ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2007Retail Health Clinics: Medizin aus dem Supermarkt

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Retail Health Clinics: Medizin aus dem Supermarkt

Dtsch Arztebl 2007; 104(40): A-2711 / B-2396 / C-2323

Gerste, Ronald D.

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Fotos: AP
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In den USA bieten in immer mehr Supermarktketten und Drogerien medizinische Dienste an: schnell und preiswert, wie die Werbung verheißt.

Eine Tafel mit einem überschaubaren und landesweit einheitlichen Angebot – man weiß, was man bekommt. Die Preise sind niedrig, die Qualität des Gebotenen ist solide – für höhere Ansprüche gibt es andere Adressen. Die Wartezeit vor der Theke bemisst sich im ungünstigsten Fall in Minuten, meist werden die Kundenwünsche direkt erfüllt. Die Öffnungszeiten sind großzügig, selbst in den Abendstunden und am Wochenende wird man bedient.
Diese Charakteristika eines auf den eiligen, preisbewussten Kunden zugeschnittenen Geschäftsbetriebs gelten für McDonald’s, Burger King, Wendy’s und andere Anbieter der Fast-Food-Industrie. Das Konzept der schnellen Mahlzeit, das Pionier Ray Krock in den 50er-Jahren mit seiner Hamburgerkette mit dem vermeintlich schottischen Namen begründete, hat in den USA, wo 24/7-Dienstleistungen (24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche) Teil des American Way of Life sind, in den letzten Jahren den Gesundheitsmarkt erobert. Die Retail Health Clinics, ambulanzähnliche Einrichtungen in Einkaufszentren, Warenhäusern und Großdrogerien, sind inzwischen in fast allen Bundesstaaten anzutreffen und lösen ein geteiltes Echo aus: überwiegende Zustimmung bei den Kunden und eine ambivalente Haltung bei der amerikanischen Ärzteschaft, die von zögerlicher Ablehnung bis zu Gelassenheit reicht.
Inzwischen tummeln sich mehr als ein Dutzend Firmen auf diesem Markt. Sie alle bieten ähnliche Leistungen in vergleichbaren Lokalitäten (bei Wal-Mart, der Drogeriekette CVS oder der Lebensmittelkette Piggly-Wiggly) mit einem griffigen Werbeslogan an wie „On the Spot Relief. Always There“ an. Pionier und Marktführer ist das in Minneapolis beheimatete Unternehmen MinuteClinic, das vor wenigen Wochen in Hartford, Connecticut, seine landesweit 200. Miniklinik im Supermarkt eröffnete. Bedenkt man, dass die erste Notfallambulanz der Firma für leichte Fälle und eilige Kundschaft erst im Jahr 2000 gegründet wurde, erahnt man den Wahrheitsgehalt des Werbespruchs von MinuteClinic: „You’re sick. We’re quick!“ Und ähnlich schnell soll es weitergehen. Michael Howe, Chef des Unternehmens, verkündet die Zielvorgaben: „Ende 2007 werden wir 400 MinuteClinic-Standorte haben, und langfristig erwarten wir angesichts der Nachfrage durch die Konsumenten mehr als 2 500 MinuteClinics in CVS-Läden.“
Ein CVS-Drogeriemarkt im Staat Maryland: Wie in allen derartigen Symbiosen von Apotheke, Drogeriemarkt und Spezialitätengeschäft für besonders ungesunde Genussmittel (Schokoriegel, eiskalte Cola und Tabakwaren) geht man an schier endlosen Regalmetern vorbei, in deren eher medizinischem Sektor, jenseits der Kosmetika und des Kinderspielzeugs, unter anderem Kontaktlinsenflüssigkeit, Abführmittel und zahlreiche Arzneimittel zur Selbstmedikation des Käufers harren. In einer Ecke des riesigen Komplexes befindet sich ein kleiner, durch dünne Bretter abgetrennter Raum mit einer Wartezone. Diese ist meist leer, was für den eiligen Leidenden den Reiz der Einrichtung ausmacht. Eine Tafel – dem Sprachgebrauch der Gastronomie entlehnt „Menu“ genannt – listet die Dienstleistungen auf, die man erwarten kann, beziehungsweise die Indikationen, mit denen man hier an der richtigen Adresse ist. Es sind erkennbar die sogenannten kleinen Notfälle wie Allergien, Halsschmerzen, Durchfall, Insektenstiche, leichter Sonnenbrand und Sinusitis. Auch Impfungen sind auf die Schnelle erhältlich, unter anderem gegen Grippe, Hepatitis A und B, Polio, Tetanus und Diphtherie. Das Angebot der MinuteClinic unterscheidet sich dabei kaum von dem der Mitbewerber wie SmartCare (Schwerpunkt in den beiden Carolinas), The Little Clinic (Florida, Indiana, Kentucky) oder QuickHealth (Kalifornien, Iowa). Stutzig wird man indes bei „Angeboten“ zur Behandlung von Mononukleose, Übelkeit und Erbrechen, Bronchitis oder Blasenentzündungen – allesamt gute Gründe, einen Arzt aufzusuchen. Denn das Charakteristikum der „Kliniken“ im Supermarkt verdeutlicht die reizende Dame mittleren Alters an der Rezeption: Es gibt in diesem Neuland der paramedizinischen Versorgung keine ärztliche Kompetenz, keine ärztliche Verantwortung, keine ärztliche Haftung. Betreut wird man von einer „registered nurse“, einer Krankenschwester, oder einem „physician assistant“, einem Arzthelfer. Die Behandlung geht schnell vonstatten und kostet beispielsweise bei Heiserkeit und Halsschmerzen um die 40 Dollar. Wer wegen dieser Beschwerden am späten Samstagabend die Notfallambulanz des nächsten Krankenhauses aufsucht, kommt – je nach Region und Wohnlage – kaum unter 300 Dollar davon. Die niedrigen Preise (viele Health-Retail-Kliniken partizipieren an örtlichen Versicherungssystemen, sodass die Patienten nur zwischen zehn und 20 Dollar zuzahlen müssen) machen die Einrichtungen, so das Argument der Betreiber, auch für manche der mehr als 47 Millionen Amerikaner ohne Kran­ken­ver­siche­rung attraktiv.
Der Widerstand der amerikanischen Ärzteschaft gegen die Retail Health Clinics hat eine leicht resignative Komponente – ein Zurückdrängen dieser Einrichtungen wird als unrealistisch eingeschätzt. Die Gefahr von Fehlbehandlungen thematisieren Berufs- und Fachverbände eher selten, und bemerkenswerterweise sind bislang keine krassen Fehler in den Retail-Health-Kliniken bekannt geworden. In einem Land mit der weltweit höchsten Anwaltsdichte pro Quadratkilometer würde ein gravierender Kunstfehler sofort eine medienwirksame Klage im zwei- oder dreistelligen Dollarmillionenbereich nach sich ziehen. Die Einrichtungen haben für wirklich schwere Notfälle grundsätzlich einen telefonischen Hintergrunddienst eingerichtet, den ein Arzt leistet. Doch nach Einschätzung von Dr. Douglas Kamerow, ehemaliger stellvertretender Surgeon General, kommen schwere Notfälle kaum in den Drogerie-Discounter oder die Lebensmittelkette: „Die meisten Patienten wissen sehr genau, was diese Kliniken können und was nicht, und nehmen quasi selbst die Triage an sich vor.“
Kritik eher an Details
Ein weiterer Grund, warum kaum Zweifel an der Kompetenz des Retail-Health-Personals geäußert werden, ist die schon traditionelle Übernahme von aus deutscher Sicht ärztlichen Handlungen durch qualifizierte Krankenschwestern. In 23 Bundesstaaten dürfen „Nurse practitioners“ relativ eigenständig Patienten behandeln, in den übrigen Staaten fordert das Gesetz eine mehr oder minder feste Kooperation mit einem Arzt oder einer ärztlichen Einrichtung. So zielt die Kritik ärztlicher Verbände eher auf Details ab. In Massachussetts haben Ärzte vor einer Kommission der Qualitätssicherungsbehörde des Bundesstaats den Retail-Health-Kliniken vorgeworfen, nicht genug für den Infektionsschutz ihrer Patienten/Kunden zu tun. Kinderärzte fordern ein Verbot der Behandlung von Kindern unter zwei Jahren durch die Retail-Schwestern, um das Impfschema nicht durcheinanderzubringen. Ein weiterer Kritikpunkt ist der mögliche Einfluss der Supermarkt- oder Drogeriemarktkette auf die Verschreibungspraxis der Retail Health Clinics. Ärztesprecher argwöhnen, dass die Nurse Practicioners nicht das medizinisch notwendige Medikament verordnen, sondern eines, mit dem CVS, Kroger oder Wal-Mart die höchsten Profite erzielen können. Darüber hinaus spielt auch die Sorge um Umsatzeinbußen durch diese neue Konkurrenz eine Rolle. Die American Medical Association kritisiert vor allem, dass Versicherungen den Retail-Kliniken erlaubt haben, die vorgeschriebenen Zuzahlungen der Patienten zu senken oder ganz auf diese zu verzichten, während Ärzte diese erheben müssen – zweifellos ein Wettbewerbsnachteil.
In der „Klinik“ im Supermarkt werden vorwiegend die sogenannten kleinen Notfälle wie Allergien, Halsschmerzen, Insektenstiche und Durchfall behandelt.
In der „Klinik“ im Supermarkt werden vorwiegend die sogenannten kleinen Notfälle wie Allergien, Halsschmerzen, Insektenstiche und Durchfall behandelt.
Sieben Prozent aller Amerikaner haben Umfragen zufolge bereits mindestens einmal die Dienste einer Retail-Health-Klinik in Anspruch genommen. Vielerorts reagieren amerikanische Ärzte mit Änderungen der Öffnungszeiten ihrer Praxen oder Ambulanzen auf die Konkurrenz. In einigen Staaten folgt man sogar deren Vorbild. So hat der Gesundheitsanbieter Consumer Health Service Inc. jetzt im Großraum New York in Kooperation mit der Drugstore-Kette Duane Reade Retail-Kliniken eröffnet, in denen statt der Krankenschwestern Ärzte die Kunden versorgen und damit eine wesentliche breitere Produktpalette als zum Beispiel MinuteClinic anbieten können. So sieht denn auch Kamerow, heute Kolumnist beim British Medical Journal, die Entwicklung gelassen: „Natürlich sind die Retail-Health-Kliniken eine Bedrohung. Aber sie bieten einen sinnvollen Service an, von dem konventionelle Praktiker lernen können. In diesem Sinne geben sie einen Anstoß für eine Neuorientierung der Medizin, die besser auf die Bedürfnisse der Patienten eingeht.“
Ronald D. Gerste
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