ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2007Reproduktionsmedizin: Weg zum eigenen Kind führt quer durch Europa

MEDIZINREPORT

Reproduktionsmedizin: Weg zum eigenen Kind führt quer durch Europa

Dtsch Arztebl 2007; 104(38): A-2558 / B-2261 / C-2193

Leinmüller, Renate

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LNSLNS Risiken des „Fertilitätstourismus“ sind mangelnde Qualitätskontrolle und fehlende Nachsorge.

Jährlich wählen knapp 1 000 europäische Paare mit Kinderwunsch für eine Präimplantationsdiagnostik (PID) den Weg in benachbarte Länder, ein weiterer Grund ist die Eizellspende. Ein Viertel der Paare geht diesen Weg, weil die Verfahren im Heimatland verboten sind, für ein Fünftel sind sie dort nicht verfügbar, für jedes siebte Paar (14 Prozent) „zählt“ der Preis. Das ergab eine Onlineumfrage, an der 53 europäische PID-Zentren teilgenommen haben (Grafik).
Wie der Medizinrechtler James Davies aus Newcastle beim Jahreskongress der ESHRE (European Society for Human Reproduction and Embryology) in Lyon berichtete, hätten 36 PID-Zentren die Behandlung ausländischer Patienten bejaht. Den größten „Zuspruch“ hätten nach dieser Auswertung Zentren in Spanien (332), hier würden laut Davies mehr aus- als inländische PID-Paare behandelt; in Belgien (127) sei der Anteil von „Touristen“ und Einheimischen eher ausgewogen. Gut im „Geschäft“ seien Tschechien (110) und Zypern (150).
Ein Problem: Nur ein Drittel der Zentren, die diese Maßnahmen anbieten, nimmt an externen Qualitätskontrollen teil. Zusätzlich scheinen nur wenige die Richtlinien der neuen EU-Direktive „Gewebe“ umgesetzt zu haben, die bis Ende April 2007 hätten in Kraft treten müssen – allerdings ist sie auch in Deutschland erst Ende Juli verabschiedet worden. Sehr kritisch sieht Davies auch die fehlende Nachbetreuung der Paare. So gebe es wenig Informationen über die Kinder.
Ärzte in Irland, der Schweiz und Deutschland trauen sich aufgrund der heimischen Gesetzeslage offensichtlich nicht, Paare über die Möglichkeiten im Ausland zu informieren. Patienten aus Irland müssen sich mit dem Zentrum im Ausland selbst in Verbindung setzen; dieses fordert dann beim heimischen Zentrum die Patientendaten an.
Solche Situationen bezeichnete der Jurist als „äußerst unglücklich“, da Patienten ausgerechnet in einer sehr vulnerablen Phase, in der sie auf medizinischen Rat und Fachverstand zählen müssten, weitgehend auf sich selbst gestellt seien. „Die einzelnen Länder müssen entscheiden, wie sie dieses Problem am besten lösen. Sie sollten dabei auch die Option einer europäischen Harmonisierung bedenken und eher eine vernünftige Regelung als ein Verbot anstreben“, betonte der Brite.
Der Wermutstropfen: Während der Nutzen einer PID bei monogenetischen Erkrankungen unzweifelhaft ist, scheint die Methode eher zu schaden, wenn sie bei älteren Patientinnen als reines Aneuploidie-Screening eingesetzt wird: Ein Team aus Amsterdam hat in einer Doppelblindstudie nach drei Zyklen assistierter Reproduktion mit PID sowohl niedrigere Schwangerschafts- als auch Geburtsraten (25 versus 37 Prozent; 24 versus 35 Prozent) ermittelt als bei den Kontrollen ohne PID. In der Prüfgruppe wurden nur Embryonen übertragen, die bei den visualisierten acht Chromosomen keine Fehlverteilungen aufwiesen. An der Untersuchung hatten 408 Frauen im Alter zwischen 35 und 41 Jahren teilgenommen.
Dr. rer. nat. Renate Leinmüller

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