ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2007Wissenschaftliches Institut der Techniker Krankenkasse: Bewertung von Nutzen und Effizienz

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Wissenschaftliches Institut der Techniker Krankenkasse: Bewertung von Nutzen und Effizienz

PP 6, Ausgabe Oktober 2007, Seite 449

Kieckbusch, Dorthe

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LNSLNS Seit einem Jahr arbeiten in Hamburg zwölf wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an neuen Lösungen für die Versorgung der TK-Versicherten.

Noch ein Institut? Konkurrenz für das Wissenschaftliche Institut der Ortskrankenkassen oder das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen? Das wies Prof. Dr. Norbert Klusen, Vorsitzender des Vorstands der Techniker Krankenkasse (TK), von sich. Das Wissenschaftliche Institut der Techniker Krankenkasse für Nutzen und Effizienz im Gesundheitswesen (WINEG) lege Wert auf die Zusammenarbeit mit anderen Instituten, sagte Klusen anlässlich der Feier zum einjährigen Bestehen des Instituts am 21. August in Hamburg. Am dortigen Sitz arbeiten zwölf wissenschaftliche Mitarbeiter aus unterschiedlichsten Bereichen. „Es gibt großen Lernbedarf, weil sich das Gesundheitswesen schnell verändert“, erläuterte Klusen die Notwendigkeit zur Gründung dieses Instituts. Er hat sich mit dieser TK-eigenen Einrichtung einen lang gehegten Wunsch erfüllt und will der Informationsflut und dem Halbwissen fundierte Erkenntnisse entgegensetzen. Großen Wert legt Klusen auf die Unabhängigkeit des Instituts. Der Vorstand wähle zwar Themen für das WINEG aus, aber auf Ergebnisse werde selbstverständlich kein Einfluss genommen.
Den Vorteil, den die Nähe zur TK mit sich bringt, erläuterte Dr. rer. nat. Eva Susanne Dietrich, Direktorin des WINEG: „Wir haben Zugriff auf die anonymisierten Daten der TK-Versicherten. Dadurch werden wir wissenschaftliche Auswertungen sehr schnell und sicher fahren können.“ Die Pharmazeutin, zuvor Leiterin der Abteilung Arzneimittel bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, sieht einen wachsenden Bedarf an akademischen Instituten, „um unnötige Ausgaben zu verhindern“. Fragen des Nutzens und der Effizienz werden dabei im Zentrum stehen. „Zu wenige politische Entscheidungen werden evidenzbasiert getroffen“, kritisierte Dietrich, die mit den gewonnenen Erkenntnissen „nach neuen Lösungen für die Versorgung der TK-Versicherten“ suchen will.
Gesundheitsökonom Prof. Dr. Dr. Peter Oberender sparte als Gastredner zum Thema „Der Beitrag der Ökonomie für eine rationale Medizin“ nicht mit Kritik am Gesundheitssystem und plädierte für eine rationale Medizin. „Der Arzt oder Apotheker, der nicht zugleich Unternehmer ist, wird nicht überleben“, prognostizierte er. Die medizinischen Möglichkeiten seien immer durch finanzielle Ressourcen begrenzt und diese Knappheit erfordere ökonomisches Handeln. Der inzwischen emeritierte Ordinarius für Volkswirtschaftslehre der Universität Bayreuth, Direktor der Forschungsstelle für Sozialrecht und Gesundheitsökonomie und Unternehmensberater im Gesundheitswesen schlägt ein wettbewerbliches System vor, gekennzeichnet durch Transparenz und die Einheit von Handeln und Haftung. Während durch den Staat erzwungene Einheitslösungen innovationshemmend wirkten, könne das Gesundheitswesen über Anreize verbessert werden. Oberender: „Leistungserbringer sollten dann besonders viel verdienen, wenn ihre Patienten gesund sind.“ Er nannte als weitere positive Effekte für das Gesundheitswesen Wahlmöglichkeiten, individuelle Anreize für Versicherte und Leistungserbringer sowie selektive Verträge auf unterster Ebene. Die WINEG-Wissenschaftler wollen ihre Forschungen nicht auf Deutschland beschränken. In einer der vorgestellten Studien untersuchten sie, wie sich negative Empfehlungen des National Institute for Health and Clinical Excellence (NICE) auf die Arzneimittelausgaben in England auswirkten. Das NICE wurde 1999 als Sondergesundheitsbehörde des staatlichen Gesundheitsdienstes für England und Wales gegründet mit der Aufgabe, möglichst umfassende und verlässliche Empfehlungen für Patienten, die medizinische Fachwelt und die Öffentlichkeit zu aktuellen „Best Practices“ abzugeben. Nach dem Vorbild des NICE entstand in Deutschland vor drei Jahren das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Die Studie, vorgestellt von Dr. Beate Bestmann, kam zu dem Ergebnis, dass sich bei 20 von 21 Wirkstoffen (95 Prozent) kein bedeutsamer Rückgang bei Verschreibungen und Ausgaben zeigte. Als mögliche Erklärungen führte Bestmann an, dass die NICE-Bewertungen womöglich nicht restriktiv genug seien, es ihnen an Akzeptanz mangele und keine Sanktionsmöglichkeiten vorgesehen seien. Kosten-Nutzen-Bewertungen, urteilen WINEG-Wissenschaftler, hätten nur dann einen Effekt auf die Arzneimittelausgaben, wenn sie in ein Maßnahmen-Paket eingebettet seien, beispielsweise durch Einbindung in die Software des Arztes oder in Fortbildungsveranstaltungen.
Dorthe Kieckbusch
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