ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2007Homöopathie und Stadtentwicklung: Globuli für eine kranke Stadt

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Homöopathie und Stadtentwicklung: Globuli für eine kranke Stadt

PP 6, Ausgabe Oktober 2007, Seite 464

Blöß, Timo

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Anamnese – wie bei einer normalen homöopathischen Therapie wurden die Anwohner zum ausführlichen Erzählen ermuntert. Fotos: Maja Rehbein
Anamnese – wie bei einer normalen homöopathischen Therapie wurden die Anwohner zum ausführlichen Erzählen ermuntert. Fotos: Maja Rehbein
Bisher kümmerten sich Stadtplaner um wachsende Städte. Weil diese aber vor allem im Osten Deutschlands immer stärker schrumpfen, müssen sie nun auch Konzepte für den Rückbau entwickeln. In einem Modellprojekt sollen Homöopathen dabei helfen.

Der Patient hat schon viel von seiner Lebenskraft verloren, buchstäblich kann man sehen, wie weitere Lebensgeister schwinden. Wie so oft, wenn klassische Methoden versagen, ruht die Hoffnung nun auf der Homöopathie. In Behandlung ist die vom Bevölkerungsschwund gebeutelte Stadt Köthen. Der Kleinstadt zwischen Magdeburg, Dessau und Halle gehen, wie vielerorts im Osten Deutschlands, die Einwohner verloren. Seit der Wende hat sich die Zahl der Köthener von knapp 33 100 auf 29 500 reduziert – obwohl mehrfach Gebiete eingemeindet wurden. Bis 2020, so die Prognosen, wird die Einwohnerzahl um weitere acht bis 17 Prozent abnehmen. Die Arbeitslosenquote von 19 Prozent treibt junge, gut ausgebildete Leute gen Westen, der demografische Wandel tut sein Übriges. Mit Ausnahme von Wachstumszonen wie Dresden, Leipzig, Rostock oder Greifswald hat in der Fläche nahezu jede ostdeutsche Stadt bis zu einem Drittel der Einwohner verloren. Experten schätzen, dass seit der Wiedervereinigung rund 1,5 Millionen, zumeist junge, Menschen ihre Heimat in den neuen Bundesländern verlassen haben – mit weitreichenden Folgen für die Infrastruktur. Busse fahren seltener, Schulen und Kitas werden geschlossen, Wohngebäude stehen leer. „Stadtteile werden zum sozialen Brennpunkt, weil am Ende nur noch die Leute dort wohnen, die sich einen Umzug nicht leisten können“, erklärt Köthens Baudezernentin, Ina Rauer.
Auch die Stadt Köthen droht in einen Teufelskreis mit immer unerträglicheren Lebensbedingungen zu geraten. Ein Mittel dagegen wurde bisher vergebens gesucht. Vielleicht aber kann das, was jetzt in dem wissenschaftlich begleiteten Modellprojekt in der Kleinstadt erprobt wird, auch zum Rezept für andere schrumpfende Städte werden. Im Rahmen der 2010 in Sachsen-Anhalt stattfindenden Internationalen Bauausstellung (IBA) helfen Alternativmediziner den Stadtplanern beim „bevölkerungsfreundlichen“ Abriss der leer stehenden Häuser. Mit ihren „Interventionen“ wollen die Homöopathen die Gegenwehr der Bürger gegen den drohenden Verfall provozieren. Am Ende, so die Hoffnung, soll sich der Organismus Stadt selbst heilen.
Dabei kümmert sich das Rettungsteam aus Stadtplanern und Medizinern auch um die in einem Gründerzeitviertel nahe des Stadtkerns gelegene Ludwigstraße. Von den 50 Mehrfamilienhäusern dort sollen rund 15 aufgrund des Leerstands abgerissen werden. Im Handbuch Sozialpädagogik stünde die Ludwigstraße unter „Lehrbeispiel sozialer Brennpunkt“. Zu DDR-Zeiten wohnten in den vierstöckigen Häusern vor allem Arbeiter aus der Kranindustrie. Heute sind viele dort ohne Arbeit. Alkoholismus und Kleinkriminellentum sind nicht nur aus dem Fernsehen bekannt, über allem liegt das Gefühl der Leere. „Die Leute hatten wenig eigene Power, was zu ändern“, sagt die Projektleiterin bei der IBA, Sonja Beeck.
Wirksame Provokationen Wie bei einer gewöhnlichen Therapie haben die Homöopathen in ersten Anamnesegesprächen auch die Anwohner zum ausführlichen Erzählen ermuntert. „Stadtplaner verlassen sich bei der Planung auf statistische Analysen“, sagt der am Projekt beteiligte Homöopath Curt Kösters. Übertragen auf die Medizin wäre das so, als würde der Arzt seine Diagnose nur anhand der Laborwerte stellen. Bei der Anamnese sei das Ziel hingegen, „unmessbare, subjektive Dinge ins Spiel zu bringen“, wie Kösters mitteilt. Wichtig sei es, die Leute ausreden zu lassen. So entstehe ein anderes, viel komplexeres Bild. Anders als der schlechte Ruf der Straße erwarten ließ, habe sich so ergeben, dass die Anwohner eigentlich in ihrer Straße wohnen bleiben wollen. Der geplante Abriss sowie der starke Durchgangsverkehr, bemängelten die Bewohner, seien jedoch problematisch.
Die Jahrestagung des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte fand im Juni in Köthen statt.
Die Jahrestagung des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte fand im Juni in Köthen statt.
Weitere Gespräche fanden statt – bei einem Tischtennisspiel auf der vielbefahrenen Kreuzung zur Ludwigstraße. Während die Sperrung aus vielen Autofahrern Teilnehmer des nächsten Anti-Aggressionstrainings gemacht hat, fühlten sich die Anwohner in ihrer „verkehrsberuhigten“ Straße erstmals wieder wohler. Das hat auch in der Stadtverwaltung überzeugt. Es wird erwogen, die Kreuzung für den Durchgangsverkehr dauerhaft zu sperren.
Während Stadtplaner bemüht sind, Krisen zu verhindern, wollen die Alternativmediziner mit der homöopathischen Behandlung die Situation gezielt verschlechtern. Durch einen Impuls schaffen sie eine „Kunstkrankheit“, die die Gegenwehr des Körpers provozieren soll. Bei einer schmerzempfindlichen Entzündung etwa, erklärt Homöopath Kösters, könne Bienengift für eine Verschlimmerung sorgen und damit die Selbstheilung in Gang setzen.
Dies geschah auch in der Ludwigstraße, als in einer Winternacht im Dezember letzten Jahres für 15 Minuten das Licht ausgeschaltet wurde. Während die Straße in Dunkelheit lag, wurden die für den Abriss vorgesehenen Häuser mit Scheinwerfern angestrahlt. Das Ausleuchten des Problems habe den Leuten erstmals das Ausmaß des drohenden Abrisses vor Augen geführt, sagt Kösters. Wüste Beschimpfungen der für das Projekt verantwortlichen Homöopathen waren die Folge. Zur Freude der Alternativmediziner – war mit der Wut doch die Passivität durchbrochen.
Auch bei Anwohnern wie Jochen Krenz findet dieser „neue Weg“ Zuspruch. „Das war für viele erschreckend, hat aber Reaktionen provoziert“, sagt er. Krenz wohnt seit 1988 in der Ludwigstraße, 1992 hat er eins der Häuser in der Straße gekauft. Tatsächlich beteiligten sich die Anwohner fortan an der Diskussion darüber, was mit den leer stehenden Häusern geschehen könne und wie die Lücken gestaltet werden könnten. Mehr als 50 Vorschläge haben sie zusammengetragen: Aus den frei werdenden Flächen könnten Parkplätze, Begegnungsstätten oder gar ein Freiluftkino werden. Andere Bewohner wollen die straßenseitigen Fassaden stehen lassen und diese mit Rankpflanzen begrünen. „Da sind tolle Ideen dabei“, so Krenz. Das Projekt sieht er als Chance. „Man wollte Vermieter und Anwohner miteinbeziehen – das ist gelungen. Jetzt wird sich die Straße hoffentlich erneuern.“
Große Sonnenblumenfelder
Erste Verträge sind bereits unterzeichnet. „Eigentümer, die die Straße längst aufgegeben hatten, investieren wieder“, freut sich der am Projekt beteiligte Homöopath Karl-Wilhelm Steuernagel. Bei drei der 15 für den Abriss vorgesehenen Häuser stehe die Übernahme durch andere Hauseigentümer so gut wie fest, sagt Nadine Palme von der Wohnungsbaugesellschaft Köthen (WGK). Zwei Gebäude sollen dabei saniert, eins davon mit einer Fotovoltaik-Anlage modernisiert werden. Auch die durch das Projekt entstandene Idee, ein Rucksackhotel in der Ludwigstraße zu errichten, nimmt Formen an. In diesem sollen arbeitslose Jugendliche beschäftigt werden, um ihnen den Sprung in die Arbeitswelt zu erleichtern. Unterstützt von zwei Jugendfördervereinen und der Arbeitsagentur, sollen sie beim Ausbau des Hotels helfen. Die Verhandlungen mit der Arbeitsagentur und den beteiligten Vereinen seien auf einem guten Weg, wie Palme von der WGK erklärt. Ebenfalls durch das Homöopathieprojekt initiiert, wird von Experten derzeit sogar der Bau eines „Bürgerkraftwerks“ geprüft – einer Solaranlage für die Ludwigstraße. Auch in anderen Gegenden der Stadt haben die Alternativmediziner begonnen, an der Rezeptur „städtebaulicher Globuli“ zu arbeiten. In einer Plattenbausiedlung im Süden Köthens wurden einige Blöcke abgerissen. An ihrer Stelle findet man jetzt große Sonnenblumenfelder. „Das hat das Wohlempfinden der Leute verbessert“, sagt Kösters. Bald aber sind die Blumen verwelkt, dann sind die Bürger gefragt. Den Städteplanern raten die Ärzte, einfach mal abzuwarten. Auch in der Homöopathie werden Entwicklungen zum Teil erst einmal nur beobachtet, im Vertrauen auf die Selbstregulation.
Ob die Homöopathen tatsächlich die vielfältigen Abwanderungsbewegungen stoppen können, ist fraglich. Für IBA-Projektleiterin Beeck können die homöopathischen Ansätze aber auf jeden Fall helfen, dass sich zumindest diejenigen, die in den schrumpfenden Städten bleiben, wohler fühlen. Als Architektin und Stadtplanerin habe sie in dem Modellprojekt vieles von den Homöopathen lernen können. So führe etwa die Anamnesetechnik „offener und genauer an das Problem heran“. Stadtplaner hätten oft schon eine Lösung im Kopf, bevor sie sich dem Problem überhaupt näherten. Vor allem aber gelinge es mit gut gesetzten Impulsen, die Betroffenen aus ihrer Passivität zu holen und sie an den Rückbaumaßnahmen zu beteiligen.
Timo Blöß

Ein weiterer Beitrag zu dieser Thematik: www.aerzteblatt.de/plus3607


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Samuel Hahnemann

Von 1821 bis 1835 lebte der Begründer der Homöopathie, Christian Friedrich Samuel Hahnemann (1755–1843), in Köthen. Dort erschien 1828–1830 die erste Auflage der „Chronischen Krankheiten“. 1829 beging Hahnemann in Köthen feierlich das 50. Jubiläum seiner Erlanger Promotion. Ein Jahr später starb dort seine erste Frau nach 48-jähriger Ehe. Eine große Rolle für die weitere Durchsetzung der Homöopathie spielten Hahnemanns Stellungnahmen zu den großen Choleraepidemien in den Jahren 1830 und 1831.

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