ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2007Menschen mit Depressionen: Nur eine Minderheit wird optimal behandelt

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Menschen mit Depressionen: Nur eine Minderheit wird optimal behandelt

Dtsch Arztebl 2007; 104(41): A-2773 / B-2451 / C-2379

Bühring, Petra

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LNSLNS Die European Depression Association setzt sich dafür ein, die Versorgung von Erkrankten zu verbessern. Der jährliche Europäische Depressionstag soll das Bewusstsein für die Krankheit erhöhen.

Traurige Verstimmung, Freudlosigkeit, Interesselosigkeit, Schlafstörungen, Angst und Suizidgedanken – das sind die typischen Symptome einer Depression. Die Wahrscheinlichkeit, im Laufe seines Lebens an einer Depression zu erkranken, beträgt etwa fünf bis 15 Prozent. Frauen sind doppelt so häufig betroffen wie Männer. In Deutschland leiden rund vier Millionen Menschen an einer Depression. Auffällig ist das hohe Suizidrisiko: Zehn bis 15 Prozent der Patienten mit rezidivierenden schweren Depressionen sterben durch Selbsttötung. Die WHO geht davon aus, dass bis zum Jahr 2020 die Depression in den Industrienationen die führende Krankheitsursache neben Herz-Kreislauf-Erkrankungen sein wird.
Informationsdefizite sollen ausgeglichen werden
Dieser Entwicklung will die European Depression Association (EDA) etwas entgegensetzen: Zum vierten Mal wurde am 4. Oktober der Europäische Depressionstag ausgerufen. Ziel der EDA – die in Deutschland von Prof. Dr. Detlef Dietrich, Abteilung Klinische Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) koordiniert wird – ist es, das Bewusstsein für diese Erkrankung bei Ärzten, Patienten, Angehörigen und Pflegekräften zu erhöhen. Informationsdefizite sollen ausgeglichen, auf wirksame Therapien soll verwiesen werden, um schließlich die Versorgung zu verbessern.
Auf die Ursachen der Depression wies Prof. Dr. med. Arnd Barocka, Direktor der Klinik Hohe Mark, bei einer Pressekonferenz der EDA hin. Er sieht einen Zusammenhang zwischen Depression und Einsamkeit als Resultat von gescheiterten oder brüchigen Beziehungen. Funktionierende soziale Strukturen (Familie, Partnerschaft, Arbeitswelt) schützen vor Depressionen, während dysfunktionale Familienstrukturen und Arbeitslosigkeit mit einem höheren Risiko für Depressionen einhergehen.
„Der Anstieg depressiver Erkrankungen hängt auch mit dem Zerfall der sozialen Strukturen zusammen“, sagte Barocka. In vielen Fällen gehe einer depressiven Episode ein „kritisches Lebensereignis“ voraus, also ein Todesfall, eine Scheidung, ein Umzug, Arbeitslosigkeit, aber auch eine Beförderung in eine höhere berufliche Position. All dies führe zu einer Verarmung an Beziehungen. Auch bei Alleinlebenden sei die Tendenz zu Depressionen höher.
Wird eine Depression rechtzeitig erkannt und behandelt, kann in der Regel auch ein Suizid verhindert werden. „Doch obwohl Antidepressiva und wirksame psychotherapeutische Maßnahmen zur Verfügung stehen, wird nur eine Minderheit der Erkrankten optimal behandelt“, kritisierte Prof. Dr. Ulrich Hegerl, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie der Universität Leipzig. Hegerl ist auch Sprecher des Kompetenznetzes „Depression/Suizidalität“, ein vor acht Jahren gestartetes Forschungsprojekt mit dem Ziel, die Versorgungssituation zu verbessern (www.kompetenznetz-depression.de).
Ein Teilprojekt davon sind die „Bündnisse gegen Depression“, die es inzwischen an 36 Orten in Deutschland gibt. Durch Fortbildung von Hausärzten und Informationskampagnen sollen die Suizidraten gesenkt werden. Nach den Erfolgen des Modellprojekts 2002 in Nürnberg, wo die Suizidrate um 24 Prozent gesenkt werden konnte, wähnt man sich damit auf dem richtigen Weg. „Die Bündnisse haben inzwischen die europäische Ebene erreicht“, berichtete Hegerl. 16 Länder sind schon an Bord der „European Alliance Against Depression“ (www.eaad.net).
Noch schlechter als depressiv Erkrankte werden Patienten mit bipolaren Störungen versorgt. Prof. Dr. Peter Bräunig, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Vivantes Depressionszentrum Berlin, schätzt, dass höchstens jeder vierte Manisch-Depressive einen Arzt aufsucht und eine angemessene Therapie erhält. „Oftmals wird die richtige Diagnose erst nach acht bis 15 Jahren gestellt, weil das Krankheitsbild sehr variiert.“

Manisch-Depressive haben ein höheres Suizidrisiko
Die meisten bipolar Erkrankten erlebten als erste Episode eine Depression, weshalb sie oft falsch behandelt würden. Manisch-Depressive haben ein hohes Suizidrisiko. „Mindestens jeder Vierte unternimmt einen Suizidversuch, oft schon in den ersten Erkrankungsjahren“, sagte Bräunig. Ein hoch spezialisiertes, sehr effektives Behandlungsangebot stellte Dr. Berthold Müller, Münster Klinik Zwiefalten, vor: die Depressionsstationen. Bundesweit gibt es inzwischen 90 solcher Stationen an Fachkrankenhäusern und an einigen Universitätskliniken. Behandelt werden dort zumeist schwerst Depressive und Patienten mit Suizidverdacht. Die Therapie erfolgt nach einem multimodalen Therapiekonzept, einer Kombination aus Psychopharmakologie, Psychotherapie, Sport, und Soziotherapie.
„Auf normalen Stationen kann man diesen Patienten nicht gerecht werden“, sagte Müller. Depressionsstationen bieten in einem speziell auf diese Patienten ausgerichteten fürsorglichen, strukturierenden und aktivierenden Milieu eine Verdichtung aller therapeutischen Möglichkeiten.
Petra Bühring
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