ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2007Harald zur Hausen: Forscher aus Leidenschaft

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Harald zur Hausen: Forscher aus Leidenschaft

Dtsch Arztebl 2007; 104(41): A-2822 / B-2491 / C-2419

Bördlein, Ingeborg

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Harald zur Hausen.Foto: dkfz
Harald zur Hausen.
Foto: dkfz
„Es hat sich nicht viel geändert.“ So kommentiert Prof. Dr. med. Dr. h. c. mult. Harald zur Hausen die Frage, wie er nun seine Zeit verbringe, die nach seiner Verabschiedung als wissenschaftlicher Stiftungsvorstand des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg 2003 nicht mehr von Termindruck und Führungsaufgaben bestimmt ist. Täglich ist der „Forscher aus Leidenschaft“ im Institut, dem er zwei Jahrzehnte lang vorstand, anzutreffen – wenn er sich nicht gerade auf Vortragsreisen rund um den Globus befindet.
Seine Aufgabe als Chefeditor des „International Journal of Cancer“ erfordert täglich mehrere Stunden Arbeit. Doch vom Forschen kann er nicht lassen. Sein Interesse gilt nach wie vor den Viren. Ein kleines, aber feines Team um ihn forscht über die Rolle der endogenen Retroviren bei Leukämien und Lymphomen – in direkter Nachbarschaft zu seiner Frau, der Tumorvirusforscherin Prof. Dr. Ethel-Michèle de Villiers.
Die Wechselwirkungen zwischen Viren und Krebsentstehung zu entschlüsseln, hat zur Hausens Forscherleben bestimmt, und er hatte die Fortune, dass sein wissenschaftliches Lebenswerk mit dem ersten Impfstoff gegen Krebs im letzten Jahr gekrönt worden ist. Das sieht er mit Freude und Befriedigung.
Dass Viren Krebs auslösen können, hat er schon vor mehr als 30 Jahren postuliert, war aber in der wissenschaftlichen Gemeinde lange auf große Skepsis gestoßen. Damals brauchte der Tumorvirologe ein gerütteltes Maß an Hartnäckigkeit und Durchsetzungskraft, um dieser Erkenntnis zum Durchbruch zu verhelfen. Diese Eigenschaften kamen ihm auch zugute, als er 1983 die Führung des DKFZ übernahm, dieses aus einer desolaten Situation herausführte und es zu einem Mekka der Spitzenforschung gestaltete. Er hat Forschungsschwerpunkte eingerichtet, die Gentechnik und Virusforschung etabliert, wissenschaftliche Selbst- und Fremdkontrolle eingeführt und damit Transparenz geschaffen. Die Anbindung der Krebsforschung an die Klinik hat er mit Zähigkeit verfolgt; so erachtet er das jüngst geschaffene Comprehensive Cancer Center (CCC) in Heidelberg als konsequente Fortführung seiner Anstrengungen.
1976 überraschte zur Hausen die Fachwelt mit der Hypothese, dass humane Papillomaviren (HPV) eine Rolle bei der Entstehung des Zervixkarzinoms spielen könnten. Anfang der 80er-Jahre isolierte sein Team aus Tumormaterial die bis dahin unbekannten Virustypen HPV 16 und 18. Schließlich gelang es, die Mechanismen aufzuklären, die von der Virusinfektion zur Karzinogenese führen. Seine Vision einer präventiven Impfung wurde von der Industrie zurückhaltend aufgenommen, sodass diese erst seit 2006 zur Verfügung steht.
Nie war zur Hausen nur Forscher. Immer ging es ihm um die klinische Umsetzung und gesundheitspolitischen Konsequenzen der Krebsforschung. So bezieht er auch heute kritisch Stellung, weil er die HPV-Vakzine in Deutschland schlicht für zu teuer hält. Er plädiert dafür, die STIKO-Empfehlungen zu erweitern und Mädchen schon ab neun Jahren zu impfen, auch Jungen gehörten seiner Ansicht nach vakziniert. Schon in der Schule müsste darüber aufgeklärt werden, sagt zur Hausen und geht mit gutem Beispiel voran – in der Klasse seiner 14-jährigen Enkelin.
Die Liste seiner nationalen und internationalen Auszeichnungen ist lang. Gibt es außer der Krebsforschung etwas, das den 71-Jährigen in seinen Bann zieht? Die Paläoanthropologie und die Evolutionsforschung interessieren den Naturwissenschaftler besonders. Außerdem ist da noch sein Garten, den er hegt und pflegt. Ingeborg Bördlein
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