ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2007Medizinische Fachangestellte: Überfällige Besserstellung

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Medizinische Fachangestellte: Überfällige Besserstellung

Dtsch Arztebl 2007; 104(40): A-2681 / B-2373 / C-2301

Gerst, Thomas

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LNSLNS Das Anforderungsprofil klingt vielversprechend und gleichzeitig anspruchsvoll: Die Medizinische Fachangestellte muss sich für Medizin interessieren, gerne mit Menschen umgehen, teamfähig sein, Verantwortungsbewusstsein besitzen, belastbar und verschwiegen sein, Lust am Lernen haben. Der Job erfordere fundiertes medizinisches Fachwissen, organisatorisches Talent und einen feinfühligen Umgang mit Menschen – so steht es zum Beispiel in den allgemeinen Informationen der Ärztekammer Nordrhein zum Berufsbild der Medizinischen Fachangestellten.
Die Medizinische Fachangestellte muss aber auch noch über eine weitere besondere Fähigkeit verfügen: Sie muss äußerst sparsam mit ihrem eigenen Geld umgehen können. Denn ausgehend vom Gehaltstarifvertrag liegt das ihr zur Verfügung stehende Monatsnettogehalt in den ersten drei Berufsjahren unter 1 000 Euro (Brutto 1 322,14). Mit einem Bruttostundenlohn von 7,92 Euro befindet sich die Medizinische Fachangestellte im Niedriglohnbereich. Wer mag, kann jetzt noch über die von der WHO vorgegebenen Richtwerte zur Berechnung der relativen Armutsgrenze reflektieren.
In den vergangenen Jahren hat der Verband medizinischer Fachberufe und mit ihm die Mehrzahl der Arzthelferinnen solidarisch den Protest der niedergelassenen Ärzte gegen Honorareinschnitte begleitet. Jetzt benötigen diese selbst Unterstützung. Die letzte Tariferhöhung für die Medizinischen Fachangestellten war im Jahr 2004 und betrug ein Prozent. Dabei ist in den neuen Bundesländern die Vergütung nach Tarifvertrag noch die Ausnahme; und man sollte davon ausgehen, dass dort eher selten übertariflich bezahlt wird. Inzwischen sind die Medizinischen Fachangestellten am unteren Ende der Einkommensskala angelangt. Zum Vergleich: Eine Sachbearbeiterin in einer Ersatzkrankenkasse erhält nach Vollendung des 20. Lebensjahrs 1 713 Euro, fünf Jahre später bezieht sie ein Gehalt in Höhe von 2 352,55 Euro (Stundenlohn: 13,54 Euro).
So ist nicht verwunderlich, dass in den Arztpraxen die Zahl der Neuabschlüsse von Ausbildungsverträgen seit Jahren rückläufig ist. Viele Arbeitgeber scheuen wegen der angespannten Honorarsituation das Risiko eines Ausbildungsvertrags; diejenigen wiederum, die ausbilden wollen, haben Schwierigkeiten, geeignete Kandidatinnen für die anspruchsvolle Tätigkeit zu finden, bieten sich doch für qualifizierte Bewerberinnen anderenorts bessere Perspektiven.
Der Verband medizinischer Fachberufe e.V. hat den Gehaltstarifvertrag von 2004 zum 30. April 2007 gekündigt. Inzwischen liegt die Forderung nach fünf- bis 20-prozentigen Gehaltserhöhungen – je nach Tätigkeitsgruppen – auf dem Tisch. Auch den Arbeitgebern ist klar, dass es mit dem Nullwachstum bei den Gehältern der Medizinischen Fachangestellten nicht weitergehen kann – gerade auch vor dem Hintergrund, dass die seit 2006 geltende neue Ausbildungsverordnung die Anforderungen an den Beruf noch erhöht. Um Einkommenssteigerungen für die Ärzte finanzierbar zu machen, dringen beide Tarifparteien auf eine Berücksichtigung der Leistungen des medizinischen Fachpersonals im neuen EBM. Am 10. Oktober werden die Tarifverhandlungen fortgesetzt; ab dem 11. Oktober trifft sich der Erweiterte Bewertungsausschuss, um über den EBM zu entscheiden. Wie auch immer diese Verhandlungen ausgehen mögen: Den Ärzten muss klar sein, dass der Erfolg ihrer Praxis nicht zuletzt vom Engagement, der Kompetenz und Zuverlässigkeit der Mitarbeiterinnen abhängt – allesamt Tugenden, die sich im Niedriglohnbereich nicht so leicht entfalten.
Thomas Gerst. Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik
Thomas Gerst.
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