ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSSUPPLEMENT: PRAXiS 3/2007Insolvenz: Damit der Kuckuck leer ausgeht

SUPPLEMENT: PRAXiS

Insolvenz: Damit der Kuckuck leer ausgeht

Dtsch Arztebl 2007; 104(39): [6]

Zwoll, Christiane van

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Der junge Radiologe dachte, das große Los gezogen zu haben. Nach einer mehrjährigen Tätigkeit als Arzt in den USA war er in eine seit vielen Jahren bestehende und sehr angesehene radiologische Gemeinschaftspraxis eingetreten. Die Praxis wurde von einem ehemaligen Chefarzt und einem früheren Oberarzt eines nahe gelegenen Krankenhauses betrieben. Dem Arzt war die Praxis in zwei Gesprächen von seinen künftigen Partnern vorgestellt worden. An jenem Abend, an dem das zweite Gespräch über eine gesellschaftsrechtliche Beteiligung des jungen Arztes an der Gemeinschaftspraxis geführt worden war, hatten die beiden Seniorpartner den vorgefertigten Gesellschaftsvertrag hervorgeholt. Ohne die Zahlen der Gemeinschaftspraxis zu überprüfen und auch ohne den vorgelegten Vertrag rechtlich prüfen zu lassen, hatte der 38-Jährige den Vertrag unterschrieben.
Bald kam das böse Erwachen: Der junge Radiologe war in eine Gemeinschaftspraxis eingetreten, die seit Jahren mit Verlusten arbeitete. Der ehemalige Chefarzt der radiologischen Gemeinschaftspraxis war nicht mehr dazu bereit, sich beruflich für die Praxis zu engagieren. Der zweite Arzt der Gemeinschaftspraxis, der ehemalige Oberarzt, litt unter Depressionen und stellte seine praktische Tätigkeit unmittelbar nach Unterzeichnung des Gemeinschaftspraxisvertrags ein. Der neue Partner hatte die Gemeinschaftspraxis somit de facto allein zu führen und durch seine Tätigkeit gegen die bereits bestehenden und sich weiter anhäufenden Verbindlichkeiten anzukämpfen. So musste der junge Arzt feststellen, dass die Praxis rund 50 Gläubiger und etwa 1,2 Millionen Euro Schulden hatte.
In seiner Not wandte sich der Radiologe an eine Rechtsanwältin, die sich auf die außergerichtliche Sanierung von Ärzten spezialisiert hat. Diese analysierte schnell, dass der junge Arzt in eine typische Haftungsfalle getappt war: Er war sich nicht bewusst gewesen, dass ein in eine Gemeinschaftspraxis eintretender Arzt für sämtliche Altverbindlichkeiten der Praxis haftet.
Nach einer ausführlichen Analyse der wirtschaftlichen Situation des Radiologen kontaktierte die Anwältin alle Gläubiger der Praxis und unterbreitete ihnen einen außergerichtlichen Sanierungsvorschlag. Dieser beinhaltete, dass der Arzt den Gläubigern im Rahmen eines Vergleichs sein gesamtes Vermögen zur Verfügung stellte (anteilig, quotenmäßig und mit beschränkter Gesamtwirkung). Insgesamt bot der Radiologe den Gläubigern somit eine Zahlung in Höhe von 150 000 Euro an; im Gegenzug sollten diese auf die anteiligen Forderungen ihm gegenüber in Höhe von 400 000 Euro verzichten.
Allerdings verfügte der junge Arzt lediglich über ein Barvermögen in Höhe von 50 000 Euro. Er war aber zusätzlich dazu bereit, seine vertragsärztliche Zulassung zu verkaufen, was einen Erlös von weiteren 100 000 Euro erbrachte. Da der Vertragsarztsitz nicht in eine Insolvenzmasse fällt, erkannten die Gläubiger, dass sie im Fall des Vergleichs mehr zum Ausgleich ihrer Verbindlichkeiten erhalten würden als im Fall der Durchführung eines Insolvenzverfahrens zu erwarten wäre. Alle Gläubiger erklärten sich mit dem Einigungsvorschlag einverstanden. Der junge Arzt stieg aus dem Gesellschaftsvertrag aus und hat sich inzwischen eine neue Existenz als Radiologe in einer anderen Gemeinschaftspraxis aufgebaut.
Es ist erfreulich, wenn, wie in diesem Fall, durch eine außergerichtliche Sanierungsberatung ein Arzt von seinen Schulden komplett befreit werden und er sich eine neue Existenz aufbauen kann. Die Erfahrung zeigt, dass vielen Ärzten, die sich in einer wirtschaftlichen Schieflage befinden, geholfen werden kann. Diese Hilfe sollte – wie dieser Fall zeigt – jedoch nicht erst beginnen, wenn die wirtschaftliche Schieflage da ist, sondern nach Möglichkeit bereits bei der Existenzgründung. So können viele Fehler im Vorfeld vermieden werden. Dr. jur. Christiane van Zwoll*

* Die Autorin hat ein Buch zu dem Thema geschrieben: Christiane van Zwoll: Die Arztpraxis in Krise und Insolvenz. Ein praktischer Ratgeber. RWS Verlag, Köln, 2007, 212 Seiten, kartoniert, 42 Euro.
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