ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2007Kinder in Ersatzfamilien: Ein Neubeginn ist möglich

BÜCHER

Kinder in Ersatzfamilien: Ein Neubeginn ist möglich

PP 6, Ausgabe Oktober 2007, Seite 480

Bühring, Petra

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LNSLNS Die Fälle von misshandelten, vernachlässigten, verhungerten Kindern haben in den letzten Jahren häufig die Schlagzeilen dominiert. In Berlin stellen die Pflegekinderdienste der Jugendämter aufgrund dessen seit einiger Zeit eine verstärkte Bereitschaft von Familien fest, Pflegeeltern zu werden und diesen Kindern ein neues Heim bieten zu wollen. Wie dies gelingen kann, darum geht es in dem Buch.
Bei der Erstauflage 1989 wollten die Autoren eigentlich den Titel „Kinder in Ersatzfamilien“ wählen, doch dieser war schon besetzt. Dieser Titel hätte besser als „Pflegekinder“ zum Ausdruck gebracht, dass es auch um Adoptivkinder geht, Pflegeverhältnisse wie Tages-, Kurzzeit- oder Bereitschaftspflege aber bewusst ausgeklammert werden. Im Zentrum des Buchs stehen Kinder, die in Dauerpflege- oder Adoptivfamilien leben. Um Kinder, „die die Chance brauchen, die Folgen gestörter Sozialisation und traumatischer Misshandlungserfahrungen zu korrigieren, um schließlich ein gesundes Selbst in Beziehungen zu entwickeln“, so die Autoren Nienstedt und Westermann. Das Psychologenpaar arbeitet seit 1982 in seiner Praxis psychotherapeutisch mit zumeist schwer traumatisierten Kindern und konnte viele Entwicklungen über einen langen Zeitraum verfolgen. Neben psychodiagnostischen Untersuchungen der leiblichen Eltern und Ersatzeltern erstellen die Autoren Gutachten in Sorgerechtsverfahren, geben Supervision und veranstalten Fortbildungen für Sozialarbeiter, Heimerzieher, Juristen, Psychotherapeuten, Pflege- und Adoptiveltern. Diese Berufe sind auch Zielgruppe des Buchs.
Nienstedt und Westermann sind der Überzeugung, dass es einem traumatisierten Kind durchaus gelingen kann – mit entsprechend sensiblen Ersatzeltern – schwerwiegende frühe traumatische Erfahrungen in neuen Beziehungen zu verarbeiten, um so doch noch eine gesunde Persönlichkeit zu entwickeln. Voraussetzung dafür ist, dass das Kind die Beziehung zu den „neuen“ Eltern als Übertragungsbeziehung nutzt, wie in einer therapeutischen Beziehung. Nienstedt und Westermann beschreiben, wie Pflegeeltern einen Zugang zur inneren Welt des Kindes finden; Prozesse, wie Kinder sich in Ersatzfamilien integrieren; wie frühere Misshandlungen wirken und wie sie verarbeitet werden. Viele Fallbeispiele veranschaulichen das Theoretische.
Die theoretische Grundlage für das Konzept der Gesundung des traumatisierten Kindes beschreibt der Psychoanalytiker Arno Gruen in seinem Vorwort: Es sei die Qualität der Beziehung zwischen Eltern und Kind, die die Grundlagen für die Entwicklung einer wahren Identität liefert. In der Beziehung zu den leiblichen Eltern konnte das Kind keine wahre Identität entwickeln, sondern nur eine auf Überanpassung beruhende Angstbindung, die ihm als Schutz diente. Daraus könne das Kind nur ein „falsches Selbst“ entwickeln. Eben weil keine wahre Identität zustande kam, sei es dem Kind – dessen Widerstandskraft oder Überlebenswille nicht unterschätzt werden dürfe – möglich, „für sich einen Neubeginn zu schaffen, vorausgesetzt, dass eine auf sie eingegende Umgebung gesichert werden kann“.
Das Buch kann allen, die die Hilfe für das misshandelte und traumatisierte Kind in den Mittelpunkt stellen, unbedingt empfohlen werden. Diejenigen jedoch, die annehmen, dass man aus den schlechtesten Eltern gute Eltern machen kann, wenn sie nur genügend Unterstützung bekommen, finden ihre These hier nicht bestätigt. Petra Bühring

Monika Nienstedt/Arnim Westermann: Pflegekinder. Klett-Cotta, Stuttgart, 2007, 414 Seiten, gebunden, 32 Euro
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