ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSSUPPLEMENT: PRAXiS 3/2007Praxisbewertungen: Eine kritische Bestandsaufnahme

SUPPLEMENT: PRAXiS

Praxisbewertungen: Eine kritische Bestandsaufnahme

Dtsch Arztebl 2007; 104(39): [3]

Koch, Wolfgang; Wegmann, Jürgen

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Foto: vario images/fotolia [m]
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Eine Aufteilung in einen Substanzwert und einen pauschalen Goodwill wird dem Wert einer Arztpraxis nicht gerecht.

Die räumlich getrennte Einzelpraxis als Leitbild der freiberuflichen Tätigkeit verliert an Bedeutung. Sie wird verdrängt durch Praxisgemeinschaften, örtliche und überörtliche Gemeinschaftspraxen, Medizinische Versorgungszentren (MVZ), Praxisverbünde und sonstige Kooperationsformen, wie etwa die informelle Zusammenarbeit von Einzelpraxen oder Gemeinschaftspraxen in Ärzte- oder Gesundheitshäusern. Während die unmittelbare Arzt-Patient-Beziehung bisher die überwiegende Einflussgröße bei der Bewertung von Praxen war, treten Einflussgrößen wie Standortfaktoren, Vertretungen, interdisziplinäre Behandlungen, gemeinsame Verwaltung und Kosteneinsparpotenziale in den Vordergrund. In diesem Zusammenhang ist auch ein Umdenken bei der Bewertung von Arztpraxen erforderlich.
Die Bewertung von Arztpraxen war bisher geprägt durch Verfahren, die letztendlich immer individuell einen Wert rechtfertigen sollten, der mit betriebswirtschaftlich begründeten Werten nicht viel gemein hatte. Dies lag zum Großteil darin begründet, dass zum Beispiel im Fall einer Praxisnachfolge der Kaufpreis vor allem die Übernahme des Patientenstamms vergüten sollte und somit unmittelbar von persönlichen Einflussgrößen, wie Sympathie, Antipathie und Einbindung des Arztes in sein soziales Umfeld, abhängig war. Mit zunehmenden Kooperationsmöglichkeiten und -notwendigkeiten niedergelassener Ärzte erscheint diese Praxis obsolet.
Während im normalen wirtschaftlichen Umfeld eine Bewertung auf Augenhöhe zwischen Verkäufer, Bewerter und Käufer stattfindet, ist bei den Bewertungen von Arztpraxen festzuhalten, dass Verkäufer und Käufer auf der einen und der Bewerter auf der anderen Seite über sehr unterschiedliche ökonomische Kentnisse verfügen. Deshalb kommt der Bewertungskompetenz des Praxisbewerters eine besondere Verantwortung zu. Er hat neben der Bewertung auch die Aufgabe, eine betriebswirtschaftliche Transparenz für alle Beteiligten herbeizuführen.
Eine Aufteilung in einen Substanzwert und einen pauschalen Goodwill wird dem Wert einer Arztpraxis nicht gerecht, weil die Ertragspotenziale nicht ausreichend gewürdigt werden. Dabei ist ein ständiges Wiederholen der überholten und diffusen Bewertungsmethoden nicht zielführend, weil die Frage nach der richtigen Bewertungsmethode lange geklärt ist. In der Betriebswirtschaftslehre ist der alte Methodenstreit über die Bewertungsverfahren seit mehr als 30 Jahren zugunsten des einfachen und effektiven Ertragswertverfahrens entschieden. Entgegen der oft in der Literatur zur Bewertung von Arztpraxen angeführten Argumente, eine Praxisbewertung sei durch eine Ertragswertberechung nicht zu leisten, berücksichtigt die Ertragswertmethode sehr wohl auch die Besonderheiten einer Arztpraxis.
Für den Verkäufer stellt der Verkauf seiner Praxis einen zentralen Baustein seiner Altersversorgung dar. Der Käufer legt mit dem Kauf einer Praxis und dem damit verbundenen Kaufpreis den Grundstein für seine persönliche wirtschaftliche Entwicklung in den nächsten Jahren. Daher sollten Verkäufer und Käufer sicher sein, dass sich der Bewerter der Praxis anerkannter betriebwirtschaftliche Erkenntnisse bedient.
In Zukunft werden Praxisbewertungen zunehmen. War früher der zentrale Anlass eine Nachfolge durch den Verkauf der Praxis, kommen weitere Anlässe hinzu – etwa durch die Einbringung von Praxen in größere Einheiten. Auch die MVZ werden bewertet werden müssen, wenn sich Krankenhäuser, Kran­ken­ver­siche­rungen oder anderen Investoren über medizinische Leistungserbringer im Sinne des SGB V an einem Zentrum beteiligen wollen. Gerade weil diese größeren Einheiten einen deutlich höheren Wert darstellen als Einzelpraxen, ist es unabdingbar, dass zeitgemäß bewertet wird, um nicht die Beteiligten am MVZ durch falsche Gutachten aufgrund überholter Bewertungsmethoden unangemessen abzufinden.
Besonderheiten
Für eine sachgemäße Bewertung ist es wichtig, auf die spezifischen Erfolgs- und Misserfolgsparameter einer Praxis einzugehen. Hierzu ist einmal erforderlich, die Umsätze nach gesetzlich und privat versicherten Patienten differenziert darzustellen. Wichtig ist auch der Anteil der Selbstzahlerleistungen. Eine pauschale Hochrechnung eines Goodwills mit einem Prozentsatz der Gesamtumsätze wird den unterschiedlich hohen Deckungsbeiträgen dieser Umsatzgruppen nicht gerecht. Nimmt man zum Beispiel den (theoretischen) Fall zweier gleich eingerichteter Praxen an unterschiedlichen Standorten mit gleich hohen Umsätzen, in der einen Praxis nur mit Patienten aus der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) und in der anderen Praxis nur mit Patienten aus der privaten Kran­ken­ver­siche­rung, so käme man nach den alten pauschalen Verfahren mit der Ermittlung eines Goodwills aus einem bestimmten Prozentsatz des Umsatzes zu identischen Unternehmenswerten – und dies, obwohl die Umsätze mit den Privatpatienten bei gleicher Kostenstruktur zu höheren Erträgen führen. Hier zeigt sich die Unhaltbarkeit der alten Bewertungsmethode. Gleiches gilt auch für Verträge mit Krankenhäusern über die Versorgung stationärer Patienten sowie für integrierte Versorgungsverträge.
Inwieweit die ertragsstärkeren Umsätze mit den Privatpatienten und durch individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) erzielt werden können, hängt vom Standort der Praxis und von der Bevölkerungsstruktur in der unmittelbaren Umgebung ab. Entscheidend sind auch eine freundliche Praxisatmosphäre durch eine angenehme Raumaufteilung und eine moderne Einrichtung. Dies kann nur bei einer Erhebung vor Ort durch den Praxisbewerter zutreffend eingeschätzt werden. Das Umsatzsteigerungspotenzial aus einem solchen Standortvorteil ist entscheidend, wenn es der Praxis gelingen soll, aufgrund der Begrenzung der Umsätze mit Patienten der GKV weitere Umsätze mit Privatpatienten und durch IGeL zu erzielen.
Neben den Umsätzen ist die Kostenstruktur einer Praxis für das Ertragspotenzial entscheidend. Daher ist es erforderlich, die einzelnen Kostenpositionen zu analysieren und deren Konstanz oder eine Verbesserung für die Zukunft festzustellen. Einen Hauptteil der Kosten stellen die Personalkosten dar. Der Ansatz eines fiktiven Arztgehalts für den Praxisinhaber, der seinen Lebensunterhalt durch die Entnahme des Gewinns bestreitet, ist sachgerecht. Entscheidend sind das Betriebsklima und eine Organisation der Praxis, die ein effektives Arbeiten des Arztes und des Personals ermöglichen. Erst nach einer Analyse ist eine Aussage über die weitere Entwicklung des Ertragspotenzials der Praxis möglich.
Im Hinblick auf die technische Einrichtung und die Möblierung der Praxis müssen Abschreibungen, Instandhaltungen und Neuinvestitionen berücksichtigt werden.
Zur Arzt-Patient-Bindung
Für die Einschätzung eines nachhaltigen Ertragspotenzials einer Praxis ist es entscheidend, ob das Umsatzpotenzial aus dem spezifischen Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient erhalten bleiben kann. Dieses Risiko wird durch Zuschlag beim Kapitalisierungszins berücksichtigt. Durch die Erhöhung des Kapitalisierungszinssatzes vermindert sich der Wert der Praxis.
Im Hinblick auf das Risiko der Umsatzminderung nach Ausscheiden des seine Praxis aufgebenden Arztes ergibt sich heute eine neue Betrachtung durch die Größe der Praxen. Je mehr Ärzte in einer Praxis tätig sind, je weniger spielt das persönliche Arzt-Patient-Verhältnis eine Rolle. Dementsprechend gering ist das Risiko einer Abschwächung des Umsatzpotenzials. Bei der Einbringung einer Praxis in eine größere Einheit ist eine Verflüchtigung der Arzt-Patient-Bindung nicht mehr relevant, weil der Arzt seine Praxis weiterführt und Patienten, die ein Vertrauensverhältnis zu ihm aufgebaut haben, weiter betreuen kann. Zudem wird die Arzt-Patient-Bindung zunehmend durch eine Praxis-Patient-Bindung ersetzt.
Fazit: Die Ertragswertmethode mit ihren differenzierten Analyseansätzen führt in allen Fällen zu angemessenen Unternehmenswerten einer Arztpraxis. Besondere Risiken können durch eine Anpassung des Kapitalisierungszinssatzes berücksichtigt werden.
Die umfassende Analyse der einzelnen Posten der Erfolgsrechnung im Rahmen der Unternehmensbewertung nach der Ertragswertmethode führt auch dazu, dass strukturelle Defizite, die sich wertmindernd auswirken, frühzeitig erkannt werden und gegebenenfalls vor der Aufnahme von Verhandlungen mit einem potenziellen Erwerber oder vor einer Einbringung in ein MVZ beseitigt werden können.
Die hier im Überblick vorgestellte differenzierte Bewertung einer Praxis ist in hohem Maß wertbildend und bietet eine gute Verhandlungsgrundlage für den Kauf, Verkauf oder eine Einbringung. Gerade weil für viele Ärzte die Praxis ein wesentlicher Teil der eigenen Altersvorsorge ist, wird sie mit dieser wertadäquaten Bewertung angemessen realisiert.
Es ist an der Zeit, die Blackbox der Praxisbewerter für den Arzt zu öffnen. Die Verkäufer beziehungsweise Käufer haben es verdient, dass man sich als Bewerter der anerkannten Bewertungsverfahren bedient. Hierzu zählt das in der Wirtschaft seit mehr als 30 Jahren anerkannte Ertragswertverfahren. Den „hausgemachten“ Verfahren der Praxisbewerter fehlt es an einer betriebswirtschaftlich allgemein anerkannten sachlichen Grundlage. Diese sind daher für eine Praxisbewertung abzulehnen. Der Arzt als Unternehmer hat es verdient, auch beim Verkauf beziehungsweise beim Kauf einer Praxis als solcher behandelt zu werden. Prof. Dr. Wolfgang Koch
Prof. Dr. Jürgen Wegmann
Internet: www.kwu-online.de
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