ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2007Lehrsammlung am Institut für Anatomie: „Denken ist interessanter als Wissen, aber nicht als Hinschauen“

KULTUR

Lehrsammlung am Institut für Anatomie: „Denken ist interessanter als Wissen, aber nicht als Hinschauen“

Dtsch Arztebl 2007; 104(38): A-2601 / B-2299 / C-2231

Feja, Christine; Löffler, Sabine

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Hirnstamm- Modell, Geschenk der Universität Peking 1957, rechts oben das Original Foto: Lehrsammlung für Anatomie Leipzig
Hirnstamm- Modell, Geschenk der Universität Peking 1957, rechts oben das Original Foto: Lehrsammlung für Anatomie Leipzig
Die Sammlung an der Universität Leipzig möchte dem Betrachter die Schönheit der menschlichen Anatomie neutral und sachorientiert nahe bringen.

Sammlungen sind ein fester Bestandteil an Instituten für Anatomie. Leider sind sie häufig notdürftig betreut und der Öffentlichkeit nicht zugänglich, weil geschultes Personal, ein geeigneter Ausstellungsraum und Geld für eine didaktisch ansprechende Präsentation fehlen. In diese Lücke stößt Gunther von Hagens mit seinen weltweit äußerst erfolgreich laufenden Ausstellungen „Körperwelten“.
Seit 2006 sind eigenwillig präparierte menschliche Körper in der Plastinationsfabrik in Guben an der Neiße als Dauerausstellung zu besichtigen. Die enthäuteten Körper mit Gesichtern, in denen Glasaugen Leben vortäuschen, lösen Faszination oder Abscheu beim Betrachter aus. Die Lehrsammlung am Institut für Anatomie der Universität Leipzig wurde im April 2000 mit Exponaten wiedereröffnet, die nach Bombardierung des Instituts am 4. Dezember 1943 aus den Trümmern gerettet und provisorisch in Kellerräumen zwischengelagert waren.
Verzicht auf spektakuläre Präsentationen
Bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts gibt ein Namensschild den Urheber eines Exponats an, danach fehlt es ebenso wie Hinweise über die Herkunft der Objekte. Die Sammlung bringt die Schönheit der menschlichen Anatomie dem Betrachter neutral und sachorientiert nahe. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, verzichtet die Lehrsammlung auf eine spektakuläre Präsentation und konzentriert sich auf präparatorische Techniken und die dadurch erweiterten Einsichten, wie die in den eröffneten Uterus mit einem Fetus der 16. Schwangerschaftswoche. Ende des 19. Jahrhunderts entstanden im Pariser Atelier Tramond kunstvoll gestaltete Fragmente des Gesichtsschädels, auf die mit hoher Könnerschaft Äste des Nervus trigeminus und des Nervus facialis modelliert wurden. In den 50er-Jahren entwickelte man Kunststoffe, die auch in der Präparationstechnik zum Ausgießen von Hohlräumen, wie Blutgefäßen, benutzt wurden. Nach Polymerisation des Kunststoffs und Mazeration des Weichgewebes durch Laugen entstehen Korrosionspräparate, die die Form des Organs vollkommen wiedergeben. Als Gastgeschenk kam 1957 das von der Universität Peking gefertigte, 60 Zentimeter hohe Modell des beim Menschen circa vier Zentimeter langen Hirnstamms nach Leipzig. Es veranschaulicht in handwerklicher Fertigkeit das auch heute noch aktuelle Wissen über die Ursprungs- und Endkerne der Hirnnerven und deren Austritte aus dem Hirnstamm. Die mit chinesischer Schrift gekennzeichneten Strukturen, nicht entzifferbar für den europäischen Betrachter, runden das Werk zu einem Kunstobjekt ab.
Die Leipziger Lehrsammlung ist für Studierende während des Semesters geöffnet. Dies geschieht in Erinnerung an Wilhelm His, Direktor an der Leipziger Anatomie von 1872 bis 1904, der parallel zu seiner Vorlesung die topografische Anatomie demonstrierte. Dafür gestaltete His zusammen mit dem Leipziger Gipsmodelleur Franz Steger Gipsabgüsse von mit Chromsäure fixierten Körpern in unterschiedlichen Stadien der Präparation. Führungen durch die Lehrsammlung werden von Schülern medizinischer Berufsfachschulen, die keinen Zugang zu Originalpräparaten haben, nach Absprache gern genutzt. Nicht zuletzt versteht sich die Lehrsammlung als Ort künstlerischer Auseinandersetzung mit dem menschlichen Körper für Professoren und Schüler der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Sie haben mit der Installation aus Büttenpapier den Leitspruch der Leipziger Lehrsammlung „Denken ist interessanter als Wissen, aber nicht als Hinschauen“ (Johann Wolfgang von Goethe) ansprechend umgesetzt.
Christine Feja, Dr. med. Sabine Löffler
Prof. Dr. med. Katharina Spanel-Borowski Universität Leipzig, Institut für Anatomie Liebigstraße 13, 04103 Leipzig
E-Mail: Spanelb@medizin.uni-leipzig.de
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