ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2007Psychotherapie: Psychoboom
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. . . Als 1967 das psychoanalytische Verfahren mit den entsprechenden „Richtlinien“ dazu in den Leistungskatalog der GKV aufgenommen wurde, war man sich über die Folgen kaum im Klaren. Es war der soziale Impetus, der die Verantwortlichen beflügelte. Die Problematik beginnt aber bereits damit, dass bis heute nicht verbindlich geklärt ist, was man unter Gesundheit und Krankheit zu verstehen hat. Relativiert wird eine Definition durch den fließenden Übergang zwischen beiden, und zusätzlich erschwert wird eine Klärung dann, wenn außer den Angaben des vermeintlich Kranken keine sicheren objektivierbaren Daten vorhanden sind. So ist es verständlich, wenn die Autoren meinen, dass rund 32 Prozent der Erwachsenen in Deutschland an einer psychogenen Störung leiden. Was man als „Psychoanalyse“ bezeichnete, war und ist bis heute unklar; es hängt von der Zugehörigkeit zu privaten Vereinen ab, was man jeweils darunter versteht. Die zahlreichen verschiedenen Theoriegebäude dafür kann man allenfalls als Vorstufen einer Wissenschaft bezeichnen. Wenn etwas hilft, mag das hingehen, und zahlreiche Arbeiten über die Wirksamkeit der inzwischen auf etwa 200 Therapieschulen angewachsenen psychotherapeutischen Verfahren liegen vor. Keine davon konnte ihre globale Überlegenheit unter Beweis stellen. Irgendetwas hilft eben immer . . . Den Eintritt in den Kreis der Privilegierten der GKV bestimmt heute ein Ausschuss (G-BA), der es gewiss nicht leicht hat, denn weder gibt es einen verbindlichen Indikationskatalog der zu behandelnden Erkrankungen noch ist sein Urteil das endgültige. Das Bundesministerium für Gesundheit hat das letzte Wort und jetzt mit dem Begriff der „Versorgungsrelevanz“ ein neues Kriterium für die Zulassung verlangt. Wissenschaftlichkeit, Wirksamkeitsnachweis und Zulassungsbedingungen zur GKV sind weiter problematisch und von verschiedenen Interessen geprägt. Sicher hat die Einführung der Psychotherapie als Psychoanalyse in die GKV dazu geführt, dem Beruf des Psychotherapeuten eine Existenzgrundlage zu verschaffen. Der zu verzeichnende Psychoboom dürfte damit zusammenhängen. An der psychotherapeutischen „Versorgung“ nahmen teil: 1941: 241, 1980: 2 580, 1995: 12 829, 2000: 19 917 Psychotherapeuten. Insgesamt nutzen etwa 300 000 Patienten pro Jahr eine ambulante Psychotherapie (G-BA). Dass es angesichts der Krise der GKV so nicht weitergehen kann, dürfte verständlich sein. Den Autoren ist zu danken, auf diese Problematik „mit Sorge“ hingewiesen zu haben.
Dr. med. Claus Ruda, Bamberger Straße 8,
10777 Berlin
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