ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2007Ethikkommissionen: Was verschwiegen wird
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Der Arbeitskreis Medizinischer Ethik-Kommissionen sollte intensiver mit Redaktionen von Medizinzeitschriften zusammenarbeiten. Der Einfluss der Pharmaindustrie auf die Veröffentlichung wissenschaftlicher Studienergebnisse beginnt bereits mit einer zu oft ethisch problematischen Vorgeschichte, deren Folgen von Medizinzeitschriften zu beachten sind. Bei von Pharmafirmen finanzierten klinischen Studien werden Mitautoren bezahlt, deren Mitarbeit zu drei Vierteln verschwiegen wird (PLoS Medicine, Bd. 4, 2007). Dabei handelt es sich fast immer um Statistiker. Deren Einfluss auf die Datenauswertung und damit die Ergebnisse bedarf keiner Diskussion. Mit diesem Verschweigen werden unabhängige Studien vorgetäuscht und der Imageverlust „industriefinanziert“ vermieden. Diese Erkenntnisse eines dänischen Cochrane-Zentrums werden durch eine Ärztin ergänzt, die es wissen muss: M. Angell war bis vor fünf Jahren die Chefre-dakteurin des „New England Journal of Medicine“. Ihre Erfahrungen mit der Pharmaindustrie fasste sie in einem Buch zusammen, das vor zwei Jahren auch in Deutschland erschien: „Der Pharma-Bluff“. Exemplarisch sei daraus der marketingwirksame Begriff „Innovation“ angeführt. Die Innovationsrate großer US-Pharmafirmen bei deren jährlichen Arzneimittel-Neuzulassungen beträgt nur 14 Prozent. Deren Entwicklung wurde meist durch staatliche Forschung finanziert. Das erklärt mit die hohen Gewinne der zehn größten US-Pharmafirmen (nach der „Fortune 500“-Liste): Sie erzielen höhere Gewinne als die übrigen 490 Unternehmen zusammengenommen erreichen. Damit fällt es der Pharmaindustrie leicht, mehr als 30 Prozent ihres Umsatzes für Marketingmaßnahmen auszugeben und nur 14 Prozent in Forschung/ Entwicklung zu investieren . . . Wer ärztlicherseits glaubt, über Publikationsvereinbarungen mit der Pharmaindustrie in Forschungsverträgen über klinische Studien spätere Einschränkungen bzw. einseitige Berichterstattung über die Darstellung der Ergebnisse gebannt zu haben, der irrt. Auch bei uns bevorzugt die Pharmaindustrie bei neuen Produkten signifikante Aussagen (Wahrscheinlichkeiten) und Gruppenvergleiche in Prozentzahlen statt informativer Absolutzahlen, z. B. wie viele von 1 000 Patienten haben durch Medikament A einen größeren Benefit als durch Medikament B, bezogen auf längere Überlebenszeiten in Monaten angegeben – unter Berücksichtigung von Lebensqualität. Angaben über NNT (number needed to treat) müssten bei Publikationen zur Pflicht werden . . .
Prof. Dr. med. J. Matthias Wenderlein,
Universitätsfrauenklinik Ulm, Prittwitzstraße 41–43, 89075 Ulm
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