ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2007Lhasa: Eine eigene Brailleschrift für Tibet

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Lhasa: Eine eigene Brailleschrift für Tibet

Dtsch Arztebl 2007; 104(40): A-2713 / B-2398 / C-2325

Wiegand, Ursula

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In Lhasa, der tibetischen Hauptstadt hat Sabriye Tenberken ihr Blinden Zentrum gegründet.
In Lhasa, der tibetischen Hauptstadt hat Sabriye Tenberken ihr Blinden Zentrum gegründet.
Im Blinden Zentrum erlernen zurzeit 35 Schüler neben der Blindenschrift unter anderem Chinesisch und Englisch.

Noch nie hat mich jemand so fest am Arm gefasst und so sicher durch fremde Straßen geführt. Tenzin heißt der junge Mann, und er ist fast blind. Dennoch rempelt er beim Zickzackgang durch Lhasas Altstadtgassen niemanden an. Nun eine breite Autostraße und keine Ampel. Tenzin errät meine Gedanken. „Viele unserer Schüler überqueren mit ihrem weißen Blindenstock diese Straße jeden Tag“, sagt er in gutem Englisch. Nyima, ein blinder Student, nimmt die Gäste in Empfang. „Wir haben zurzeit 35 Schüler“, sagt er und zeigt ihnen die Klassenräume. Die Vier- bis Elfjährigen besuchen die Mausklasse. Die nächste Stufe umfasst Schüler bis 18 Jahre und älter. Der 20-jährige Kachume sitzt an einer Schreibmaschine, die statt Tasten lange Hebel hat. Yudun, 19 Jahre, arbeitet derweil an einem „sprechenden“ PC. Ihre Finger werden akustisch geleitet. Andere Schüler machen Musik.
1997 wurde das Blinden Zentrum Tibet von Sabriye Tenberken, einer damals 27-jährigen Deutschen, gegründet. Mit vier Jahren verlor sie das Augenlicht, ging aber ihren Weg. Von 1994 bis 1996 studierte sie Tibetologie und entwickelte für die tibetische Silbenschrift eine eigene Brailleschrift, jetzt Tibets offizielle Blindenschrift. Der Schulgründung ging ein „Hindernislauf“ voran. Sie ist übers Land geritten und hat die Eltern davonüberzeugt, ihre behinderten Kinder nicht zu verstecken, sondern unterrichten zu lassen. Im Mai 1998 eröffnete sie zusammen mit dem Niederländer Paul Kronenberg eine Vorschule für 13 blinde Kinder.
Der 20-jährige Kachume sitzt an seiner Schreibmaschine, die Hebel statt Tasten hat. Fotos: Ursula Wiegand
Der 20-jährige Kachume sitzt an seiner Schreibmaschine, die Hebel statt Tasten hat. Fotos: Ursula Wiegand
In diesen neun Jahren hat sich vieles getan. Die Kinder lernen – nun im eigenen Haus – Chinesisch und Englisch. Ihre Schulbücher werden im Blinden Zentrum gedruckt – in tibetischer, chinesischer und englischer Brailleschrift. Zudem erhalten sie eine medizinische, handwerkliche oder landwirtschaftliche Ausbildung. So haben einige bei einem deutschen Tierzuchtexperten einen Lehrgang zur Milchviehhaltung durchlaufen und dann in den Niederlanden das Käsemachen gelernt. Zwei Mädchen führen erfolgreich eine Massageklinik. 2004 wurde in Shigatse eine Trainingsfarm auf ökologischer Basis eingerichtet, auf der jetzt 35 Kinder leben. Sie besuchen dort die Dorfschule. Ziel ist die Selbstintegration in die tibetische Gesellschaft. Und offenbar auch in die grandiose Natur. Im Jahr 2004 bezwangen sechs Schüler mit dem blinden US-Bergsteiger Erik Weihenmayer den 7 045 Meter hohen Lhakpa Ri. – „Bis heute haben 115 Kinder unsere Blindenschule besucht“, freut sich Kronenberg. 45 haben sie inzwischen verlassen. Sie sind nach Großbritannien und Japan gegangen oder zu ihren Eltern zurückgekehrt.
Viele Auszeichnungen
Sabriye Tenberken hat bereits viele Auszeichnungen erhalten, doch finanzielle staatliche Unterstützung erhält das Blinden Zentrum nicht. Es ist auf Spenden angewiesen. So touren Sabriye Tenberken und Paul Kronenberg immer wieder durch die Welt, lesen aus eigenen Büchern und zeigen Fotos, um Geld zusammenzubekommen und Mitglieder für den Förderkreis zu werben.
Gerade setzen sie in Kerala/Indien eine weitere Blindeneinrichtung in Gang. „Die dient der Managementausbildung von Erwachsenen und wird auch ein Multiplikator für Lhasa sein. Die tibetischen Schüler können dort weiter studieren“, erläutert Kronenberg. Ist das organisatorisch zu schaffen? „Das Blinden Zentrum Lhasa läuft schon ohne uns. Hier sind wir nur noch vier Monate im Jahr“, stellt Kronenberg klar.
Ursula Wiegand


Informationen: www.blinden-zentrum-tibet.de; Förderkreis: Blinden Zentrum Tibet e.V., Im Aurel 34, 53913 Swisttal-Morenhoven.
Telefon: 0 22 26/91 34 03
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