ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2007Medizinische Fachangestellte: Arbeitsbienen mit wenig Spielraum

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Medizinische Fachangestellte: Arbeitsbienen mit wenig Spielraum

Dtsch Arztebl 2007; 104(39): A-2679 / B-2371 / C-2299

Klatt, Torsten

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Foto: Eberhard Hahne
Foto: Eberhard Hahne
Überlegungen zur Verantwortung von Ärzten für ihr Personal

Medizinische Fachangestellte bilden das Rückgrat für eine gute ambulante medizinische Versorgung. Deutlich wird dies vor allem dann, wenn eine Fachkraft lange ausfällt und der Arbeitsablauf stark gestört ist. Erschöpfung, Rückzug und Frustration beim Personal können ähnliche Folgen entwickeln. Das ist dann ein schleichender Prozess über viele Monate. Für den Praxisinhaber geschieht das oft unbemerkt. Für den Arzt lohnt sich daher ein Blick auf die aktuelle Situation der Angestellten und dahin, wie der eigene Stützapparat trotz Belastungen und schwieriger Rahmenbedingungen stark bleiben kann.
Die Praxisangestellten arbeiten unter schwierigen Bedingungen:
- Wenig Einfluss. Die Arzthelferinnen selbst messen ihrer Arbeit eine große Bedeutung zu. Sie stellen sich hohen Anforderungen im eigenen Berufsfeld, haben dabei aber gleichzeitig einen geringen Einfluss auf dessen Gestaltung. Das zeigt sich etwa in einem verkümmerten Vorschlagswesen oder darin, dass Teambesprechungen nur unregelmäßig oder gar nicht stattfinden. Probleme oder Wünsche werden nicht offen angesprochen (Abhängigkeitsgefühl, Angst um den Arbeitsplatz, keine Alternativen für einen Arbeitsplatzwechsel).
- Hohe Belastung. Medizinische Fachangestellte müssen viele Dinge gleichzeitig im Blick haben: Permanentes „Multitasking“ in den Bereichen Patient, Arzt, Technik, Organisation verursacht oft Stress.
- Niedriges Gehalt. Zwischen Qualifikationsniveau (mittlerer Bereich) und Einkommensniveau (unterer Bereich) gibt es eine deutliche Differenz.
- Kürzung beim „zweiten Lohn“. Arzthelferinnen entscheiden sich für ihren Beruf nicht vorrangig aus finanziellen Gründen, sondern suchen in ihrer Arbeit zusätzlich Anerkennung, Bestätigung, Teilhabe und Gemeinschaft. Die veränderten Rahmenbedingungen im Gesundheitswesen schlagen allerdings auch auf diese Form der Entlohnung durch. Patienten müssen länger warten und mehr selber bezahlen. Deshalb sind sie häufiger unzufrieden als früher. Die Arbeitsbelastung und die Verpflichtungen der Ärzte nehmen zu. Auf die Angestellten kommen neue Anforderungen zu. Da bleibt auf beiden Seiten wenig Zeit, gute Leistungen entsprechend zu würdigen.
- Fehlender Rückhalt. In der gesellschaftlichen Diskussion um Arbeitsbedingungen kommt die Berufsgruppe der Medizinischen Fachangestellten (mit Zahnarzt- und Tierarzthelferinnen sind dies immerhin eine halbe Million Angestellte) kaum vor. Zum Beispiel sind Praxisangestellte in der Regel als
Erste von Arbeitslosigkeit bedroht, wenn sinkende Umsätze zu Rationalisierungsmaßnahmen zwingen.
- Offene Fragen. Unklare Organisationsstrukturen und Kompetenzzuweisungen sowie das Fehlen von qualifizierten Stellenbeschreibungen, Personalentwicklungsgesprächen und eindeutigen Arbeitsanweisungen führen oft zu Problemen und Belastungen im Arbeitsablauf.
Zu den Auswirkungen dieser Arbeitsbedingungen sowohl auf die Angestellten als auch auf die Praxis als Unternehmen gibt es kaum empirischen Daten. Je nach persönlicher Situation der Angestellten und Struktur der Praxis dürften schwindende Motivation und Beteiligung, geringere Arbeitsleistung und Effektivität, Aufschub eigener gesundheitlicher Belange mit Spätfolgen, Scheingefechte im Praxisalltag, Probleme im privaten Umfeld, Ausbrennen, Arbeitsplatzwechsel und Krankheit mit langen Fehlzeiten häufige Folgen dieser Arbeitsbedingungen sein.
Auf die politischen Rahmenbedingungen hat der Arzt keinen Einfluss. Richtig ist es aber auch, dass neben dieser Perspektive auch die der eigenen Verantwortung als Führungskraft gibt und dass der Verweis auf die Verantwortung der Politik nicht immer entlasten kann. Es gibt durchaus einige wichtige Handlungsmöglichkeiten, die dem Praxisinhabers zur Verfügung stehen, klar in seinem Verantwortungsbereich liegen und keiner politischen Einflussnahme bedürfen. Diese Möglichkeiten und Strategien wirken in kurzer Zeit und können so zu einer Entschärfung der teilweise belastenden Arbeitssituation beitragen. Zudem stärkt der Praxisinhaber damit seine Mitarbeiter nachhaltig, sorgt für ihre Gesundheit, verbessert das Arbeitsklima und die Motivation. Der Praxisalltag läuft reibungsloser, zielgerichteter, effektiver und für alle mit einer größeren Zufriedenheit.
1. Patienteninformation
Der Arzt sollte seine Patienten über die Situation seiner Angestellten informieren. Das weckt Verständnis und zeigt, dass der Arzt sich für die Belange seines Personals einsetzt. Eine Möglichkeit ist ein Aushang im Wartezimmer: „Bitte haben Sie Verständnis für die Situation der Arzthelferinnen. Sie müssen mehrere, oft nicht leichte Aufgaben gleichzeitig erfüllen: auf die Wünsche und Fragen der Patienten eingehen, einen geordneten Sprechstundenablauf organisieren und teilweise komplizierte bürokratische Vorgänge abwickeln. Längere Wartezeiten sind von uns allen nicht gewollt. Sie ergeben sich häufig aus der Tatsache, dass unsere Arbeit nicht immer planbar ist.“
2. Gesundheitsvorsorge
In der Stellenbeschreibung oder im Qualitätsmanagement sollte klar geregelt werden, wie sich der Praxisinhaber den Schutz und die Förderung der Gesundheit aller Mitarbeiter vorstellt, welche Rahmenbedingungen dafür notwendig sind und welche Instrumente eingeführt werden sollen. Mögliche Maßnahmen:
- Die zielgerichtete Information der Mitarbeiter über eigenverantwortliche Gesund­heits­förder­ung im Personalgespräch
- Die Festlegung von Maßnahmen und Konsequenzen bei dauerhaften gesundheitlichen Problemen oder Überlastung
- Das Benennen von externen Ansprechpartnern (vertrauliche Beratung) zu Fragen der Reduzierung der psychomentalen Belastung – auch im privaten Bereich
- Die Möglichkeit, Erschöpfungszustande und gesundheitliche Probleme im Team anzusprechen
- Der Arzt bietet seine Hilfe auch dann an, wenn der Mitarbeiter wegen privater Probleme den Kopf für die Arbeit nicht frei hat.
- Probleme, die die Arbeit schwerer machen als sie sein sollte, werden im Team angesprochen, Störfaktoren werden eliminiert.
- Der Praxisinhaber geht mit gutem Beispiel voran und nimmt seine eigene Gesundheit ernst.
3. Teamarbeit
Die Patientenversorgung sollte als Teamleistung verstanden werden: eine Zusammenarbeit der Professionen, die geprägt ist von einem achtungsvollen und sich gegenseitig akzeptierenden Miteinander. Mitarbeiter sind auch „Wundertüten“, die mit positiven Überraschungen aufwarten – wenn man sie lässt. Es werden nicht nur die Probleme und das noch zu Bewältigende benannt, sondern der Arzt spricht auch Anerkennung für das Geschaffte und Geleistete, für Ideen und Einsatz aus.
4. Fortbildung
Fort- und Weiterbildungen der Mitarbeiter gilt es zu fördern und zu
fordern. Dabei sollten die neuen Kompetenzen sowohl der Praxis zugute kommen können als auch Aufstiegschancen im gesamten Gesundheitswesen ermöglichen. Das erhöht die Arbeitsmotivation der Mitarbeiter, flexibilisiert sie und lockert Abhängigkeitsvorstellungen und damit verbundene Ängste.
5. Führen
Gesunde und motivierte Mitarbeiter sind eine Führungsaufgabe. Mitarbeiter „funktionieren“ nicht einfach nur. Ein motiviertes Team benötigt auch den steten Prozess der Auseinandersetzung, Veränderung und Anpassung. Diesen Prozess am Laufen zu halten, ist Aufgabe des Chefs. Wichtig ist es auch, Transparenz zu schaffen: Werden Entscheidungen verstanden, sind sie leichter annehmbar.
6. Qualitätsmanagement (QM)
Die verschiedenen QM-Systeme bieten gute Anhaltspunkte für eine Entlastung und Stärkung der Praxismitarbeiter, etwa regelmäßige, strukturierte Mitarbeitergespräche, Stellenbeschreibungen und Regelung der Verantwortlichkeiten, regelmäßige Teambesprechungen, Vorschlagswesen, positive Rückmeldungen, Förderung der Gesundheit am Arbeitsplatz, regelmäßige Feststellung des Weiter- und Fortbildungsbedarfs, Leitbild der Praxis als „Kompass“ in der Arbeit oder auch die Förderung von zielgerichteter Kooperation.
Mit diesen Optionen hat der Arzt die Gesundheit seiner Mitarbeiter gut im Blick. Sinnvollerweise sollte er mit kleinen Schritten anfangen. Zunächst ist zu reflektieren, was in der Praxis bereits gut läuft. Dazu bieten sich Gespräche mit den Mitarbeitern an. Darauf aufbauend sollte der Arzt genau prüfen, was für seine Praxis und seinen Versorgungsauftrag von Nutzen ist. Erst dann stehen Veränderungen und Neuerungen auf dem Programm.
Torsten Klatt
E-Mail: loesungenfinden@freenet.de
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