ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2007Kaufsucht/Pathologisches Kaufen: Weit verbreitet, wenig erforscht

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Kaufsucht/Pathologisches Kaufen: Weit verbreitet, wenig erforscht

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LNSLNS Pathologisches Kaufen dient den Betroffenen meist zur kurzfristigen Kompensation unangenehmer Emotionen. Längerfristig stabilisiert sich jedoch die negative Verstimmung. Soziale und familiäre Konflikte sind programmiert.

Konsumieren im Übermaß führt in vielen Fällen zur Verschuldung. Eine Ursache für den Drang, über seine Verhältnisse zu leben und mehr zu kaufen, als man sich eigentlich leisten kann, ist pathologisches Kaufverhalten. Das Spektrum typischen pathologischen Kaufverhaltens ist breit gestreut. So wird von täglichen und episodischen Kaufattacken, vom Kauf ganz spezieller und multiplen Käufen gleicher Waren, vom Kauf unnötiger und sinnloser Dinge sowie vom Kauf von Geschenken für andere Personen, vor allem für nahe Bezugspersonen, sowie von Selbstgeschenken berichtet. Beschrieben werden auch das Kaufen und anschließende Horten der Waren, die Rückgabe des Kaufguts oder seine Weitergabe an andere Personen. Mitunter werden die Waren gar nicht benötigt und nach dem Kauf nicht ausgepackt oder verwendet.
Schuld- und Schamgefühle
Da sich bald nach den Kaufexzessen Schuld- und Schamgefühle einstellen, werden die Einkäufe verheimlicht und die Waren versteckt, verschenkt oder vergessen. Dies zeigt, dass es beim pathologischen Kaufen nicht primär um den Gebrauch oder Verbrauch von Produkten, Gütern oder Dienstleistungen geht, sondern um die Kaufhandlung selbst. Dabei scheint es einen Zusammenhang zwischen Geschlecht und bestimmten Warengruppen zu geben. So präferieren weibliche Betroffene beispielsweise Kleidung, Schuhe, Schmuck, Kosmetik, Lebensmittel, Haushaltswaren und -geräte und Bücher. Männer favorisieren hingegen moderne Technikartikel, Sportgeräte, Handwerkerutensilien, Kleingeräte, Autozubehör und Antiquitäten.
Einer Kaufattacke gehen häufig Stresssituationen und unangenehme Erlebnisse, Gefühle oder Spannungszustände voraus. Um sie abzubauen oder zu kompensieren, begeben sich die Betroffenen in ein Geschäft oder Warenhaus. Während des Einkaufens erleben sie Anerkennung, Zuwendung, Befriedigung und andere positive Gefühle bis hin zu Euphorie und können auf diese Weise relativ schnell negative emotionale Zustände überbrücken. Kaufen wird dabei als Belohnung erfahren und fortan als positiver Verstärker erlebt. Die negativen Folgen, etwa Schulden, werden hingegen erst später erlebt und wirken damit nicht unmittelbar bestrafend. Auf diese Weise wird Kaufen zum Lebensmittelpunkt mit entsprechenden Konsequenzen. Fast immer führt es zu finanziellen Problemen bis hin zu ausgeprägter Verschuldung. Bisweilen folgen Anzeigen wegen Betrugs oder nicht bezahlter Rechnungen, Strafverfahren und Gefängnisstrafen. Das Horten der Waren füllt bald alle Schränke, den Keller und Dachboden und macht wertvollen Wohnraum unbenutzbar. Da die Betroffenen das unkontrollierte Kaufverhalten aus eigener Kraft nicht stoppen können, sind familiäre und soziale Konflikte programmiert. Betroffene und Angehörige stehen daher unter einem enormen Leidensdruck.
Als eine Ursache des pathologischen Kaufens werden Funktionsstörungen der frontalen Hirnregion und eine verminderte Aktivität des Serotonin- und Dopaminsystems diskutiert. Darüber hinaus spielen möglicherweise Lernprozesse eine Rolle, die dazu führten, dass pathologisches Kaufverhalten unter bestimmten Bedingungen erworben, aufrechterhalten und modifiziert wird. Als Verstärker wirken dabei Affekte und Emotionen, die mit dem Aufbau und der Reduktion von Anspannung, mit dem Reiz des Risikos, mit Anerkennung und Selbstbestätigung einhergehen. Damit scheint pathologisches Kaufen unter anderem der Affektsteuerung zu dienen. Negative Emotionen provozieren ein extremes Kaufverhalten, welches kurzfristig zur Verbesserung der Gefühlslage führt. Längerfristig stabilisiert sich jedoch die negative Verstimmung.
Wenig Behandlungsangebote
Eine Studie, die an der Universität Sussex durchgeführt wurde, zeigte außerdem, dass die Überbetonung materieller Werte in Elternhaus und Gesellschaft eine Rolle spielt. Laut dieser Studie neigen vor allem solche Personen zu pathologischem Kaufen, die Konsumgüter als Zeichen von Erfolg und als Schlüssel zum Glück sehen. Gerade in Konsumgesellschaften hat das Kaufen jedoch eine ganz zentrale Bedeutung. Rund um die Uhr werden die Bürger zum Konsumieren animiert und mit sozialer Anerkennung belohnt, weil Konsum zeigt: „Man kann es sich leisten“ und „man hat es zu etwas gebracht“. Erleichtert wird das Konsumieren zusätzlich durch moderne Zahlungssysteme, Kunden- und Kreditkarten und durch Kreditangebote. Sanktioniert oder kritisch hinterfragt wird der Konsum, auch wenn er übermäßig ist, hingegen nur selten. Das hat zur Folge, dass pathologisches Kaufen vonseiten der Gesellschaft tabuisiert oder nicht ernst genommen wird und die Betroffenen nur wenig Verständnis und Behandlungsangebote vorfinden. „Obwohl circa sechs bis acht Prozent der Bevölkerung kaufsuchtgefährdet zu sein scheinen, wird das Problem immer noch übersehen oder bagatellisiert“, sagen Dr. Astrid Müller und Prof. Dr. Martina de Zwaan von der Universität Erlangen.
Pathologisches Kaufen tritt in der Regel gleichzeitig mit anderen psychischen Störungen auf, vor allem mit affektiven Störungen, Angststörungen, Substanzabhängigkeiten, Essstörungen, Störungen der Impulskontrolle und Zwangsstörungen. Aufgrund der hohen Komorbidität muss diagnostisch stets abgeklärt werden, welche Störung primär und welche sekundär ist. Dies stellt in der klinischen Praxis oft ein Problem dar, denn eine eindeutige Klassifikation des pathologischen Kaufens ist bisher noch nicht gelungen. Folgende Einordnungen und Krankheitsmodelle werden zurzeit diskutiert:
- Impulskontrollstörung: Nach der ICD-10 (F63.9) kann pathologisches Kaufen als „nicht näher bezeichnete abnorme Gewohnheit und Störung der Impulskontrolle“ diagnostiziert werden. Diese Einordnung des pathologischen Kaufens als Impulskontrollstörung setzt voraus, dass Impulskontrollstörungen als eigenständige Störungsgruppe anerkannt und nicht als Variationen oder Subgruppen anderer Erkrankungen angesehen werden.
- Zwangsspektrum: Pathologisches Kaufen wird auch dem Spektrum der Zwangserkrankungen zugeordnet. Dafür spricht, dass die Betroffenen einen unwiderstehlichen Drang zum Kaufen verspürten, gleichzeitig aber einen Kontrollverlust erleben, da der Impuls stärker ist als der eigene Wille. Darüber hinaus gibt es ähnliche Auffälligkeiten in neurobiologischen Untersuchungen, und es sind ähnliche Therapien wirksam. Dagegen spricht unter anderem, dass das Kaufen oft als lustvoll, nicht immer aber als unsinnig erlebt wird.
- Affektives Spektrum: Für eine Einordnung des pathologischen Kaufens in das Spektrum affektiver Störungen sprechen die Symptomprovokation in depressiven Episoden, ein Verlauf parallel zu affektiven Störungen und die Wirksamkeit antidepressiver Medikamente. Dagegen spricht, dass pathologisches Kaufen häufig auch ohne begleitende affektive Störung auftritt.
- Sucht: Immer wieder wird pathologisches Kaufen mit „Kaufsucht“ (Oniomanie) gleichgesetzt. Dafür sprechen ein ähnlicher Verlauf mit Kontrollverlust, die Unfähigkeit zur Abstinenz, der Drang zur Dosissteigerung, die Verleugnung, die Schilderung von psychischen Entzugssymptomen, wie zum Beispiel Nervosität und Angstzuständen, das Erleben von Euphorie und rauschähnlichen Zuständen sowie Komorbidität und familiäre Belastung mit Suchterkrankungen. Dagegen ist aufzuführen, dass es sich beim Kaufen um keine Substanz handelt und keine physische Abhängigkeit besteht. Außerdem können Therapieerfolge auch durch eine Therapie anderer Konflikte ohne Abstinenzgebot wie bei der Suchttherapie erzielt werden.
- Allgemeines Neurosenmodell oder Symptommodell: Schließlich besteht auch noch die Möglichkeit, die Symptome als unspezifischen Ausdruck einer neurotischen Konfliktverarbeitung zu sehen. Dafür spricht, dass häufige Konflikte auf verschiedenen Ebenen vorhanden sind und eine Therapie durch die unspezifische Konzentration auf Konflikte möglich ist. Allerdings liefern diese Modelle keine Erklärung für spezifische Impulskontrollstörungen.
Die Art der Behandlung mit Psychotherapie beziehungsweise Pharmakotherapie hängt maßgeblich von der gewählten Klassifikation ab. Da die Klassifikationsmöglichkeiten einen großen Spielraum lassen, wurden bisher ganz unterschiedliche Therapien angewandt, beispielsweise Psychotherapie, wobei unter anderem psychodynamische Ansätze und Psychoanalyse, Elemente der Suchttherapie sowie kognitiv-behaviorale Verfahren eingesetzt wurden. Zu den zentralen verhaltenstherapeutischen Interventionen zählen graduierte Exposition mit Reaktionsverhinderung, Erlernen von Selbstkontrolltechniken und Stimuluskontrolle sowie Techniken der kognitiven Umstrukturierung. Der bisherige Forschungsstand lässt allerdings noch keine fundierten Schlüsse über die Wirksamkeit einzelner Psychotherapieverfahren zu. Auch medikamentöse Behandlungen wurden durchgeführt, wobei sich Erfolge mit Opiat-Antagonisten und Antidepressiva zeigten, vor allem mit selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern. Diese konnten in kontrollierten Studien jedoch bisher nicht bestätigt werden. Zurzeit kann daher weder eine psychotherapeutische oder medikamentöse Behandlung noch eine Kombination aus beiden als Methode der ersten Wahl eingestuft werden. Aus diesem Grund werden auch keine spezifischen Therapiekonzepte angeboten. Die Betroffenen sind daher gezwungen, verschiedene Behandlungen auszuprobieren. Unterstützung finden sie unter anderem in Selbsthilfegruppen und durch Selbsthilferatgeber. n
Dr. phil. Marion Sonnenmoser


Literatur
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Kontakt:
Dipl.-Psych. Dr. med. Astrid Müller, Abteilung für Psychosomatik und Psychotherapie, Universitätsklinikum Erlangen, Schwabachanlage 6, 91054 Erlangen, E-Mail: astrid.mueller@psych.imed.uni-erlangen.de
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