ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2007Karriere mit Courage: Renaissance einer veralteten Tugend

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Karriere mit Courage: Renaissance einer veralteten Tugend

Dtsch Arztebl 2007; 104(40): A-2755 / B-2435 / C-2363

Lange, Alfred

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Foto: mauritius images
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Beherztes Auftreten ist im Praxis- und Klinikalltag wieder gefragt. Entscheidend ist der Mut, sich auch dann einzumischen, wenn es unbequem werden kann. Im Umgang mit den Vorgesetzten sind jedoch einige diplomatische Regeln zu beachten.

Eine alte Tugend ist auf dem Vormarsch: die Courage, zu seinen Überzeugungen zu stehen und für sie einzustehen – der Mut zum Anderssein. Der Begriff „Courage“ stammt aus der Soldatensprache des 16. Jahrhunderts und ist dem Französischen entlehnt. Es lässt sich mit „Mut, Beherztheit“ übersetzen.
Aber wie viel Courage kann sich ein junger Klinikarzt leisten? Ab wann schadet ein couragiertes Auftreten dem beruflichen Weiterkommen? Klar ist: Ein Arzt, der in der Teamsitzung dem Oberarzt widerspricht, weil er ganz sicher ist, dieser befinde sich bei der Beurteilung eines Patienten auf dem falschen Weg, handelt zunächst einmal lobenswert. Courage als ethische Haltung bedeutet in diesem Fall, die Interessen des Patienten über das eigene Interesse zu stellen und dem Vorgesetzten deshalb zu widersprechen. Heißt dies aber im Umkehrschluss, dass derjenige, der in einer vergleichbaren Situation schweigt, ein feiger Duckmäuser ist? Couragiertes Vorgehen zu fordern, ist immer wohlfeil. Aber jeder Vorwurf des Duckmäusertums sollte nicht ohne genauere Betrachtung der individuellen Umstände erhoben werden. Denn in einer Praxis oder Klinik, in der keine Mutkultur herrscht, sondern autoritäre Führungsstrukturen etabliert sind, ist es deutlich schwieriger, eine couragierte Haltung an den Tag zu legen.
Von Mitarbeitern wird immer wieder der Mut zu eigenständigen Entscheidungen verlangt – wenn sie aber schließlich so handeln, gibt es im Machtgefüge der jeweiligen Einrichtungen bewährte Möglichkeiten, sie zu disziplinieren. Zumeist werden dabei andere Gründe als die couragierte Haltung für die Disziplinierung vorgeschoben.
Das beherzte Auftreten ist richtig, jederzeit vorzuziehen und ethisch „wertvoller“. Allein unter dem Karriereaspekt betrachtet, ist zu berücksichtigen: Die couragierte Haltung kann dem jungen Arzt nutzen, ihm jedoch zumindest kurzfristig auch schaden. Darum sollte er im Umgang mit seinen Vorgesetzten ein paar Regeln beachten.
Mutige Kommunikation gelingt – nach Stefan Tilk, von dem ein Buch zum Thema „Courage: Mehr Mut im Management“ vorliegt –, wenn die unbequeme Wahrheit nicht vor dem großen Publikum ausgesprochen wird, sondern im Gespräch mit demjenigen, den es angeht. Bleiben wir bei dem Beispiel des Arztes, der aufgrund einer unzureichenden Informationssituation zu einer falschen Patientenbeurteilung zu gelangen scheint. Der junge Arzt sollte seine Meinung im Vieraugengespräch vortragen und sachlich begründen, die unzureichende Informationslage thematisieren und dem Chef gegenüber begründen, warum seiner Meinung nach die Erkrankung des Patienten anders beurteilt werden sollte. Je sachlicher er dabei vorgeht, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass das couragierte Auftreten auf fruchtbaren Boden fällt und der Vorgesetzte das eigene Urteil infrage stellt. Mit diesem Vorgehen signalisiert der Arzt zugleich, dass es ihm nicht um die eigene Profilierung und die Verfolgung eigennütziger Interessen geht, sondern um die Sache selbst: Er will Schlimmeres verhindern.
Couragierte Menschen laufen zuweilen Gefahr, als Quertreiber, Profilneurotiker oder Besserwisser beschimpft zu werden. Wichtig ist es daher, Kritik oder „die andere Meinung“ zum richtigen Zeitpunkt vorzutragen und dabei nie die Person anzugreifen, sondern die Sache in den Mittelpunkt zu rücken: „Es geht mir wirklich nicht darum, Widerspruchsgeist an den Tag zu legen. Es geht mir einzig um den Patienten“, wäre eine geeignete Formulierung.
Die couragierte Meinungsäußerung sollte stets mit einer Lösungsorientierung einhergehen. Der Arzt verdeutlicht so, dass er nicht nur den Finger in die Wunde legen und Missstände aufzeigen will. Er hat zugleich einen Lösungsvorschlag parat und signalisiert: „Ich möchte nicht quertreiben, sondern querdenken und einen Beitrag zur Problemlösung im Interesse aller leisten.“ Dies kann der Arzt auf eine elegante Art tun, indem er seine Äußerungen nicht in Aussageform vorträgt, sondern die Macht der Frage nutzt: „Wie sieht es eigentlich mit den Informationen aus, die zu der Anamnese des Patienten vorliegen? Ich schlage vor, alle Unterlagen noch einmal zu analysieren.“ Diese Vorgehensweise hat den Vorteil, dass der Vorgesetzte seine Ansicht ohne Gesichtsverlust revidieren kann.
Zudem sollte der couragierte Arzt seine Argumente per Ich-Botschaft vortragen. Statt eine provozierende Sie-Botschaft zu versenden, die als Angriff gewertet werden kann („Sie haben ja gar nicht alle Informationen berücksichtigt, die uns doch vorliegen!“), formuliert er etwa: „Ich frage mich, ob wir tatsächlich alle verfügbaren Informationen herangezogen haben.“ Nun macht der Vorgesetzte vielleicht selbst den Vorschlag, noch einmal alle Unterlagen zu sichten.
Bei allem diplomatisch-klugen Vorgehen: Entscheidend beim Karrierefaktor Courage ist der Mut, sich auch dann einzumischen, wenn es unbequem werden kann. Dieses Verhalten gewinnt an Glaubwürdigkeit, wenn der Arzt es nicht nur zeigt, wenn es etwas zu beanstanden gibt. Ist er stets offen und direkt, pflegt er immer einen unverblümten und ehrlichen Kommunikationsstil, ist er in jeder Situation bereit, für Offenheit und Transparenz zu sorgen, so wird er eher als Übermittler schlechter Nachrichten akzeptiert.
Ob sich in der Praxis oder in der Klinik eine Kultur entwickelt, in der die Courage als positive Eigenschaft wahrgenommen wird, hängt von den Führungskräften ab. Sie sollten als Vorbilder vorangehen und die couragierte Haltung seitens der Mitarbeiter fördern, indem sie eine Atmosphäre schaffen, in der konstruktiver Widerspruch erwünscht ist und beherztes Verhalten belohnt wird.
Alfred Lange, Praxiscoach
E-Mail: a.lange@medicen.de
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