ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2007Studie zur Berufswahl Psychotherapeut: Curriculare Gestaltung überdenken

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Studie zur Berufswahl Psychotherapeut: Curriculare Gestaltung überdenken

PP 6, Ausgabe Oktober 2007, Seite 456

Eichenberg, Christiane; Müller, Kristin

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LNSLNS Die stark verhaltenstherapeutische Ausrichtung der Klinischen Psychologie an den Universitäten beeinflusst auch die therapeutische Orientierung der Studierenden.

Bisher wurden bei der Diskussion zur Berufswahl Psychotherapeut zwei Motivkomplexe unterschieden: Diese bezogen sich entweder auf die Persönlichkeit des Psychotherapeuten oder auf die sogenannten situativen Einflüsse (berufsbildende Einflüsse der Universitäten und Weiterbildungsinstitute). Eine am Institut für Klinische Psychologie und Psychologische Diagnostik der Universität zu Köln durchgeführte Studie untersuchte die Zusammenhänge zwischen den Studienbedingungen an den deutschen Universitäten (situative Einflussgrößen) und der Motivation zur Wahl einer bestimmten therapeutischen Orientierung. Dazu wurde eine bundesweite internetbasierte Fragebogenstudie mit insgesamt 525 Schülern, Studierenden der Psychologie und Medizin, Psychotherapeuten in Ausbildung sowie praktizierenden Psychotherapeuten durchgeführt.
Die Ergebnisse: Das anfängliche Interesse an psychodynamischen Therapieverfahren (52 Prozent der Schüler) wandelt sich im Lauf des Studiums in eine Präferenz der Verhaltenstherapie (54 Prozent der Psychologiestudierenden). Angaben zur Informationslage im Studium zeigten, dass sich 48 Prozent der Psychologiestudierenden zu wenig oder einseitig über die unterschiedlichen Therapieverfahren informiert fühlten. Diese kritische Aussage traf vor allem für die Untergruppe der verhaltenstherapeutisch orientierten Studenten zu (54 Prozent). 83 Prozent der Studenten fühlten sich über die Verhaltenstherapie, 60 Prozent über die Gesprächstherapie, 55 Prozent über die Psychoanalyse und nur 40 Prozent über die Tiefenpsychologie ausreichend informiert. Verhaltenstherapeutisch orientierte Studierende berichteten von einer ausführlicheren Information über die gewählte Richtung.
Als Gründe für die Wahl eines Therapieverfahrens nannten 94 Prozent der Psychologiestudierenden ihre persönliche Neigung, weitere 65 Prozent finanzielle Kriterien und 63 Prozent die Wissenschaftlichkeit des Verfahrens. Signifikante Unterschiede zeigten, dass insbesondere die wissenschaftliche Relevanz für die verhaltenstherapeutisch orientierten Studierenden ein bedeutendes Wahlkriterium darstellte. Die tiefenpsychologisch orientierten Studierenden nannten bevorzugt subjektive Motivierungen/persönliche Erfahrungen (45 Prozent) sowie Motive der wissenschaftlichen Auseinandersetzung (45 Prozent) und kaum sozioökonomische Motive (drei Prozent). Verhaltenstherapeutisch orientierte Studierende erwähnten hingegen oftmals sozioökonomische Motive (16 Prozent) sowie durch den akademischen Einfluss geprägte Motive (Wissenschaftlichkeit, Wirksamkeit, therapeutisches Arbeiten) und kaum subjektive Motivierungen (16 Prozent) beziehungsweise persönliche Erfahrungen (ein Prozent).
Einfluss der Dozenten
Weiterhin ergab sich eine klare positive Entsprechung zwischen der Bewertung der Therapieverfahren durch die Lehrenden und den von den Studierenden präferierten Therapieverfahren. 91 Prozent der Studierenden gaben an, dass ihre Dozenten (und auch Kommilitonen) die Verhaltenstherapie am besten bewerteten, danach folgten die Gesprächstherapie (64 Prozent), die Tiefenpsychologie (29 Prozent) und die Psychoanalyse (24 Prozent). Die Bewertung der Verhaltenstherapie durch die Lehrenden wurde von den verhaltenstherapeutisch orientierten Studierenden deutlich positiver eingeschätzt, die Bewertung der Tiefenpsychologie und Psychoanalyse von den psychodynamisch Orientierten. Studierende, die eine deutlich bessere Bewertung der psychodynamischen Verfahren an ihrer Universität erfahren hatten, entschieden sich eher für ein psychodynamisches Verfahren.
Unterschiede im Psychologie- und Medizinstudium
Verhaltenstherapeutisch qualifizierte Professoren sind eher im Psychologiestudium vertreten, psychodynamisch qualifizierte eher im Medizinstudium. Dies zeigte ein Vergleich zwischen Medizin- und Psychologiestudenten. Die Mehrheit der Psychologiestudenten (91 Prozent) beschrieb eine deutlich bessere Bewertung der Verhaltenstherapie durch die Dozenten (61 Prozent der Medizinstudierenden), während sich bei den Medizinstudierenden eher eine bessere Bewertung der psychodynamischen Verfahren zeigte. Hinsichtlich der Informationsvermittlung gab es weitere signifikante Unterschiede, die darauf hindeuten, dass die Medizinstudenten zwar weniger ausführlich, jedoch ausgewogener über die therapeutischen Verfahren informiert werden. In der persönlichen Bewertung der Gesprächstherapie und der Tiefenpsychologie ließen sich keine bedeutenden Abweichungen feststellen. Die Psychoanalyse wurde von den Medizinstudenten deutlich besser eingestuft, die Verhaltenstherapie schlechter. Insgesamt zeichnete sich bei den Medizinstudierenden eine Bevorzugung der Gesprächstherapie ab, über die am ausführlichsten im Studium (positiv) informiert wird. Wissenschaftlichkeit (47 Prozent) und finanzielle Kriterien (51 Prozent) schienen weniger ausschlaggebende Einflussfaktoren bei Medizinstudenten zu sein, deren Motive sich vorrangig auf die persönliche Neigung (96 Prozent) sowie die therapeutische Ergänzung zur Medizin bezogen.
Fazit: Im Vergleich der Schüler mit den Studierenden der Psychologie ist ein deutlicher Wechsel von einem ursprünglichen Interesse an psychodynamischer und psychoanalytischer Psychotherapie hin zur Verhaltenstherapie festzustellen. Die Favorisierung einer psychotherapeutischen Richtung ist in hohem Maß von der Meinung der Dozenten und Kommilitonen geprägt. Geht man davon aus, dass die Lehrstuhlinhaber für Klinische Psychologie an den bundesdeutschen Universitäten zu etwa 80 Prozent verhaltenstherapeutisch ausgerichtet sind (1), so lässt sich die Interessenverschiebung der Psychologiestudierenden fort von Psychoanalyse und Psychodynamik und hin zur Verhaltenstherapie auf situative Faktoren zurückführen, die im Psychologiestudium wirksam werden. Gleichzeitig äußern mehr als die Hälfte der Studierenden, die eine verhaltenstherapeutische Präferenz angeben, in ihrem Studium über Psychodynamik/Psychoanalyse nicht ausreichend informiert worden zu sein. Weniger als die Hälfte der verhaltenstherapeutisch ausgerichteten Studenten treffen demnach ihre Entscheidung für Verhaltenstherapie subjektiv auf der Grundlage ausreichender Information zu den vorhandenen Alternativen.
Selektive Beeinflussung
Im Psychologiestudium wird zu einseitig informiert. Dies kontrastiert mit dem Fakt, dass etwa die Hälfte der gegenwärtig praktizierenden Psychotherapeuten psychodynamisch/analytisch arbeiten (2). Man kann hier von einer selektiven Beeinflussung der Psychologiestudierenden sprechen, die sich aus der einseitig verhaltenstherapeutischen Ausrichtung der Klinischen Psychologie in Deutschland ergibt. Insgesamt bestärken die Befunde die Annahme, dass die therapeutische Ausrichtung stärker von den zur Verfügung stehenden Ausbildungsmöglichkeiten (zum Beispiel den Seminarinhalten und der Lehrmeinung der Dozenten) abhängt als von den Persönlichkeitsmerkmalen der (angehenden) Therapeuten.
Ein hoher Prozentsatz an Psychologiestudierenden zeigte sich unsicher in Bezug auf eine Weiterbildung direkt im Anschluss an das Studium. Dies liegt an den Finanzierungsmöglichkeiten für eine psychotherapeutische Weiterbildung. Gleichzeitig scheint über Refinanzierungsmöglichkeiten der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung, gerade auch im psychodynamischen Bereich, an der Universität wenig informiert zu werden.
Diese Ergebnisse geben Anlass dazu, die curriculare Gestaltung des Fachs Klinische Psychologie an den Hochschulen zu überdenken. Notwendig ist eine Pluralisierung der psychotherapeutischen Kompetenzen in Klinischer Psychologie und Psychotherapie. Erst dadurch entsteht die Möglichkeit, informierte Entscheidungen zu treffen und Erkenntnisse aus unterschiedlichen Behandlungsansätzen zu integrieren. Denn auch der Wunsch nach einer integrativen Psychotherapieausbildung ist bei den Psychologiestudierenden deutlich ausgeprägt: 70 Prozent würden einen integrativen Therapieansatz bevorzugen.
Dr. Christiane Eichenberg, Kristin Müller

Literatur
1. Fischer G, Möller H: Psychodynamische Psychologie und Psychotherapie im Studiengang Psychologie. Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft. Kritischer Kommentar zur Festschrift anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Deutschen Gesellschaft für Psychologie. Kröning: Asanger 2006.
2. Rüger U, Bell K: Historische Entwicklung und aktueller Stand der Richtlinien Psychotherapie in Deutschland. Zeitschrift für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie 2004; 50: 127–52.
3. Eichenberg C, Müller K, Fischer G: Die Motivation zur Berufswahl Psychotherapeut/in: Ein Vergleich zwischen Schülern, Studierenden und (angehenden) Psychotherapeuten. Zeitschrift für Psychotraumatologie, Psychotherapiewissenschaft und Psychologische Medizin 2007; 2: 83–98.

Anschrift der Verfasserinnen
Dipl.-Psych. Dr. Christiane Eichenberg, cand. psych. Kristin Müller, Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie, Universität
zu Köln, Höninger Weg 115, 50969 Köln,
E-Mail:eichenberg@uni-koeln.de,
Internet: www.christianeeichenberg.de
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