ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2007Anna Freud: Tiefenpsychologisches Verständnis für das Kind

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Anna Freud: Tiefenpsychologisches Verständnis für das Kind

PP 6, Ausgabe Oktober 2007, Seite 458

Christof Goddemeier

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„Man fragt erstaunt, wo Gescheitheit und Originalität des Kindes eigentlich hingeraten. (...) Es ist offenbar nicht so ungefährlich, Kinder zur Bravheit zu erziehen. (...)“ Anna Freud 1930 Foto: picture-alliance/Imagno
„Man fragt erstaunt, wo Gescheitheit und Originalität des Kindes eigentlich hingeraten. (...) Es ist offenbar nicht so ungefährlich, Kinder zur Bravheit zu erziehen. (...)“ Anna Freud 1930
Foto: picture-alliance/Imagno
Vor 25 Jahren starb die Psychoanalytikerin. Sigmund Freuds jüngste Tochter widmete sich der psychoanalytischen Pädagogik und Kinderanalyse.

Während ihre fünf älteren Geschwister andere Berufe und Lebensaufgaben wählten, setzte das jüngste Kind Sigmund Freuds dessen Lebenswerk fort. Anna Freuds Schwerpunkt war die Kinder- und Jugendpsychologie, doch erwarb sie auch auf den anderen Gebieten der neuen Seelenkunde umfangreiche Kenntnisse. So wurde sie Nachfolgerin ihres Vaters und zeigte, wie man Freuds Einsichten der Nachwelt vermitteln und in der Praxis immer wieder neu entdecken kann. Dabei blieb sie weitgehend innerhalb der psychoanalytischen Orthodoxie und setzte sich wenig mit konkurrierenden Richtungen der Tiefenpsychologie auseinander.
Am 3. Dezember 1895 wird Anna Freud in Wien geboren. Im selben Jahr veröffentlicht ihr Vater mit Josef Breuer seine „Studien über Hys-terie“. Ab 1914 wird Anna Privatschülerin ihres Vaters. Sie absolviert bei ihm sogar ihre Lehranalyse – nach den später veröffentlichten Richtlinien der Psychoanalytischen Vereinigung eigentlich „stilwidrig“. Doch Freud ist diesbezüglich auch später nicht entschieden: „Ich würde Ihnen nicht dazu raten und habe kein Recht, es Ihnen zu untersagen“, schreibt er etwa 1935 an Edoardo Weiss.
Den Beginn der Kinderanalyse markiert Sigmund Freuds Abhandlung „Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben“ (1909). 1927 veröffentlicht Anna Freud ihr Erstlingswerk „Einführung in die Technik der Kinderanalyse“. Ein Problem der Kinderanalyse besteht darin, dass das Kind nicht aus eigenem Antrieb und Leidensdruck, sondern auf Wunsch der Eltern zur Therapie kommt. Dabei ist die „Kinderneurose“ oft nur ein Spiegel der ungelösten Elternkonflikte. In diesem Dilemma plädiert Anna Freud ähnlich wie etwa August Aichhorn dafür, sich klar auf die Seite des Kindes zu stellen. Ihr zufolge haben Kinder nicht selten so etwas wie „Krankheitseinsicht“, wenn es dem Therapeuten gelingt, für ihre Situation eine angemessene Sprache zu finden. Sigmund Freud empfahl dem Erwachsenenanalytiker kühle Zurückhaltung und den gleichsam sezierenden Blick des Chirurgen. Diese Technik ist Anna Freud zufolge in der Kinderanalyse nicht hilfreich. Sie macht die Erfahrung, dass man Kinder nur dann erfolgreich behandeln kann, wenn man sich an die Stelle ihres Ich-Ideals setzt: Der Therapeut muss einen seelischen Zugang zum Kind finden, ihm durchaus auch imponieren und gefallen. Weil Kinder meistens bei ihren Eltern wohnen und emotional an sie gebunden sind, ist das keine leichte Aufgabe. „Ein Kind ist nicht wie der Erwachsene bereit, eine Neuauflage seiner Liebesbeziehungen vorzunehmen, weil – so könnte man sagen – die alte Auflage noch nicht vergriffen ist. (. . .) Der Analytiker (. . .) wird sich wahrscheinlich mit den Eltern (. . .) die Liebe oder den Hass des Kindes zu teilen haben“, schreibt Anna Freud. Die Methode Melanie Kleins, jeden Spieleinfall des Kindes in eine direkte Deutung zu übersetzen, hält Anna Freud angesichts des kindlichen Entwicklungsstands für falsch.
Sieht man das Menschenkind vor allem als egozentrisches und triebhaftes Wesen, das es durch Erziehung zu zähmen gilt, misslingt Erziehung in einem wesentlichen Punkt: „Man fragt erstaunt, wo Gescheitheit und Originalität des Kindes eigentlich hingeraten. (. . .) Es ist offenbar nicht so ungefährlich, Kinder zur Bravheit zu erziehen. (. . .) Man opfert (. . .) die Ursprünglichkeit des Kindes gleichzeitig mit großen Stücken seiner Energien und Begabungen“, schreibt Anna Freud 1930 in „Psychoanalyse für Pädagogen“.
„Das Ich und die Abwehrmechanismen“ schenkt Anna ihrem Vater zum 80. Geburtstag. Er ist darauf sehr stolz, Annas Arbeit ist ihm das „noch Erfreuliche“ in dieser Zeit. Abwehr ist für sie nichts Negatives, denn ohne Abwehr ist Entwicklung nicht möglich. Den bekannten Abwehrtypen fügt sie zwei weitere hinzu: Die Identifizierung mit dem Aggressor beseitigt Angst auslösende Lebenssituationen durch Nachahmung der Angstquelle. Die „altruistische Abtretung“ meint den Verzicht auf eigene Triebregungen, verbunden mit dem Bemühen um Triebbefriedigung bei anderen: Man „lebt mit anderen Menschen mit, statt selber etwas zu erleben“.
Seit 1923 ist Anna Freud mit der Krebserkrankung ihres Vaters konfrontiert. Die beiden vereinbaren, dass jede Hilfeleistung sachlich und ohne Sentimentalität erfolgen solle. 1938 emigriert Anna mit ihrem Vater nach Großbritannien, wo Sigmund Freud ein Jahr später stirbt. Anna Freud heiratet nicht. Ab 1947 bildet sie in ihrer eigenen Klinik in Hampstead Kinderanalytiker aus. In „Wege und Irrwege der Kinderentwicklung“, das 1965 zunächst auf Englisch erscheint, zieht sie Bilanz aus ihrer jahrzehntelangen Beschäftigung mit Kinderpsychologie und -analyse und liefert eine umfassende Darstellung dessen, was die Tiefenpsychologie zum Verständnis des gesunden und kranken Kindes beitragen kann. Bis kurz vor ihrem Tod ist sie als Analytikerin tätig. Am 8. Oktober 1982 ist Anna Freud in London gestorben.
Christof Goddemeier
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