ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/1996Entwicklungsländer: Erhebliche Einwände
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LNSLNS Aus mehreren Gründen habe ich – nach mehrjähriger Facharzttätigkeit in Afrika – erhebliche Einwände gegen den gutgemeinten Vorschlag des Kollegen Mohr, junge, arbeitslose Kollegen in Entwicklungsländern Erfahrungen sammeln zu lassen.
Möge sich doch Herr Mohr einmal in die Rolle dieses jungen "gerade in der Ausbildung" befindlichen Kollegen versetzen: Enttäuscht von Hunderten von Absagen, von unserem Ausbildungssystem und dem Arbeitsmarkt greift er wirklich blauäugig diese Idee auf, gibt Familie, Wohnung und anderes auf, um sich in das Abenteuer "Entwicklungshilfe" zu stürzen. Schon bei seinen Anfragen an die meisten der genannten Entwicklungshilfeorganisationen wird er das erstemal enttäuscht werden, denn das, was gefragt wird, ist spezifische (Tropenmedizin, Public Health) oder sehr allgemeine (chirurgische, gynäkologische) Erfahrung – wie aus der Tabelle des Artikels ersichtlich ist –, die er ja gerade nicht hat. Aber vielleicht hat er ja "Glück" und findet sich in einem afrikanischen oder asiatischen Wald- und Wiesenkrankenhaus wieder. Nun soll er – frisch von seiner Ausbildung weg – Kaiserschnitte machen, Frakturen behandeln, Tropenkrankheiten, die er noch nie gesehen hat, therapieren, Kinder heilen, Impfkampagnen durchziehen und Präventivmedizin betreiben. Schlimmer noch, es gibt keinen, der ihm helfen oder etwas beibringen kann, denn man hat ihn natürlich dahin geschickt, wo kaum andere Ärzte sind. Vielleicht schafft er es wirklich, sich autodidaktisch fortzubilden und dabei nicht allzu viele Opfer seiner Unerfahrenheit in der dortigen Bevölkerung zu hinterlassen, und kehrt nach einigen Jahren stolz auf den hiesigen Arbeitsmarkt zurück. Wohlgerüstet mit Erfahrungen in Äthernarkosen, Malariatherapie, Mangelernährungsbehandlung und Lepradiagnostik begibt er sich zum ersten Bewerbungsgespräch. Der Chefarzt klopft ihm auf die Schultern, lobt sein soziales Engagement und fragt ihn nach seinen Kenntnissen in der modernen Therapie des Herzinfarkts, der Herzechokardiographie oder den Qualitätsstandards der operativen Frakturversorgung. Vielleicht hört unser junger Kollege noch ein Wort des Bedauerns, daß er ja nun doch etwas den Anschluß verloren hätte, und steht mit seinen fünf Sinnen genauso arbeitslos da wie vor seinem "Entwicklungsabenteuer". Herr Kollege Mohr, sind Sie wirklich der Überzeugung, daß wir die Mängel unserer Ausbildungs- und Arbeitsmarktpolitik mit den Geldern der Entwicklungshilfe verbessern sollten?
Christian Bauereis, Josefstraße 37, 82441 Ohlstadt
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