ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2007Abtreibungen: Stil beeinträchtigt Verständlichkeit

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Abtreibungen: Stil beeinträchtigt Verständlichkeit

Koch, Joachim

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Eine bedeutende Arbeit über die Thematik der Abtreibung ist dem bekannten französischen Soziologen Luc Boltanski gelungen, der sein Handwerk unter anderem bei Pierre Bourdieu erlernt hat. Schon der Einstieg ins Thema im ersten Kapitel ist überraschend und spannend. Der Autor hat eine historische Arbeit von George Devereux ausgegraben. Darin wird Abtreibung als eine Praktik dargestellt, deren Möglichkeit überall bekannt ist, deren Praxis allgemein missbilligt, jedoch toleriert wird und deren Darstellung fast völlig fehlt, sich also im Geheimen vollzieht.
Es verwundert, dass die Zahl der Abtreibungen mit 220 000 registrierten Schwangerschaftsabbrüchen in Frankreich heute noch so hoch ist. In Deutschland liegt die Abbruchquote bei gut sieben je 1 000 Frauen, in Frankreich ist sie mehr als doppelt so hoch – und dies, obwohl es viele Methoden der Empfängniskontrolle gibt.
In seiner wissenschaftlichen Arbeit fragt Luc Boltanski nach den Gründen von Abtreibungen. Dazu haben sein Team und er Gespräche mit 40 Frauen geführt, die abgetrieben haben, sowie circa 100 Berichte von Ärzten analysiert. Boltanski verdeutlicht, dass sich jeder Mensch unter zwei Gesichtspunkten betrachten lässt: Jeder ist Mensch durch das Fleisch, ist aus dem Schoß einer Frau hervorgekommen, sowie Mensch geworden durch das Wort, indem er von anderen aktiv bestätigt und in die menschliche Gemeinschaft aufgenommen wurde. Abtreibende Frauen gaben als Gründe das eigene Scheitern, das Scheitern einer Beziehung oder eines Lebensprojekts an. Unter anderen Umständen hätten sie den Fötus akzeptiert, anerkannt und mit einem Namen versehen.
Mit seiner Untersuchung und seinen umfangreichen theoretischen Überlegungen und Schlussfolgerungen, die auch Möglichkeiten in der Zukunft ausloten und hier nicht im Einzelnen referiert werden können, kommt Boltanski zu dem Schluss, dass Abtreibung nicht legitimierbar ist. Er drückt es im letzten Satz des Textes aus: „Denn die Lage, die Conditio des Fötus, ist die des Menschen.“ Der Widerspruch zwischen der Selbstbestimmung der Frau und dem Lebensrecht des Fötus besteht weiter und ist derzeit nicht lösbar. Die beste Möglichkeit des Staates scheint heute zu sein, keine strafrechtlichen Konsequenzen zu ziehen, den Menschen die Verantwortung zu überlassen und ihnen zu helfen.
Schade, dass das Buch in einem geschwollenen Stil geschrieben ist, was die Verständlichkeit der Argumentation und die Lesebereitschaft beeinträchtigt und das besonders bei denjenigen, die diesen Stil nicht über eine Strecke von mehr als 500 Seiten durchhalten können. Joachim Koch

Luc Boltanski: Soziologie der Abtreibung. Zur Lage des fötalen Lebens. Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2007, 541 Seiten, gebunden, 29,80 Euro
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