ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2007Hyperkinetische Störungen: Ein bundesweiter Vergleich der Hospitalisationsraten: Schlusswort

MEDIZIN: Diskussion

Hyperkinetische Störungen: Ein bundesweiter Vergleich der Hospitalisationsraten: Schlusswort

Dtsch Arztebl 2007; 104(39): A-2665 / B-2355 / C-2287

Stang, Andreas

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LNSLNS Ich bedanke mich für die interessanten Anmerkungen zum bundesweiten Vergleich der Hospitalisationsraten bei hyperkinetischen Störungen. Scharnetzky et al. spekulieren, dass das in Ostdeutschland bestehende höhere Angebot von Krankenhausbetten in den Fachabteilungen für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie zu einer „angebotsinduzierten Nachfrage“ geführt habe. Ihre Erklärung ist interessant – allerdings noch spekulativer als meine eigenen Erklärungen. Scharnetzky et al. nutzen 2 Annahmen für ihr Argument:
a) die Häufigkeit hyperkinetischer Störungen ist in Ost- und West-Deutschland gleich hoch. Kürzlich erschienene Prävalenzdaten des Kinder- und Jugendsurveys stützen diese Annahme (Schlack et al., 2007); b) die durchschnittliche Bettenauslastung in den Bundesländern ist vergleichbar. Empirische Daten zur Bettenauslastung liefern Scharnetzky et al. nicht. Der statistische Effekt einer größeren Zahl von Krankenhausbetten auf die Hospitalisationsraten kann jedoch durch eine geringere durchschnittliche Bettenauslastung konterkariert werden.
Scharnetzky et al. liefern keine empirische Evidenz, dass eine „angebotsinduzierte Nachfrage“ für hyperkinetische Störungen besteht. Wenn es sie überhaupt gibt, so ist nicht anzunehmen, dass es sie ausschließlich in den neuen Bundesländern gibt. Die angebotsinduzierte Nachfrage müsste demnach in Ostdeutschland exzessiv höher sein als in Westdeutschland, damit es artifiziell zu den sehr großen Unterschieden der Hospitalisationsraten in Ost- und Westdeutschland kommt. Würde die angebotsinduzierte Nachfrage in Ostdeutschland stärker sein als in Westdeutschland, so wäre es plausibel, dass in Ostdeutschland nicht nur die Hospitalisationsraten per se höher sind, sondern auch die medianen Liegedauern, damit die Bettenauslastungen optimiert werden. Die medianen Liegedauern für hyperkinetische Störungen sind jedoch bei der ostdeutschen männlichen Bevölkerung um 1 Tag und bei der weiblichen Bevölkerung um 7 Tage kürzer als bei der westdeutschen Bevölkerung.
Herr Kollege Bode verweist auf 2 wichtige ambulante Versorgungsaspekte: die regionale Häufigkeit von ADHS-Kompetenznetzwerken und Sozialpädiatrischen Zentren. Neben der deutlich niedrigeren ambulanten Facharztdichte für das Gebiet der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie (pro 100 000 Personen), könnten auch fehlende weitere ambulante Versorgungsstrukturen für Kinder mit hyperkinetischen Störungen als Erklärung für die Unterschiede der Hospitalisationsraten in Ost- und Westdeutschland infrage kommen. Zu den von Bode angesprochenen Komorbiditäten kann ich folgende Zahlen berichten: altersstandardisierte Hospitalisationsraten für Hyperkinetische Störungen mit Störung des Sozialverhaltens (ICD-10: F90.1) betragen bei der männlichen Bevölkerung in West- und Ostdeutschland 5,8 beziehungsweise 17,3 pro 100 000. Die Hospitalisationsraten für Hyperkinetische Störungen mit Störung der Aktivität und Aufmerksamkeit (ICD-10: F90.0) betragen bei der männlichen Bevölkerung in West- und Ostdeutschland 2,6 beziehungsweise 7,3 pro 100 000. Die Unterschiede der Hospitalisationsraten zwischen West- und Ostdeutschland sind für die Diagnosen F90.0 und F90.1 in vergleichbarer Größe. Interessanterweise ist die mediane Hospitalisationsdauer für F90.1 bei der männlichen Bevölkerung in Ostdeutschland mit 38 Tagen kürzer als in Westdeutschland (42 Tage).

Literatur
Schlack R, Hölling H, Kurth BM, Huss M: Die Prävalenz der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Bundesgesundheitsbl Gesundheitsforsch Gesundheitsschutz 2007; 50: 827–35.

Prof. Dr. med. Andreas Stang
Sektion Klinische Epidemiologie
Institut für Medizinische Epidemiologie, Biometrie und Informatik
Medizinische Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Magdeburger Straße 8, 06097 Halle (Saale)
E-Mail: andreas.stang@medizin.uni-halle.de

Interessenkonflikt
Die Autoren aller Diskussionsbeiträge erklären, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.

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