Marker zur Bestimmung der Ovarreserve untersucht, zusätzlich ist die psychische Evaluation der Patientinnen bei der Beratung über fertilitätserhaltende Maßnahmen geplant. Untersuchungen in Kooperation mit der Deutschen Hodgkin-Gruppe sind in die Wege geleitet, angestrebt wird die Zusammenarbeit mit zertifizierten Brustkrebszentren und dem Hodentumor-Register.

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