ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2007DÄ-Wortwechsel: Blick ins Ausland
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Fotos: Georg J. Lopata
Fotos: Georg J. Lopata
„(Eine) Geschichte ist die Summe der Dinge, die uns nicht erzählt wurden“, könnte man in Anlehnung an Don DeLillo sagen. Man mache sich keine Illusionen über die Ausbildung im Ausland. Wie ungut muss es um die Weiterbildung hier bestellt sein, wenn man die ganz beträchtlichen Mühen mit fremder Bürokratie, einer oder mehreren neuen Sprachen auf sich nimmt. Ein neues soziales Umfeld muss man sich erst schaffen. Auch in Irland oder Australien kann und muss man locker 80 bis 100 Wochenstunden arbeiten, nicht ausnahms-, sondern normalerweise. 72 Stunden Wochenenddienst sind die Regel. Auch dort muss man kämpfen um das, was man erreichen will, es herrscht großer Konkurrenzdruck. Man muss wissen, dass es z. B. im australasiatischen Raum eine klinikinterne Beurteilung gibt, die man nie zu sehen bekommt und die, bei Fehlverhalten, wie Widerspruch oder zu selbstständigem Arbeiten, wenn auch nur subjektiv durch den „consultant“ so empfunden, als tatsächliches Zeugnis eine Weiterbeschäftigung im englischsprachigen Raum zunichte machen kann . . . Surfen kann man vielleicht in den vier Wochen Jahresurlaub. „Partydoctors“ heißen dort unwissende europäische Jungärzte, die auf Abenteuer aus sind. Tatsächlich herrscht ein eisernes Regime. Arbeiten und Maul halten, auf die feine englische Art jedoch. Verglichen damit, arbeitet man in den nordischen Ländern immer mit einem ungläubigen Staunen, das sich auch so schnell nicht legen will. Familie hat absolute Priorität. Dennoch verdienen Ärztinnen immer noch bedeutend weniger als Ärzte, ein nach wie vor hochaktuelles politisches Thema. Alles ist zwar gut organisiert, aber alles kann auch sehr lange dauern, bis es umgesetzt wird. Wenn man als Pädiater auf der Intensiv weiterarbeiten will, geht das nicht, weil die von Anästhesisten geleitet wird, Herzkatheter werden von Radiologen monopolisiert etc. Zu viel Einsatz ist unerwünscht, man sei schließlich nicht in Deutschland. Niedergelassene Fachärzte gibt es nicht. Wie klingen also die Weisen dieser internationalen Rattenfänger, denen wir folgen? Klar strukturierte Facharztausbildung mit Mentorenbetreuung, „handledare“ genannt in Schweden und wörtlich begriffen: an der Hand führen. Zwischenanalysen, um das Erreichen der Qualität und Ziele zu gewährleisten. Ermöglichung vernünftiger Familienplanung mit selbstverständlicher Kinderbetreuung ab sechs Monaten und Weiterbeschäftigung, Kindergeld, obligatorischer Vaterschaftsurlaub von mindestens drei Monaten usw. Kategorisch bezahlte Dienste und Überstunden, sodass man als Assistenzarzt in Irland zwar immense Arbeitszeiten hat, dafür am Ende des Monats 6 000 bis 7 000 Euro Nettogehalt, wissend, es handelt sich um die begrenzte Zeit der Weiterbildung. (Bei solchen Gehältern muss man sich im Klaren sein, dass das Geld irgendwo fehlen muss.) 1 500 bis 3 000 Euro, die jedem Assistenten jedes Jahr zustehen, um davon Kongresse, Fortbildungen, Kurse, Fachbücher oder einen neuen Laptop zu bezahlen. Flache Hierarchien. (Respekt ist keine Frage der Hierarchie. Hierarchien dienen dazu, Machtpositionen zu festigen.) Krankenpflegepersonal, mit dem man auf egalitärer Basis arbeitet und das nach einer hervorragenden universitären Ausbildung eine vollkommen selbstständige Arbeitsgruppe darstellt . . . Mafiose Strukturen gibt es dort wie hier, O-Ton Melbourne, Universitätsklinik: „You have to butter up to the ICU mafia if you are to survive.“ Verglichen mit anderen Ländern, ist unser Gesundheitssystem nicht so schlecht, jedoch klar reformbedürftig. Wir haben eine sehr gute Ausbildung, wenn wir sie denn bekommen. Und es gibt sie, die großartigen klinischen Lehrer. Hier. Wenn wir kompetente Fachärzte/innen wollen, müssen wir sie wirklich wollen und in diese Menschen investieren. Finanziell, mit glasklaren Strukturen, klaren Perspektiven, flacher Hierarchie, Anerkennung, Respekt und Begeisterung. Von Anfang an. Es handelt sich um erwachsene Menschen, nicht um erziehungsbedürftige Kinder . . . PS: Die bislang beststrukturierte und effektivste Ausbildung habe ich in einem kleinen zentralamerikanischen Land erhalten. „Ich erwarte, dass du mich übertriffst“ forderte damals meine Mentorin.
Anita Dumitrescu, Lehrter Straße 22, 10557 Berlin
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