ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2007Roman: Elaborierte Fabulierlust

KULTUR

Roman: Elaborierte Fabulierlust

Dtsch Arztebl 2007; 104(39): A-2670 / C-2292

Goddemeier, Christof

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Sieben Jahre nach der Erstveröffentlichung liegt die atemberaubende Lebensbeichte des Sebastián Urrutia Lacroix in der deutschen Übersetzung vor. In einer Fiebernacht schaut der Literaturkritiker, Dichter und Priester zurück auf sein Leben. Nacherzählen kann man diese mit höchst elaborierter Fabulierlust Stationen und Begegnungen umkreisende Suada nur schwer. Da fügen sich an Details des Hauptsatzes atemlose, nicht enden wollende Nebensatzkaskaden in einem flirrenden Erzählstrom, den kein Absatz oder Kapitelneubeginn unterbricht. Nur vordergründig, so scheint es, geht es um die Begegnung des Paters mit seinem Gönner Farewell, um Pablo Neruda und um Ernst Jünger. Nur vordergründig geht es um die Reise des Paters nach Europa, wo er sich darüber informiert, wie man zwischen Straßburg und Madrid die Verunreinigung der Kirchen durch Taubenkot in den Griff zu bekommen sucht. Wenn es brenzlig wird, schließt der Gottesmann gern die Augen oder gibt sich ausufernder Lektüre der Klassiker hin. Die Lebensgeschichte jedes Papstes kennt er auswendig. 1973 lehrt Pater Sebastián die gegen Salvador Allende putschenden Generäle Grundzüge des Marxismus – sie wollen Chiles Feinde verstehen. Am Ende bleibt ihm die Gewissheit, gegen sich selbst, den „vergreisten Grünschnabel“, stets mit der Geschichte gegangen zu sein.
Dieses Nachtstück spiegelt ein halbes Jahrhundert chilenischer Geschichte in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit wider. Zugleich hat der Autor des Meisterwerks „Die wilden Detektive“ (2002) ein fulminantes Buch über die Literatur geschrieben. Inmitten einer Welt aus Heuchelei, Unergründlichkeit und Gewalt behauptet sie stolz ihr Recht. Anerkennung gebührt Heinrich von Berenberg für seine kongeniale Übertragung. Höchst bedauerlich, dass Roberto Bolaño 2003 im Alter von nur 50 Jahren gestorben ist.
Christof Goddemeier

Roberto Bolaño: Chilenisches Nachtstück. Roman. Carl Hanser Verlag, München, 2007, 160 Seiten, gebunden, Schutzumschlag, 17,90 Euro
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