ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2007Frankfurter Buchmesse: Im Zeichen des Esels

KULTUR

Frankfurter Buchmesse: Im Zeichen des Esels

Dtsch Arztebl 2007; 104(40): A-2744 / B-2426 / C-2353

Motz, Roland

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Das von Miquel Barceló gestaltete Plakat zeigt nicht nicht den katalanischen Esel, sondern präsentiert die katalanische Kultur – den diesjährigen Ehrengast der Frankfurter Buchmesse – als „Singular i Universal“.
Das von Miquel Barceló gestaltete Plakat zeigt nicht nicht den katalanischen Esel, sondern präsentiert die katalanische Kultur – den diesjährigen Ehrengast der Frankfurter Buchmesse – als „Singular i Universal“.
Die katalanische Literatur bildet das Schwerpunktthema der diesjährigen Buchmesse. Die Verwurzelung der Nationalisten in ihrer Sprache lässt allerdings keine großen Sprünge zu.

Mit dem Zitat von Manuel Vázquez Montalbán „Südlichste aller Hauptstädte des Nordens, nördlichste aller Hauptstädte des Südens“ werden wir in Barcelona begrüßt. Katalonien sei ein Mittelmeerland im Norden der Iberischen Halbinsel und grenze an Spanien, klärt uns die Leiterin von Catalunya Tourismus auf. Als Gegenmotiv zum spanischen Stier bewirbt Katalonien die Frankfurter Buchmesse mit dem burro catala`. Überall hängen die Plakate mit dem katalanischen Esel. Während der Führung durch den zum Weltkulturerbe erklärten Palau de la Música fällt in zehn Minuten 30-mal das Wort katalan. Der Minister des neu geschaffenen Superministeriums für Wirtschaft, Innovation und Universität fordert die Katalanen auf, für transatlantische Flüge statt Madrid die Flughäfen von Paris oder Frankfurt zu benutzen, „um sich auch in der Luft von Spanien zu befreien“. Universitätsprofessoren möchten Englisch als erste „Fremdsprache“ einführen.
Wie wohltuend, den aufgeklärten Quim Monzó in der abgedunkelten Dry Martini Bar auf dem eleganten Passeig de Gracia zu treffen. „Nationale Identität in der Literatur ist überholt in der europäischen Kultur des 21. Jahrhunderts“, sagt der Autor zu den Teilnehmern der literarischen Pressereise. Er war als Jugendlicher begeistert von der lateinamerikanischen Literatur, die katalanische habe er erst viel später entdeckt. Nicht weil sie unter Franco unterdrückt wurde, sondern weil ihn einfach etwas anderes interessiert habe. Barcelona sei zwar seine Stadt, aber seine Geschichten könn-ten überall spielen. „Keine Ahnung, ich bin kein Nationalist“, lautet Monzós Antwort auf die Frage, warum er auf Katalanisch schreibe. Er übersetze sich selbst ins Spanische, aber das sei die Hölle, weil es in jedem Buch Irrtümer gebe und der Übersetzer dem Autor am ehesten auf die Schliche käme.
Der Autor Carlos Ruiz Zafón hingegen bezeichnet das heutige Barcelona zwar als einen „Touristenzirkus“, aber mit dem Roman „Der Schatten des Windes“ ist ihm die großartigste Hommage über die katalanische Metropole seit der „Stadt der Wunder“ von Eduardo Mendoza gelungen. Doch die erfolgreichsten und bekanntesten katalanischen Schriftsteller haben einen großen Makel. Sie schreiben auf Spanisch. Infolgedessen befinden sie sich auch nicht unter den mehr als hundert Autoren, die das Ramon-Llull-Institut nach Frankfurt bringen wird. Der Ausschluss der spanisch schreibenden Autoren hat im Vorfeld der diesjährigen Buchmesse in ganz Spanien zu donquichotesken Kontroversen über die Frage geführt, was unter katalanischer Kultur zu verstehen sei.
Die autonome Region kann auf eine jahrhundertelange Drucktradition zurückblicken. Die 260 in Katalonien ansässigen Verlage dominieren den Büchermarkt in der gesamten spanischsprachigen Welt. Mit mehr als 30 000 spanischen Titeln bringen sie die Hälfte der nationalen Buchproduktion hervor und erwirtschaften damit einen Umsatz von 1,5 Milliarden Euro. Mit großzügiger Unterstützung und politischem Druck wird die Buchproduktion auf Katalanisch gefördert. So lässt die Regionalregierung von jedem Titel 250 Exemplare ankaufen, stattet die Bibliotheken mit erheblichen Mitteln aus und finanziert vollständig die Übersetzung katalanischsprachiger Bücher. Trotzdem liegt die Durchschnittsauflage der 8 000 jährlich erscheinenden Titel unter 3 000. Der Buchhandel auf Katalanisch lebt vor allem vom Schulbuchgeschäft.
„Wir Katalanen glauben, dass man immer mit den Füßen fest auf dem Boden stehen muss, wenn man hoch in die Luft springen will“, schrieb Joan Miró. Die Verwurzelung der katalanischen Nationalisten in ihrer Sprache lässt allerdings keine großen Sprünge zu, sondern hat zu einer tragikkomischen Leichenstarre geführt. Seit feststeht, dass Quim Monzó als Repräsentant von Katalonien mit seiner Rede die Buchmesse eröffnen wird, befindet auch er sich ganz auf Parteilinie und begrüßt den „freiwilligen Verzicht“ der spanisch schreibenden Autoren mit dem Argument: „Wenn ein Kulturraum sich präsentiert, sollten auch nur Schriftsteller dabei sein, die in der Sprache dieser Region schreiben.“
Mit dem katalanischen Esel als Leitmotiv für die Buchmesse hat sich das Ramon-Llull-Institut keinen großen Gefallen getan. Viele Plakate mit dem als dumm und stur verschrienen Tier sind mittlerweile mit zustimmenden Kommentaren beschmiert; eben dass die Katalanen Esel seien. Auf Spanisch natürlich. So offenbart der Buchmessengast „Katalanische Kultur“ vor allem dies: eine verkorkste Beziehung, die der psychoanalytischen Hilfe bedarf.
Roland Motz
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