ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2007Ambulante Soziotherapie: Von den Patienten gut angenommen

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Ambulante Soziotherapie: Von den Patienten gut angenommen

Dtsch Arztebl 2007; 104(40): A-2710 / B-2395 / C-2322

Pilz, Wolfgang

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LNSLNS Die praktische Umsetzung der ambulanten Hilfe und Begleitung für schwer psychisch Kranke hakt auch an den hohen Zulassungskriterien für Soziotherapeuten.

An manchen Tagen verlässt Herr X seine Wohnung nicht. Die ärztlich verordneten Psychopharmaka liegen unberührt; Termine bei seinem niedergelassenen Psychiater hält er nicht ein, denn es fehlt ihm an Kraft und Ausdauer. Von Ehefrau und Kindern lebt der ehemals leitende Angestellte getrennt; der Freundeskreis hat sich aufgelöst. Seit sechs Jahren wechseln sich ambulante und stationäre Behandlungsphasen ab. Herr X fühlt sich ohnmächtig, hilflos und einsam. Der Freitod erscheint ihm als Erlösung. Um eine erneute Einweisung in die Psychiatrie zu vermeiden, hat sein Psychiater Herrn X Soziotherapie verordnet.
Die ambulante Soziotherapie wurde am 1. Januar 2002 mit Inkrafttreten der Durchführungsrichtlinien bundesweit eingeführt. Die von Psychiatern und Nervenärzten verordnete Leistung nach § 37 a SGB V soll schwer psychisch Kranke vor einem Klinikaufenthalt bewahren beziehungsweise diesen verkürzen und die Patienten dazu befähigen, ärztliche Empfehlungen zu akzeptieren und selbstständig in Anspruch zu nehmen, damit sie im ambulanten Status bleiben können und sich nicht der Effekt der „Drehtürpsychiatrie“ einstellt. Leistungserbringer sind Sozialarbeiter, Sozialpädagogen und Fachkrankenpfleger für Psychiatrie.
Mitte Mai 2006 – mehr als vier Jahre nach Einführung der Soziotherapie – stellte der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) fest, dass die Leistung bisher kaum erbracht wird. In einer breit angelegten Befragung von Patienten, Leistungserbringern und Krankenkassen sollen die Gründe dafür herausgefunden werden, um möglicherweise die Richtlinien zur Soziotherapie zu verändern. An der Auswertung arbeitet der G-BA derzeit noch.
Die Erfahrungen mit der ambulanten Soziotherapie im hessischen Gießen zeigen einen guten Integrationsprozess in das gemeindepsychiatrische Versorgungssystem, aber auch einige Probleme. Zwischen April 2003 und 2007 wurden 30 Patienten versorgt. 50 Prozent der Antragsverfahren wurden von der zuständigen Krankenkasse befürwortet, 29 Prozent abschlägig beschieden, woraufhin Widersprüche eingelegt wurden.
„Windmühlenkämpfe“
Die betreuten Patienten nahmen die soziotherapeutische Begleitung sehr gut an. Bei 87 Prozent konnte eine stationäre psychiatrische Behandlung abgewendet werden – durch die Hinführung zur regelmäßigen ambulanten ärztlichen Behandlung, eine bessere Krankheitseinsicht und die Reflexion der Medikamenteneinnahme. Gerade in psychischen Krisen fehlte es bei 37 Prozent der Patienten an Kraft und Ausdauer, um ärztliche Hilfe konkret in Anspruch nehmen zu können. Vielmehr verstricken sich die Betroffenen in meist aussichtslose „Windmühlenkämpfe“.
Die Arbeit im häuslichen und sozialen Umfeld, aktive Hilfe und Begleitung in psychischen Krisen und die Anleitung zur besseren allgemeinen Motivation, Belastbarkeit und Ausdauer sind Beispiele für das konkrete Leistungsangebot der Soziotherapie. Der Soziotherapeut arbeitet aufsuchend, sodass Schwellenängste in diesem Kontext erst gar nicht entstehen. Vertrauensbildung ist das wichtigste Kriterium der Soziotherapie.
An Soziotherapie interessierte Psychiater müssen vor allem Leis-tungserbringer zur Hand haben. Aktuell sind in Hessen bislang nur zehn Soziotherapeuten von den Krankenkassen anerkannt worden. Der Praxis „Gießener Soziotherapie“ liegen Schreiben von Bewerbern vor, die trotz langjähriger psychiatrischer Erfahrung von den Krankenkassenverbänden im Zulassungsverfahren abgelehnt wurden. Man muss davon ausgehen, dass die Voraussetzungen im Anerkennungsverfahren zu hochschwellig angesetzt sind.
Für die Anerkennung sind erforderlich: abgeschlossene Ausbildung als Diplom-Sozialarbeiter, Sozialpädagoge oder Fachkrankenpfleger für Psychiatrie. Zudem muss der Nachweis über mindestens drei Jahre psychiatrische Berufspraxis erbracht werden (davon ein Jahr im psychiatrischen Krankenhaus und ein Jahr in einer ambulanten sozialpsychiatrischen Einrichtung).
Die Erfahrung zeigt, dass die Bewerber entweder in einem psychiatrischen Krankenhaus oder in einer sozialpsychiatrischen Einrichtung gearbeitet haben. Die wenigsten Bewerber können beide Fachgebiete im Anerkennungsverfahren nachweisen. In den psychiatrischen Einrichtungen arbeiten zudem auch Berufsgruppen (zum Beispiel Pädagogen oder Soziologen), die sich bei nachgewiesener mehrjähriger psychiatrischer Arbeit ebenfalls sehr gut für das Aufgabenfeld Soziotherapie eignen würden.
Es stellt sich die Frage, warum diese engagierten Kollegen als Leistungserbringer für Soziotherapie nicht zugelassen werden. In Fachkreisen hält sich daher die Meinung, dass die Zulassungsvoraussetzungen für die Anerkennung zum Soziotherapeuten kaum erfüllbar sind. Ohne Leistungserbringer kommt jedoch niemand in den Genuss einer Soziotherapie – die Leidtragenden sind die psychisch Kranken.

Anschrift des Verfassers
Wolfgang Pilz, Interessengemeinschaft Soziotherapie Hessen, Humboldtstraße 27, 35384 Gießen,
E-Mail: Soziotherapie.giessen@web.de
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