ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2007Serie: Max Klinger, Ein Handschuh (5/6) – Triumph/ Huldigung

KUNST + PSYCHE

Serie: Max Klinger, Ein Handschuh (5/6) – Triumph/ Huldigung

PP 6, Ausgabe Oktober 2007, Seite 442

Kraft, Hartmut

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Der Protagonist dieser Bildserie ist in eine Traumwelt abgetaucht. In ihr ist es auf symbolischer Ebene zu einer Vereinigung („Rettung“) gekommen. Was wundert es da, wenn das nächste Blatt „Triumph“ heißt. Inhaltliche, formale und technische Kapriolen schlagend konfrontiert uns der Künstler mit feinlinigen Umrisszeichnungen. Eine Muschel, die seit der Antike als Symbol des weiblichen Genitales und als Attribut der Liebesgöttin Venus gilt, wird von zwei Flusspferden – mit Schwimmhäuten statt Hufen – am Betrachter vorbeigezogen. Eine behandschuhte Hand hält locker die Zügel. Selbstbewusst präsentiert der junge Künstler hier die Bandbreite seiner stilistischen Möglichkeiten und greift, wie auch auf dem nächsten Blatt, dem um 1900 entstehenden Jugendstil voraus. Alles wäre eitel Sonnenschein, ragte da nicht am unteren Bildrand ein Krokodil (?) ins Bild hinein, dem wir als ein sich entwickelndes Untier im Verlauf noch mehrfach begegnen werden.
Wenn nun – mitten in der Serie – dem „Triumph“ die „Huldigung“ folgt, scheint die ambivalente Grundspannung zunächst im Hintergrund zu bleiben. Und doch: Es entsteht eine eigentümliche Situation, wenn von links ein dunkler Altar oder auch Bett ins Bild ragt, wobei es sich ebenso um ein Liebes- wie auch Totenbett handeln könnte. Schlaff liegt der Handschuh darauf, der im vorigen Bild noch prall gefüllt war. Der Schlaf als der „kleine Tod“ oder auch die „postkoitale Tristesse“ mögen in den Sinn kommen. Immerhin gehören die auf dem Wasser schwimmenden Rosen zu den Attributen der Venus. Wir befinden uns also weiterhin mitten im Liebestraum des Künstlers. H. W. Singer, der Herausgeber des Werkverzeichnisses der Druckgrafik, berichtete von Klingers Interesse an seinen eigenen Träumen: „Er sagte einmal, die schönste Zeit am Tage wäre der Morgen, zwischen Schlaf und Wachen. Da kämen ihm seine Bilder und Gedanken, (. . .) sodass er sie nachträglich auf das Papier werfen konnte.“
Aber noch ist der Protagonist nicht aufgewacht.
Hartmut Kraft
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema