ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2007Doping: Jede Diagnose kann geschönt werden

MEDIZINREPORT

Doping: Jede Diagnose kann geschönt werden

Dtsch Arztebl 2007; 104(41): A-2774 / B-2452 / C-2380

Siegmund-Schultze, Nicola

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Dopinganalytik: Neue Substanzen der Pharmaunternehmen, die sich für einen Missbrauch im Sport eignen könnten, werden den Dopinganalytikern meist nicht zur Verfügung gestellt. Foto: dpa
Dopinganalytik: Neue Substanzen der Pharmaunternehmen, die sich für einen Missbrauch im Sport eignen könnten, werden den Dopinganalytikern meist nicht zur Verfügung gestellt. Foto: dpa
Sportärzte wollen den Kampf gegen Doping auch in den eigenen Reihen intensivieren.

Als „Neuanfang für einen sauberen Sport“ gestartet, endete die Radweltmeisterschaft in Stuttgart mit einem Fiasko: Doping war das beherrschende Thema. Damit befasste sich auch die Deutsche Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (DGSP) bei einem Kongress, der zeitgleich in Köln stattfand. „Wenn Spitzensportler gezielt dopen, sind meist Ärzte involviert – natürlich nicht unbedingt Sportmediziner“, sagte Sebastian Thormann (Luzern/Schweiz) dem Deutschen Ärzteblatt.
Thormann gehörte viele Jahre zur Nationalmannschaft der Ruderer, ist Arzt geworden und seit 2006 im Vorstand der Nationalen Anti Doping Agentur (NADA). „Die Athleten werden in unterschiedlichen Aktivitätsphasen und dann in Wettkämpfen von unterschiedlichen Ärzten betreut – da fällt auch einem Arzt, der Doping ablehnt, nicht immer auf, wenn ein Sportler gedopt hat“, sagt Thormann. Im Verdacht, sich an Doping beteiligt zu haben, stehe „nur ein sehr kleiner Teil der mehr als 10 000 deutschen Sportärzte“, betont der DGSP-Präsident, Prof. Dr. med. Herbert Löllgen (Remscheid).
Gleichwohl gerät der Verband auch politisch unter Druck, in den eigenen Reihen konsequenter gegen Doping vorzugehen. „Ärzte und Politiker werden eine Menge tun müssen, um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen im Kampf gegen die Seuche des Missbrauchs leistungssteigernder Mittel“, sagte Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble und mahnte, Ärzte müssten sich stärker der eigenen Verantwortung stellen.
„Ärzte von Leistungssportlern stellen deutlich häufiger Anträge auf therapeutisch indizierte Ausnahmegenehmigungen für Medikamente, die auf der Dopingliste stehen, als dies der Verschreibungshäufigkeit der Arzneien in der Normalbevölkerung entspricht“, stellte Thomas Bach, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), fest. Das sei „nicht nachvollziehbar und inakzeptabel“, solche Anträge würden künftig genauer geprüft. „Jede Diagnose kann schöngeschrieben werden“, bestätigt Thormann. Ab 2008 würden die entsprechenden
Regeln weiter verschärft, die Zusammenarbeit mit der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) werde intensiviert. Aber so ausgeprägt, wie Bach es darstelle, sei das Problem nicht.
Amnesie und Amnestie
Zugleich stört Thormann – wie viele andere Ärzte –, dass dopende Sportler auch künftig straffrei bleiben werden, selbst wenn das Antidoping-Gesetz in Kraft treten wird. Damit wird Ende Oktober gerechnet. Das „Gesetz zur Verbesserung der Dopingbekämpfung im Sport“ ermächtigt das Bundeskriminalamt zu Ermittlungen in Fällen des organisierten Handels mit Arzneimitteln, außerdem verschärft es das Arzneimittelgesetz.
So soll künftig der Besitz „nicht geringer Mengen“ bestimmter, vom Gesetzgeber konkret genannter Substanzgruppen, die sich als Dopingmittel eignen, mit bis zu zehn Jahren Gefängnis unter Strafe gestellt werden – für Organisatoren von Doping und Händlern. Der Besitz kleinerer Mengen, zum Beispiel für den Eigengebrauch, bleibt straffrei. Wie diese Mengen zu definieren sind, wird gerade erarbeitet.
Kritik daran, dass Dopen im Leistungssport auch künftig kein Straftatbestand sein wird, kam bereits im Vorfeld der Gesetzgebung von verschiedenen politischen Parteien, von Sportprofis und von Ärzten. Thormann hätte es gern gesehen, wenn sich Athleten durch Doping strafbar machen würden. Ihn und andere Sportmediziner wurmt, dass dopende Leistungssportler offenbar zunächst „unter Amnesie leiden und dann auf Amnestie setzen“. Wenn das Erinnerungsvermögen zurückkehrt, nehmen die Sportler gern Kronzeugenregelungen der Sportverbände für sich in Anspruch und können hoffen, vergleichsweise rasch wieder an den Start zu gehen.
Das Bundesministerium des Innern, federführend für den Gesetzentwurf, sehe jedoch derzeit „keine juristisch saubere Lösung“, den dopenden Sportler selbst mit dem Strafgesetz zu verfolgen, sagte ein Ministeriumssprecher dem Deutschen Ärzteblatt. Allerdings würden die Zuschüsse des Ministeriums für Sportverbände genauer geprüft, zum Beispiel für den Bund Deutscher Radfahrer, der den geständigen Erik Zabel mit dem Trikot der deutschen Nationalmannschaft ins Rennen schickte.
Ärzten, die sich an Doping beteiligen, droht bereits unter den gegenwärtigen Bestimmungen des Arzneimittelgesetzes eine Geld- oder Freiheitsstrafe (DÄ, Heft 23/2007) sowie der Entzug der Approbation durch die Bezirksregierung. Die DGSP entzieht ihren Mitgliedern bei nachgewiesener Dopingaktivität die Mitgliedschaft. Eine Ad-hoc-Kommission der DGSP hat außerdem weitere Empfehlungen erarbeitet, um der Unterstützung von Doping durch Sportärzte entgegenzuwirken. So soll der Kampf gegen Doping in die Satzungen der DGSP und der Landessportärzteverbände aufgenommen werden. Ein hinreichender Verdacht auf einen Verstoß des Arztes soll dem Justiziar der zuständigen Ärztekammer und der Staatsanwaltschaft gemeldet werden. Auch will die DGSP der Bundes­ärzte­kammer empfehlen, ein Verbot des Dopings durch Ärzte in die (Muster-) Berufsordnung aufzunehmen.
Mythos „Sportler als Opfer, Arzt als Verführer“
Prof. Dr. med. Wilfried Kindermann (Saarbrücken), Chefarzt der Deutschen Olympiamannschaft, würde allerdings gern mit dem „Mythos vom Sportler als Opfer der Verführung und dem Arzt als Verführer“ aufräumen. „Die Sportler setzen häufig die Ärzte unter Druck“, sagte Kindermann dem Deutschen Ärzteblatt. Finanziell nicht abhängig zu sein von der Betreuung der Athleten, eine Aufwandsentschädigung, aber keine Erfolgsprämie zu bekommen – das seien wichtige Voraussetzungen, um Nein sagen zu können.
DOSB-Präsident Bach kündigte an, künftig müsse jeder Arzt, der eine Olympiamannschaft betreut, eine „strafbewehrte Verpflichtung“ unterschreiben, dass er sich in der Vergangenheit nicht an Doping beteiligt habe und sich in Zukunft aktiv dagegen einsetzen werde. Bei Verstoß drohten die Rücknahme der Akkreditierung, Geldbußen und Strafanzeigen.
Was aber kann der Arzt tun, wenn er erfährt, dass ein Sportler, den er betreut, dopt? Die ärztliche Schweigepflicht zu brechen, ist ihm nicht erlaubt, bestätigt das Beratergremium der DGSP, weil die Aufklärung eines Dopingvergehens kein höherwertiges Gut darstelle; es sei denn, Kinder oder Jugendliche erhielten unerlaubte Mittel zur Leistungssteigerung. Sportorganisationen könnten jedoch von den Sportlern verlangen, die Ärzte von der Schweigepflicht gegenüber dem Sportverband zu entbinden. Nehme der Athlet die Entbindung von der Schweigepflicht zurück, könne der Arzt dies dem Verband mitteilen.
Grundsätzlich gelte es, einen Patienten auch dann medizinisch zu betreuen, wenn er gedopt habe oder dope, ihm aber gesundheitliche Gefahren und sportrechtliche Aspekte deutlich zu machen und dies zu dokumentieren. Fordere der Sportler wiederholt eine Unterstützung des Arztes beim Doping, könne dieser die weitere Behandlung ablehnen. „Arzt bleiben, nicht Medizinmann werden“, laute die Devise, sagte Kindermann.
Prof. Dr. rer. nat. Mario Thevis vom Zentrum für Präventive Dopingforschung an der Deutschen Sporthochschule Köln (DSHS) stellt seine wissenschaftliche Arbeit unter das Motto: Das Risiko des Dopings für den Sportler möglichst hoch halten. Dazu müssen die Forscher vorbereitet sein auf neue Substanzklassen, deren Einzug in den Elitesport früher oder später zu erwarten ist (wie Diskussionen in einschlägigen Internetforen zeigen), und Verschleierungstaktiken aufdecken können.
Obligatorisch werde auf mehr als 45 Anabolika, 25 Diuretika und 50 Stimulanzien getestet, sagte Thevis. Der Biochemiker bedauert, dass Pharmaunternehmen neue Substanzen, die sich für einen Missbrauch im Sport eignen könnten, den Dopinganalytikern meist nicht zur Verfügung stellten. Gezielt suchen lasse sich nur nach dem, was bekannt sei, sodass die Analytiker die Stoffe zum Teil nachbauen müssten.
Als neue Substanzklassen für die Leistungssteigerung nannte Thevis die selektiven Androgen-Rezeptor-Modulatoren (SARM) sowie die HIF-Komplex-Stabilisatoren. Als Indikationen kämen Muskelschwund und verwandte Erkrankungen sowie Osteoporose infrage, aber auch die Fertilitätskontrolle bei Männern. Der Vorteil von SARM: Sie modulieren den Androgenrezeptor gewebsselektiv und können so gezielt die Muskelhypertrophie stimulieren oder die Knochendichte steigern. Zugleich verhindern SARM das Wachstum der Prostata.
„Diese Eigenschaften machen sie auch für das Doping sehr interessant“, sagte Thevis. SARM sind rein synthetische, nicht steroidale Verbindungen. Um nicht alle Substanzen nachbauen zu müssen, ist an der DSHS ein Verfahren entwickelt worden, mit dem sich gemeinsame Kernstrukturen der Substanzmetabolite im Urin erfassen lassen.
Für HIF-Komplex-Stabilisatoren – sie gelten als vielversprechende Alternative zu herkömmlichen Therapien von Anämie mit rekombinantem Eyrthropoetin (EPO), weil sie oral verabreicht werden können – seien solche Verfahren in der Entwicklung, da chemische und strukturelle Details noch nicht veröffentlicht wurden.
Im Sommer 2006 berichtete ein ehemaliger Profi-Radrennfahrer, manche Sportler führten sich zwecks Verschleierung des Missbrauchs von Peptidhormonen (EPO oder Insulin) kleine „Reiskörnchen“ in die Harnröhre ein. Tatsächlich handelt es sich um Protease-Granulate, zum Beispiel aus Waschpulver oder Geschirrspülmittel, die Proteine abbauen, wenn der Sportler uriniert. Solche Fremdproteasen lassen sich jetzt durch Gelelektrophorese und Massenspektrometrie nachweisen. Die Suche nach Einzelsubstanzen beginnt dann, wenn die Menge der im Urin gefundenen Proteasen einen bestimmten Grenzwert (15 Mikrogramm/ml) überschreitet.
„Hoffnungsträger“ Gendoping
Aber die nächste Verschleierungstaktik ist schon in der Pipeline: Gendoping. Wie bei der somatischen Gentherapie wird über einen Vektor ein Stück transgener DNA in Körperzellen eingeführt, zum Beispiel mit dem Gen für EPO. Die gewebsspezifische Synthese von Proteinen, die komplett humanidentisch und eventuell sogar individualspezifisch sind, lasse sich nicht nachweisen, so hofft man.
Aber auch hier haben Forscher, gefördert von der WADA, schon eine Gegenstrategie entwickelt: Dr. rer. nat. Perikles Simon (Universität Tübingen) und Mitarbeiter weisen solche transgenen DNA-Fragmente daran nach, dass sie keine nicht codierenden Bereiche haben. Unter zwei Millionen natürlicher EPO-DNA-Sequenzen haben sie vier bis zehn künstlich hinzugefügte transgene Abschnitte aufgespürt.
Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

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