ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2007Zukunftsforschung: Sorge vor dem Gesundheits-GAU

POLITIK

Zukunftsforschung: Sorge vor dem Gesundheits-GAU

PP 6, Ausgabe Oktober 2007, Seite 447

Rabbata, Samir

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LNSLNS Der Kieler Gesundheitsexperte Prof. Dr. med. Fritz Beske sieht es als gesichert an, dass die sozialen Sicherungssysteme in wenigen Jahrzehnten an ihre Grenzen stoßen. Er fordert deshalb, Leistungen der Krankenkassen zu rationieren.

Die Wirtschaft brummt, die Arbeitslosigkeit sinkt, und die sozialen Sicherungssysteme erwirtschaften Milliardenüberschüsse. Da wirkte der Kieler Gesundheitsexperte Prof. Dr. med. Fritz Beske fast wie eine Spaßbremse, als er in Berlin seine neueste Zukunftsstudie „Gesundheitsversorgung 2050“ vorstellte.
Denn aus ihr geht hervor, dass Deutschland in wenigen Jahrzehnten ein wahrer „Gesundheits-GAU“ drohen könnte, wenn die Politik nicht schnell reagiert. Bis zum Jahr 2050 rechnet Beske mit einer Verdoppelung der Krankheitskosten, die dann von immer weniger erwerbsfähigen Personen (20 bis 64 Jahre) aufgebracht werden müssten. Die Kosten für die Pflege werden sich gar verdreifachen. Ausgelöst wird diese Entwicklung durch die Zunahme von altersbedingten Erkrankungen (siehe Tabelle).
Nach Daten des Statistischen Bundesamtes wird die Bevölkerung in Deutschland bis 2050 von 82 Millionen Menschen auf 69 Millionen sinken. Gleichzeitig nimmt der Anteil der über 65-Jährigen um 67 Prozent auf 23 Millionen zu. Die Zahl der über 80-Jährigen steigt von jetzt drei Millionen auf zehn Millionen.
Kürzungsvorschläge
Nach den Berechnungen des Instituts für Gesundheits-System-Forschung (igsf) erhöhen sich dadurch die Krankheitskosten von heute 218 Milliarden Euro auf knapp 270 Milliarden Euro 2050. Bezogen auf alle Einwohner in Deutschland ist dies eine Steigerung um 47 Prozent – für Personen im erwerbsfähigen Alter um 77 Prozent. Folglich steht die Generation der heute 30-Jährigen vor besonderen Belastungen. Einerseits muss sie die Lasten der geburtenstarken Jahrgänge tragen und andererseits für die eigene Alters-, Gesundheits- und Pflegeversorgung zusätzliche Mittel anlegen.
Beske appellierte bei der Vorstellung seiner Studie an die Regierung, rasch umzusteuern. Die Politik müsse sich eingestehen, dass kein soziales Sicherungssystem in der Lage sein werde, den künftigen Versorgungsbedarf zu finanzieren. „Der Leistungsumfang der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung muss deshalb reduziert werden.“ Beske hatte bereits Ende letzten Jahres in einer umfangreichen Studie Kürzungsvorschläge für den Leistungskatalog der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) unterbreitet. Im Kern forderte er damals, dass sich die Kassen konsequenter als bisher auf Leistungen im Krankheitsfall beschränken sollten. Manche Angebote müssten ganz aus dem GKV-Leistungskatalog gestrichen werden, darunter versicherungsfremde Leistungen, wie beispielsweise die häusliche Krankenpflege. Nach der Untersuchung des igsf wird allein der Mangel an entsprechenden Fachkräften für eine (wenn auch verdeckte) Rationierung sorgen. So wird die Zahl der vollbeschäftigten Pflegekräfte von heute 510 000 auf 1,3 Millionen im Jahr 2050 steigen – bei einem sinkenden Potenzial an Arbeitskräften.
Engpässe seien auch in der ärztlichen Versorgung zu erwarten. Denn schon jetzt wanderten etliche Mediziner ins Ausland oder in andere Berufsfelder ab, sagte Beske. Gleichzeitig sei insbesondere unter den Hausärzten eine Überalterung festzustellen. Auch nehme der Anteil der Ärztinnen zu. Es gebe Hinweise darauf, dass Ärztinnen wegen der Doppelbelastung von Beruf und Familie weniger Patienten in ihren Praxen behandeln könnten als ihre männlichen Kollegen. Deshalb könne man nur „bei einer globalen Betrachtung davon ausgehen, dass die ambulante ärztliche Versorgung in den nächsten Jahren statistisch sichergestellt sein wird“.
Samir Rabbata
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