ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2007Harry Graf Kessler: Vom Hauptmann zum „roten Grafen“

KULTUR

Harry Graf Kessler: Vom Hauptmann zum „roten Grafen“

Dtsch Arztebl 2007; 104(39): A-2670 / C-2292

Schneider, Richard E.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Der beachtenswerte sechste Band der auf neun Bände angelegten Edition der Tagebücher von Harry Graf Kessler (*23. Mai 1868 in Paris, †30. November 1937 in Lyon) behandelt den Zeitraum von 1916 bis 1918 und beschreibt seine Zeit an der Deutschen Botschaft in der Schweiz. Harry Graf Kessler, kunstsinniger Sohn eines Hamburger Bankiers und einer irischen Adligen, war bei Kriegsausbruch 1914 aus Paris über London nach Deutschland zurückgereist, um als Hauptmann eines kaiserlichen Regiments am Ersten Weltkrieg teilzunehmen. Nach Bern schickte ihn der damalige Außenamtsstaatssekretär von Jagow mit einer Million Reichsmark im September 1916, um deutsche Positionen in der Öffentlichkeit zu vertreten. Kessler schlug „Musik, Theater, Kunst, selbst Variété“ vor. Durch seine Vermittlung gastierten der Berliner Theaterregisseur Max Reinhardt und der bayerische Komponist Richard Strauss in der Schweiz. Doch gelang es Graf Kessler nicht, Schweizer Zeitungen „anzukaufen“ und für deutsche Kriegsziel-Propaganda nutzbar zu machen.
Später vertrat er Ideen der Weimarer Republik und mutierte zum „roten Grafen“. Bereits am 9. November 1918 hatte er einen Passierschein in der Tasche, der ihm in Berlin den Weg durch Absperrungen in den nächtlichen, von Matrosen besetzten Reichstag öffnete. An seiner Seite befand sich der elsässische Schriftsteller René Schickelé, Redakteur der „Weißen Blätter“, den er in der Schweiz kennengelernt und an sich gebunden hatte. Schickelé sollte für deutsche Kriegsziele eintreten, jedoch sein Pazifismus und sehnlicher Wunsch, zwischen Deutschland und Frankreich Frieden zu stiften, wurden missachtet. Schickelé suchte Geldgeber für seine neue Wochenschrift, doch Kessler hielt ihn und seine Frau lieber frei bei Diners und Einladungen zum Frühstück in den vornehmsten Lokalen der Schweiz. Man diskutierte viel und tiefgründig. Doch Privatbriefe des Elsässers wurden von deutschen Spionen entwendet und gelesen. Bis zum bitteren Ende wurde der unglückliche Schickelé von Graf Kessler eingespannt für reichsdeutsche Interessen.
Historische Augenblicke schildert Graf Kessler kühl-überlegen. So berichtet er im Tagebuch über eine Geburtstagsfeier für den OHL-Befehlshaber Hindenburg im Zelt, bei der er neben Ludendorff Platz genommen hatte. Doch geheime Friedensverhandlungen mit den Franzosen einfädeln wollte er nicht. Graf Kessler, „der Mann mit 10 000 Bekannten“, traf sich am 9. November 1918 in Berlin mit dem in deutscher Festungshaft sitzenden polnischen General Pilsudski, den er in einen Zug nach Warschau setzte, damit er in Polen Staatschef werde. Parallelen zu Lenin 1917 sind unverkennbar. Im neuen polnischen Staat wurde Harry Graf Kessler erster deutscher Botschafter. Schriftsteller Schickelé blieb nach 1918 in Deutschland. Mit Kessler hatte er erwogen, deutsche „rote Matrosen“ ins Elsass einmarschieren zu lassen, um eine autonome Republik zu gründen. Richard E. Schneider

Harry Graf Kessler: Das Tagebuch 1880–1937. Band 6: 1916 –1918. Hrsg. von Günther Riederer, bearbeitet von Christoph Hilse. Klett-Cotta, Stuttgart, 2006, 963 Seiten, Leinen, 58 Euro
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema