ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2007„Die Sprechstunde“: Zum Abschied leise „Servus!“

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„Die Sprechstunde“: Zum Abschied leise „Servus!“

Dtsch Arztebl 2007; 104(39): A-2646 / B-2336 / C-2268

Tuffs, Annette

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Dr. Antje-Kathrin Kühnemann, Moderatorin der „Sprechstunde“ im Bayerischen Fernsehen: „Prävention hat in jeder Sendung stattgefunden.“ Foto: dpa
Dr. Antje-Kathrin Kühnemann, Moderatorin der „Sprechstunde“ im Bayerischen Fernsehen: „Prävention hat in jeder Sendung stattgefunden.“
Foto: dpa
Nach 34 Jahren schickt der Bayerische Rundfunk die Moderatorin Dr. Antje-Kathrin Kühnemann mit ihrem Gesundheitsmagazin in den Ruhestand.

Auch in den Medien ist mancher Abschied leise – selbst oder gerade nach vielen Jahren und Jahrzehnten, wenn Legenden der deutschen Fernsehgeschichte vom Bildschirm fast unmerklich verschwinden. Erst später wird dann bemerkt, dass wieder eine Ära vorbei ist und dass die Sendung und ihr Moderator eine Lücke hinterlassen haben.
Wenn der Bayerische Rundfunk am Montag, dem 1. Oktober 2007 um 20.15 Uhr zum letzten Mal „Die Sprechstunde“ ausstrahlt, sind fast auf den Tag genau 34 Jahre seit ihrem Debüt vergangen. Wie die erste Sendung am 25. September 1973, wird auch die letzte der insgesamt 1 530 Sprechstunden von Dr. Antje-Kathrin Kühnemann moderiert.
Sogar den Dauerbrenner der Konkurrenz, das „Gesundheitsmagazin Praxis“ im ZDF – es startete fast zehn Jahre früher als die Sprechstunde – hat sie 2005 überrundet, den Rekord von 41 Jahren ununterbrochener Ausstrahlung allerdings nicht erreicht. Bis Anfang der 90er-Jahre war die „Sprechstunde“ quasi eine bundesweite ARD-Sendung, denn bis auf den WDR hatten alle westdeutschen Regionalsender die Sendung übernommen; dann entschieden sich die Sender dafür, eigene Gesundheitssendungen zu produzieren.
Von der Fernsehansagerin zur TV-Sprechstunde
Kaum eine Sendung im Fernsehen, die nicht den Namen des Moderators trägt, ist heute noch so eng mit einer Person und einem Gesicht verbunden. Ältere Zuschauer erinnern sich an Antje-Kathrin Kühnemann vielleicht noch aus der Zeit von 1965 bis 1979, in der sie als Fernsehansagerin bekannt wurde; mit dieser Tätigkeit finanzierte sie sich ihr Medizinstudium in München. Daneben moderierte sie Kindersendungen und Unterhaltungssendungen mit Hans-Joachim Kulenkampff – zusätzlich zur Weiterbildung in Innerer Medizin und Chirurgie – und schließlich seit 1973 die wöchentliche „Sprechstunde“, für die sie mehrfach, unter anderem mit der Goldenen Kamera und dem Bambi, ausgezeichnet wurde. Nach abgeschlossener ärztlicher Weiterbildung baute sie ihr Behandlungszentrum „Vital-Zentrum GmbH“ am Tegernsee auf, in dem sie noch heute, auf wenige Sprechstunden reduziert, ihre Patienten betreut.
Der Abschied von ihrer TV-Sprechstunde fällt ihr nicht leicht, denn sie bedauert, dass die Fernsehsender die älteren Fernsehzuschauer, die die „Sprechstunde“ schätzten, vernachlässigten und bewährte Sendungen absetzten. Der Bayerische Rundfunk (BR) führt dagegen Untersuchungen ins Feld: Einschaltquoten und Zuschauerreaktionen zeigten, dass die Präsentationen für das Publikum nicht mehr so attraktiv und zeitgemäß seien wie früher. „Genau darunter habe ich selbst gelitten“, entgegnet die Moderatorin. „Ich habe versucht, die Entwicklung der Sendung, die auch ich für falsch gehalten habe, zu korrigieren, fand aber beim Bayerischen Rundfunk kein Gehör.“
Eine Rolle könnte die auffällige Zierlichkeit der Moderatorin gespielt haben, die Fragen zu ihrem eigenen Gesundheitszustand aufgeworfen hat. Kühnemann hat diese Gerüchte stets als unwahr zurückgewiesen. Bei ihrer Moderation will sie nicht oberlehrerhaft sein, sondern das komplizierte Fachwissen ihren Zuschauern anschaulich erklären. Einen Teleprompter hat sie nie benutzt, und die Gespräche mit den Experten im Studio wurden stets ungeschnitten – quasi live – gesendet.
Ausrichtung auf Schulmedizin nicht mehr gefragt
Der BR favorisiert nun ein neues Sendekonzept, das ohne Moderator auskommt. Dies müsse, so der BR, im Kontext der Programmreform des Senders gesehen werden. Das Magazin „Gesundheit!“ wird ab dem 9. Oktober 2007 am Dienstagabend um 19 Uhr wöchentlich ausgestrahlt und stellt die Prävention in den Vordergrund. „,Gesundheit!‘ informiert, motiviert, fragt nach und gibt Anstöße, in Sachen Gesundheit selbst aktiv zu werden“, teilt der BR mit. Denn das monothematische Konzept der „Sprechstunde“ mit Ausrichtung auf Schul- und Reparaturmedizin sei nicht mehr in gewohntem Umfang akzeptiert worden. „Bei einem solch exzellenten Sendeplatz wird die Quote stimmen, ganz unabhängig vom Konzept“, kommentiert Kühnemann.
Die Begründungen des BR finden bei ihr auch deshalb kein Verständnis, weil die Zahl der „Sprechstunden“-Sendungen, die sich auf ein Thema konzentrierten, in den letzten Jahren ohnehin erheblich verringert worden waren – sehr zu ihrem Bedauern, denn gerade Sendungen, die sich ausführlich mit einem Thema befassen, würden besser informieren. „Prävention hat in jeder Sendung stattgefunden“, insistiert sie, sowohl was die Verhütung bestimmter Krankheiten angehe als auch generell, und verweist auf zahlreiche Sendungen, die sich mit Bewegung, Ernährung, Entspannungstechniken und anderem befasst haben. „Überhaupt – es gibt nichts, was wir nicht gemacht haben, und die wichtigsten Themen natürlich mehrfach.“ Was von der „Sprechstunde“ bleibt, sind für sie viele Zuschauer, denen sie das medizinische Expertenwissen erklären und dadurch helfen konnte, sowie ein Stück Medizingeschichte in den Archiven des Bayerischen Rundfunks – faszinierende Fortschritte, aber auch Irrtümer.
Krankheiten aus dem
Abseits geholt
Stolz ist sie auf ihre Sendungen zur Früherkennung von Krebs. Wenn sie damit auch im Studio lebensrettende Aufklärungsarbeit leisten konnte, umso besser. Der Chefkameramann hatte rechtzeitig den Hämokkult-Test und dann die Endoskopie machen lassen, um sein Dick-darmkarzinom im Frühstadium entfernen zu lassen. Stolz ist sie auch auf Sendereihen zu Tabuthemen wie Depression, die Krankheiten aus dem Abseits holten.
In ihrer letzten Sendung darf sie noch einmal ihr Idealkonzept verwirklichen: ein Thema mit verschiedenen Studiogästen besprechen, die sie selbst ausgesucht hat, ganz ohne Einspielfilm. Es wird um „Erfülltes Altern – gibt es ein Rezept?“ gehen, und neben der Expertin Prof. Dr. Gertrud Backes werden mit ihr Joachim Fuchsberger, die Schauspielerin Christine Neubauer und der ehemalige Weltklasse-Sprinter Armin Hary im Studio diskutieren.
Ihr eigenes Rezept für das Altern hat Antje-Kathrin Kühnemann bereits gefunden: eine gesunde Balance zwischen der Arbeit in ihrer Praxis, dem Privatleben mit Ehemann, Freunden und Hunden und reduzierten Fernsehauftritten, denn den „Ratgeber Gesundheit“ am Sonntagnachmittag in der ARD wird sie weiterhin, wenn auch selten, im Wechsel mit einer Kollegin eines anderen ARD-Senders moderieren. Annette Tuffs
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