ArchivDeutsches Ärzteblatt13/1997Südindien: Land der Götter und Tempel

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Südindien: Land der Götter und Tempel

Reimers, Dietrich

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LNSLNS Südindien ist noch viel bunter, fremder, eben "indischer" als der vielleicht etwas spektakulärer sich darstellende nördliche Teil des Riesenreiches. Es ist ein Land der Götter und Tempel, die hier Ausmaße ganzer Städte erreichen, und man macht praktisch eine Reise zu den mehrtausendjährigen Mythen, wenn man sich auf den Südteil des Subkontinents einläßt. Hier ist der Hinduismus ganz vorrangig gegenüber indo-islamischen Einflüssen. Tropisch heiß ist es hier, und in den Wildschutzgebieten sieht man entsprechendes Getier, Elefanten vor allem. Das Land ist von der riesigen Hochebene des Dekkan bestimmt, der sich südlich die malerischen Nilgiri-Berge, die "Blauen Berge", und noch südlicher das Kardamom-Gebirge mit seinen großen Gewürzvorkommen anlagern. Bombay, die bedeutendste Hafenstadt und eines der wichtigsten Industriezentren des Landes, ist meist die Startrampe für Reisen in den Süden. Es ist die internationalste indische Stadt, in der auch alle Volks- und Religionsgruppen des Landes präsent sind, neben den Hindus: Moslems, Buddhisten, Jainas, Sikhs, Christen, Juden und schließlich jene Parsen, die ihre Toten auf den luftigen "Türmen des Schweigens" den Geiern zum Fraß aussetzen, da sie Feuer, Wasser und Erde nicht mit Leichnamen zu beschmutzen wagen.
Von Bombay geht es mit dem Flugzeug in den eigentlichen Süden. Erste Station ist Madras, am Indischen Ozean gelegene Metropole, größte Stadt und Wirtschaftszentrum der südlichen Provinzen. Hier darf man vor allem den aus dem 15. Jahrhundert stammenden Kapaleshvara-Tempel nicht versäumen. Der riesige, pyramidal gestaffelte Gopura (Torturm) strotzt nur so von bunten Skulpturen, Wächtern, Yalis (Fabeltieren) und Gottheiten wie etwa dem beliebten elefantenköpfigen Glücks- und Weisheitsgott Ganesha mit seinem Reit- oder Symboltier (alle Hindu-Gottheiten haben solche "Vahanas"), das ausgerechnet eine Maus ist!
Unsere Überlandfahrt mit dem Bus beginnt, knapp 3 000 Kilometer liegen vor uns! Wir passieren buntexotische Straßenmärkte, Fischerdörfer, deren Einbaumboote ein Flair von Urzeitlichkeit verströmen, erreichen Mamallapuram, ein Dorf, das zur Zeit der Pallava-Könige im 7. Jahrhundert eine wichtige Hafenstadt war und das größte aus einem Granitfelsen herausgemeißelte Basrelief der Welt, "die Herabkunft der Ganga", beherbergt, ein Ensemble von Göttern und Schimären, die sich um das Bett der "Ganga" (also des Ganges) herumgruppieren. Auch ein malerischer Strandtempel findet sich hier, der architektonisch so angeordnet ist, daß das Lingam im Tempelzentrum, der Cella, von den Strahlen der aufgehenden Sonne getroffen wird. Das Lingam, des Gottes Shiva Symbol und in all seinen Tempeln präsent, ist ein stilisierter Phallus, meist ein abgerundeter, zylindrischer Stein, der in einem Sockel, der Yoni, der Vulva, steckt und von den Brahmanen mit Schmelzbutter gekremt und mit Blumen geschmückt wird.
Auf der Weiterfahrt erreichen wir die heilige Hindu-Stadt Kanchipuram, deren über 1000jähriger Ekambareshvara-Tempel die riesige Fläche von 9 ha umfaßt, eine Stadt in der Stadt bildet, mit seinen Tortürmen, Höfen, Hallen, Schreinen und Pavillons und einem angeblich 3500 Jahre alten Mango-Baum, dessen Produkte weibliche Schöße fruchtbar machen sollen. Eine Unzahl Brahmanen-Priester, Sadhus und Rishis, pittoreske Gestalten, an denen man sich gar nicht satt sehen kann, bevölkern diese und all die anderen Tempelstädte.
Wir passieren das ehemals französische Gebiet um Pondycherri mit "Auroville", der "Stadt der Morgenröte", in der eine riesige Kugelkonstruktion, das "Matrimandir", errichtet ist, ein von der Unesco gefördertes Meditationszentrum des inzwischen verstorbenen Gurus Sri Aurobindo, des Verfechters eines "integralen Yoga". Auf der Weiterfahrt begegnen wir einem relativ unbeachtet am Straßenrand sitzenden "Überraschungsgott": dem eher unbedeutenden Landwirtschaftsgott Ksetrapal, der irgendwie lustig und struppig aussieht und schlichten Gemütes zu sein scheint - wie seine bäuerliche Klientel!
Ganz anders stellt sich der Gott Shiva in einem der heiligsten Tempel Südindiens, dem 1000jährigen Nateshvara-Tempel in Chidambaram, unserer nächsten Station, dar: Shiva, neben Brahma und Vishnu der dritte in der Trinität der Hindu-Hoch-Götter, der "Weltzerstörer und -verwandler", wird hier als "Herr des Tanzes" verehrt. Sein Reittier ist ein Bulle, der "Nandi-Bulle", Südindiens häufigstes Symboltier, das vor dem Shiva-Tempel des benachbarten Ortes mit dem zungenbrecherischen Namen Gangaikondacholapuram gleich in zwei Riesenexemplaren zu sehen ist.
Über die faszinierenden Tempelstädte Kumbakonam, Darasuram und Tanjore gelangen wir nach Sirangam, dem Zentrum der Vishnu-Verehrung, wo man in der riesigen Ranghanatha-Tempel-Anlage sieben Tortürme durchwandern muß, ehe man zum Hauptschrein gelangt, wobei die skulpturbeladenen Gopurams immer schmuckloser werden, entsprechend dem Hindu-Weltbild, daß alle Pracht sich zur Kargheit und Bedürfnislosigkeit hin zu sublimieren habe. In dem bunten, mit Bettlern und Elefanten angereicherten Straßenbild taucht mehrfach die Skulptur Vishnus, des "Welterhalters", des zweiten Hochgottes des HinduPantheons, auf, wie er auf der zusammengerollten Schlange "Ananta", seinem Reittier, liegend zwischen zwei Weltzeitaltern auf dem Urozean treibt.
Wir passieren die am Cauvery-Fluß gelegene Bezirkshauptstadt Tiruchirapalli mit einem 437 Stufen hohen Rock-Tempel, den wir ächzend besteigen, ehe uns die Landstraße wieder hat, fahren vorbei an malerischen Reisfeldern, die mit Ochsengespannen bestellt werden, an alten Ziehbrunnen und jungen Sarimädchen mit goldfarbenen Wassergefäßen auf den Köpfen und stoßen unversehens auf einen Hügel am Rande der Landstraße, den "Pfauenhügel", auf dem ein dem Kriegsgott Skanda, dessen Vahana der Pfau ist, geweihter uralter Tempel steht. In seinem Dunstkreis sieht man nicht nur die pittoresken Brahmanen und Bettler, sondern auch herrliche Exemplare dieses farbenprächtigen Vogels umherfliegen, ein aufregendes Zusammenspiel von Mythos und Realität! Skanda heißt übrigens "Spritzer", und der Name rührt, wie ein örtlicher Guide uns erklärt, daher, daß Skandas Vater, nämlich der Gott Shiva, seinen Samen, weil er für die göttliche Gattin Parvati "zu stark" war, zu Teilen in das Schilf des Ganges spritzte.
In Indiens größter Tempelanlage, dem Sri Minakshi-Sundareshvara-Tempel im Wallfahrtsort Madurai, verehrt man eine alte Fischgöttin der Tamilen, die "fischäugige Minakshi", die mit der Göttin Parvati gleichgesetzt wird und die nach der Legende drei Brüste hatte, deren überzählige schwand, als sie Shiva, der hier "Sundareshvara" heißt, begegnete. Man sollte sich die allabendliche Zeremonie, wenn die beiden Gottheiten von den Tempelbrahmanen unter großem Tam-tam, Gepolter und Geschrei in Sänften zusammengeführt und zu Bett gebracht werden, nicht entgehen lassen. Sie ist der Clou beim Besuch dieser wunderschönen Anlage mit ihren neun Tortürmen, herrlich ausgestatteten Säulenhallen und dem "Teich der goldenen Lilien".
Indiens Süden hat neben diesen verwunschenen Tempelstädten wundervolle Naturschönheiten zu bieten: Berglandschaften, tropische Niederungen und Meeresküsten. Wir fahren durch die Kardamom-Berge, die bis 2700 m hoch werden, dann ins Peryar-Wildschutzgebiet um Thekkady, durch tropisches Hügelland mit Kautschukplantagen, Bananen- und Kakao-Anbau, vorbei an den endlosen dunkelgrünen Teefeldern, aus denen sich die Pflückerinnen als Farbtupfen abheben, erreichen den Pery-ar-See, an dessen Ufern Büffel- und Elefantenherden grasen, und fahren herunter nach Kottayam, berühmt wegen der mit tropischen Schlingpflanzen überwucherten "Back-Waters", von Palmen gesäumten Wasserarmen, auf denen wir im Boot nach Allepey, dem "Venedig Südindiens", gelangen - ein unvergeßlicher Eindruck am südlichsten Punkt unserer Reise.
Auf dem Landweg geht es dann weiter nach Cochin, der faszinierenden Stadt an der Malabarküste mit den berühmten chinesischen Fischernetzen aus dem 13. Jahrhundert, dem Friedhof der weißen Juden, die seit dem 16. Jahrhundert in Cochin ansässig sind, und dem hier in Kerala beheimateten kunstvollen Kathakali-Tanz, in dem phantastisch gewandete und geschminkte männliche Tänzer Szenen aus den großen indischen Epen darstellen.
Weiter führt uns die Fahrt in die Nilgiri-Berge nach Ootocamund, einer 2200 m hoch gelegenen mit großen Gartenterrassen, Golfplatz und Rennbahn bestückten luftigen Stadt, deren viktorianisches Flair derart überwältigend ist, daß man sich unwillkürlich umguckt, ob nicht so ein khakifarbener, rotbärtiger Kolonialoffizier hinter einem steht und sagt: "Sir?"
Und dann: Die Todas, ein in den "Blauen Bergen" lebender seltsamer Volksstamm unklarer Herkunft. Die Menschen sind groß gewachsen, eher indianisch aussehend, bewohnen niedrige fensterlose, tonnenartige Hütten mit einem 60 cm hohen Kriech-Eingang, der einzigen Öffnung; sie leben vorwiegend von Büffelmilchprodukten, und wenn einer der Ihren stirbt, töten sie einen ihrer Büffel und begraben ihn, auf daß er die Seele des Toten begleite. Und sie treiben Polyandrie: Der Braut stehen neben dem Ehemann auch dessen Brüder zur Verfügung, den Vater eines Kindes sucht sie sich jeweils aus!
Wir passieren die Wildschutzgebiete von Mudumalai und Bandipur, begegnen frei lebenden Elefanten mit einiger Distanz, überall sind riesige Termitenhügel. Und wir gelangen schließlich nach Mysore, der Gartenstadt Indiens, dinieren und schlafen fürstlich im zum Hotel umgerüsteten Palast "Lalitha". Der Stadtpalast des Maharadschas von Mysore ist relativ neuen Datums und voll von eher kitschiger Pracht, nachts ist er mit tausenden Glühbirnen illuminiert wie ein Märchenschloß.
Von großer Schönheit und mythologischer Ausstrahlung ist dagegen der aus dem 13. Jahrhundert stammende Keshara-(Vishnu-)Tempel im nahen Ort Somnathpur, wo man unter anderem eine Skulptur Vishnus in seiner ersten Inkarnation als Fisch, aber auch schöne, wenn auch arg verwitterte in Stein gehauene erotische Gruppierungen, die man in vielen Tempeln sieht, bewundern kann. Eines der drei hinduistischen Lebensziele ist ja Kama, das Erotische, das entgegen der christlichen Auffassung nicht nur als zweckdienlich zur Fortpflanzung, sondern als hochgeschätzter Wert an sich eingestuft wird.
In der Festungsstadt Sri Rangapatna, dem nächsten Ziel, erwartet uns das größte und schönste muslimische Bauwerk Südindiens: Gumbaz, das Mausoleum des legendären Tipu-Sultan, den die Engländer im 18. Jahrhundert besiegten.
Und dann die Begegnung mit der hochrangigsten Pilgerstraße der Jainas: in dem Ort Sravana Belgola führt sie 540 Stufen empor zum Berg-Heiligen Bahubali, einem 17 m hohen Granitriesen aus dem Jahre 983, der größten Monolith-Statue der Welt und dem Wahrzeichen Südindiens! Der Jainismus ist eine Variante des Hinduismus. Seine Anhänger präferieren strenge Askese und treiben das hinduistische Gewalt- und Tötungsverbot so weit, daß sie sich Tücher vor den Mund binden, um keine Insekten einzuatmen.
Wir erreichen nun das Gebiet um die Städte Belur und Halebid, in dem vor 800 Jahren die Hoyshala-Dynastie herrschte und den Tempelstil bestimmte, der durch die auf einer Drehbank gedrechselten Specksteinsäulen und die weiblichen Trägerfiguren, Apsaras oder Devadasis, himmlische Tänzerinnen von großem Liebreiz und sinnlichem Flair, berühmt wurde.
Am Fuße einer dieser schwarzgesalbten Damen, einer Prinzessin, wie es heißt, ist ein Skorpion dargestellt. Aber nicht, wie man uns erklärte, weil sie von einem solchen gestochen worden war, sondern weil sie jahrelang mit niedrig dosiertem Skorpiongift "abgefüllt" worden sei, bis sie selbst giftträchtiger als 20 Skorpione war, um dann per Heirat rivalisierende Königshäuser zu dezimieren. . .
Die ziemlich erschöpften Indienfahrer passieren die Ruinenlandschaft von Hampi, sehen die wunderschönen Tempel von Aihole und Pattadakal zuletzt aber mehr als Kulisse vor dem Fluß Krishna, der "nach Norden, dem magischen Zentrum der Welt, dem Berg Meru" zufließt und in dem Mensch und Tier sich erquicken. . .
Die fantastische Felslandschaft von Badami mit ihren Höhlen-Tempeln und den Badeghats inmitten einer beispiellosen Blütenpracht war eigentlich der Höhepunkt und das Schönste, was ich auf dieser Reise zu sehen bekam. Hier sind tiefer Süden, Tempelschönheit und lockende Flußlandschaft eine einmalige Symbiose von fast lyrischer Dimension eingegangen. Dr. Dietrich Reimers
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