ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2007Bornavirus: Langjähriger Experte
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Es ist außerordentlich begrüßenswert, dass das DÄ die Ärzteschaft auf die aktuelle Kontroverse um Bornaviren und deren Humanpathogenität in einem ausführlichen Artikel aufmerksam gemacht hat . . . Als langjähriger virologischer Experte für Bornavirus und Kooperationspartner der RKI-Arbeitsgruppe halte ich allerdings Korrekturen sowie Ergänzungen für folgende Kernpunkte für unabdingbar:
1. Durchseuchung und Gesundheitsrisiko: Nach unserer Datenlage trifft für Bornaviren ein für viele Erreger bekanntes Szenario zu: Je höher die Durchseuchung, desto relativ geringer die Morbiditätsrisiken und Erkrankungsraten. Jeder Dritte ist mit dem Bornavirus infiziert (Humandaten bisher aus Deutschland und Australien), aber nur jeder 20. hat erhöhte Gesundheitsrisiken für rekurrierende mentale Störungen.
2. Pathogenesemodell: Unsere Datenlage geht konform mit einem multifaktoriellen Pathogenesekonzept, wonach Stress, Immunsuppression, genetische Prädisposition u. a. bei einer Minderheit der Infizierten häufige Virusaktivierungen begünstigen (> 80 Prozent antigenassoziierte Marker im Blut von Akutpatienten mit Affektstörung). Dies gilt für Human- und Tierinfektionen gleichermaßen. Bei Pferden fanden wir in Deutschland mehr als jedes zweite Tier infiziert, aber nur jedes zehnte mit Krankheitsepisoden (gestörtes Verhalten u. a.). Die im Artikel erwähnte 90-prozentige Letalität beruht auf alten Post-mortem-Daten, die unzulässigerweise die Durchseuchung gesunder Tiere unberücksichtigt lassen und damit zu falschen Schlussfolgerungen kommen.
3. Kontroverse um Testspezifität unseres ELISA: Die schlüssige Einordnung von Bornavirus als moderat pathogenes Agens in Analogie zu anderen persistenten Viren mit relativ hoher Durchseuchung (z. B. CMV) wurde durch die Identifizierung von zirkulierenden Immunkomplexen (CIC), die als Folge von Antigenämiephasen entstehen, erst möglich. Die vom RKI geäußerten Zweifel an unserem Antigen-ELISA sind unbegründet, da dessen Spezifität mit rekombinantem BDV-N-Protein belegt ist und die Sensitivität mit 1,5 bis 3 ng/ml im Bereich anderer Antigenteste liegt. Es ist bedauerlich, dass die in einer Untersuchung des RKI aufgrund methodischer Mängel entstandenen Negativergebnisse zu weitreichenden Fehlinterpretationen (Teste unspezifisch, Humaninfektionen nicht existent) herangezogen worden sind, nicht nur vom RKI selbst, sondern auch von der Gesellschaft für Virologie.
4. Wertigkeit von Antikörpertesten: Immunfluoreszenz-Teste zum Nachweis von Bornavirus-Antikörpern, die von Frau Dr. Herzog (Gießen) seit mehr als zwei Jahrzehnten eingesetzt werden, sind als alleinige Dia-gnostik nicht ausreichend, weil im negativen Fall eine Infektion nicht ausgeschlossen werden kann und im positiven Fall auch ruhende Infektionen (ohne Aktivierung) erfasst werden.
5. Ringversuche: Die Argumentation des RKI, frühere Ringversuche zur Bornavirusdiagnostik seien gescheitert und kein Verfahren hinreichend zuverlässig, ist irreführend. Diese Versuche mussten zwangsläufig zu unterschiedlichen Ergebnissen infolge des Vergleichs unterschiedlicher Infektionsmarker (Antikörper und Nukleinsäure) und Testmethoden kommen. Demgegenüber kann nicht genug betont werden, dass dieselbe Institution sich weigert, einen 2006 von mir und Bundestagsabgeordneten vorgeschlagenen bundesweiten Ringversuch für die kritisierten ELISA-Teste durchzuführen, der einen direkten Vergleich der Spezifität unseres monoklonalen Antikörpers (mAK) gegen BDV-N-Protein mit einem gegen dasselbe Protein gerichteten mAK der Kritiker erlaubt . . .
Dr. Hanns Ludwig, Univ.-Prof. für Virologie
an der Freien Universität Berlin,
Windscheidstraße 18, 10627 Berlin
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