ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2007Max Klinger: Zwischen Begehren und Verzicht

KULTUR

Max Klinger: Zwischen Begehren und Verzicht

Dtsch Arztebl 2007; 104(41): A-2824 / B-2493 / C-2421

Kraft, Hartmut

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Foto: picture-alliance/akg-images
Foto: picture-alliance/akg-images
Bei der berühmtesten Grafikfolge Klingers handelt es sich um ein ebenso künstlerisch wie psychologisch faszinierendes Dokument.

Blatt 1: „Ort“
Blatt 1: „Ort“
Ohne Zweifel: Das 20. Jahrhundert schien recht gut ohne Max Klinger (1857–1920) auszukommen. Er galt schon zu Lebzeiten als unzeitgemäß. Nun hat sich aber zu Beginn des 21. Jahrhunderts und besonders zum 150. Geburtstag des Künstlers 2007 eine Neubewertung durchgesetzt. Sein Erfindungsreichtum, seine Originalität und seine Vielseitigkeit werden wiederentdeckt. Zahlreiche Ausstellungen zeigen ihn in diesem Jahr als Grafiker, Maler und Bildhauer, vor allem auch als Anreger für spätere Künstler.
Blatt 2: „Handlung“. Fotos: Eberhard Hahne
Blatt 2: „Handlung“. Fotos: Eberhard Hahne
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Immer wieder wird dabei auf die berühmteste seiner Grafikfolgen „Ein Handschuh“ (EA 1881) Bezug genommen. Im Jahr 1878, im Alter von nur 21 Jahren, zeigte Max Klinger eine Serie von Zeichnungen auf der Jahresausstellung der Königlichen Akademie der Künste in Berlin. Der große Erfolg beflügelte ihn, diese Federzeichnungen drei Jahre später als Grafikmappe herauszugeben.
Wie alle Grafiken dieser Serie trägt auch das erste Blatt einen Titel, der lediglich aus einem Wort besteht: „Ort“. Die Szenerie und die Protagonisten werden vorgestellt. Auf der 1876 in Berlin-Hasenheide eröffneten Rollschuhbahn traf sich die feine Gesellschaft zum modischen Zeitvertreib. Dort begegnete der Künstler 1878 der schönen, brasilianischen Diplomatentochter, von deren Namen nur der Anfangsbuchstabe „T“ überliefert ist. Er entbrannte in stürmischer Liebe zu ihr, war aber als junger Künstler nicht in der Lage, ihr ein ihren Ansprüchen entsprechendes Leben zu bieten.
Blatt 3: „Wünsche“
Blatt 3: „Wünsche“
Die realistische Darstellung ermöglicht einige erste Deutungen oder zumindest Vermutungen. So fällt auf, dass fast alle Personen sich auf Rollschuhen befinden. Das kann als Metapher für Unsicherheit verstanden werden. Gleichzeitig können wir darin auch die Notwendigkeit sehen, schwierige Situationen beherrschen zu lernen. Die eigentlichen Protagonisten dieses und der nächsten Blätter sind Max Klinger und seine Angebetete, die Dame ganz in Weiß.
Die statische Situation des ersten Bilds kommt im zweiten Blatt mit dem Titel „Handlung“ ins Rollen. Die Betrachter des Bilds sind Zuschauer bei der sittsamen Form einer Kontaktaufnahme zwischen den Geschlechtern im 19. Jahrhundert: Eine Frau lässt ihren Handschuh fallen, und der junge Mann – unverkennbar Max Klinger – bückt sich danach. Auf dem linken Bein rollend und mit der rechten Hand nach dem Handschuh greifend ergibt sich für ihn eine Situation des drohenden Ungleichgewichts.
Blatt 4: „Rettung“
Blatt 4: „Rettung“
Dies wird noch unterstrichen durch die wechselseitigen Neigungen der Figuren nach links (Dreiergruppe oben), nach rechts (Fräulein T in Rückenansicht) und dem nun wiederum nach links ins Bild ragenden Max Klinger. Dieses Pendeln der Figuren kann als Ankündigung des Grundthemas der ganzen Serie verstanden werden: Es geht um das Schwanken zwischen Begehren und Verzicht. Gerade auf diesem Blatt kostet Klinger einen Licht-Schatten-Effekt aus, indem er die Protagonisten auf einer gleißend hellen Fläche agieren lässt – und sie gleichzeitig auf ein Waldesdunkel mit einem in die Tiefe des Waldes führenden Weg zufahren lässt.
Blatt 5: „Triumph“
Blatt 5: „Triumph“
Der Hell-Dunkel-Kontrast ist zugleich auch ein formales Kriterium des titelgebenden Objekts. Von der Sonne beschienen liegt er gleißend hell auf der Rollschuhbahn – innen aber umschließt er ein Dunkel, etwas kaum Einsehbares. So wird der Handschuh zu einem Symbol für konventionelles Rollenverhalten. Ausgezogen kann der Handschuh als Sinnbild des gelockerten Betragens gesehen werden. Vor allem aber kann ein Handschuh auch als sexuelles Symbol verstanden werden, als etwas, mit dem man eins werden kann. Offensichtlich hat der Künstler den Handschuh der jungen Dame nicht zurückgebracht. Nun bricht eine ganz andere Realität in die Bildserie hinein, indem der Künstler auf dem dritten Blatt „Wünsche“ die Wand eines Zimmers verschwinden lässt.
Blatt 6: „Huldigung“
Blatt 6: „Huldigung“
Auf dem Blatt „Rettung“ hat man wieder das Thema der Ambivalenz vor sich: Von der weiten Traumlandschaft gerät der Betrachter mitten hinein in eine stürmische See. Hoher Wellengang ist eine traditionelle Metapher für das auf- und abwogende Schicksalsmeer. Auch hier muss die Lichtregie ins Auge fallen, denn im Meeresdunkel schwimmt ein strahlend hell angeleuchtetes Boot. Weiß ist auch die Farbe des Handschuhs und die Farbe, in die Fräulein T so auffällig gekleidet war. In der Gleichzeitigkeit traumhaften Geschehens fischt der Protagonist nach dem Handschuh als einem sexuellen Symbol und steckt gleichzeitig bereits mit seinem Unterkörper in einem anderen Symbol, dem „Schiffskörper“.
Blatt 7: „Ängste“
Blatt 7: „Ängste“
Der Protagonist dieser Bildserie ist in eine Traumwelt abgetaucht. In ihr ist es auf symbolischer Ebene zu einer Vereinigung („Rettung“) gekommen. Was wundert es da, wenn das nächste Blatt „Triumph“ heißt. Eine Muschel wird von zwei Flusspferden am Betrachter vorbeigezogen. Aber am unteren Rand schwimmt ein Untier mit. Wenn nun dem „Triumph“ die „Huldigung“ folgt, scheint die ambivalente Grundspannung zunächst im Hintergrund zu bleiben. Und doch: Es entsteht eine eigentümliche Situation, wenn von links ein dunkler Altar oder auch Bett ins Bild ragt, wobei es sich ebenso um ein Liebes- wie auch Totenbett handeln könnte. Schlaff liegt der Handschuh darauf, der im vorigen Bild noch prall gefüllt war.
Was sich in den vorangegangenen vier Traumbildern so vermeintlich positiv entwickelt hat, schlägt im Blatt „Ängste“ offenkundig in sein Gegenteil um. Das Wasser der letzten drei Blätter schwappt mitten hinein ins Zimmer des unruhig schlafenden Max Klinger. Es handelt sich sowohl um einen Rückgriff auf ältere Bilderfindungen als auch um einen Vorgriff auf den Surrealismus. Oberhalb und unterhalb des Arms des gestikulierenden Mannes taucht nun auch wieder das Untier gleich zweimal auf (vgl. Blatt fünf).
Blatt 8: „Ruhe“
Blatt 8: „Ruhe“
Auch wenn im nächsten Bild offiziell „Ruhe“ einkehrt, sind die Betrachter inzwischen skeptisch geworden. Sie entdecken schon bald das kleine Untier. Es blickt auf ein Tischchen, auf dem der Handschuh liegt. Wirklich beunruhigend wird die Szene aber erst, wenn man sich den Girlanden zu beiden Seiten des Bildes zuwendet. Sie haben überhaupt keinen Halt im Bildgeschehen: Wir blicken in einen Spiegel.
Blatt 9: „Entführung“
Blatt 9: „Entführung“
In Blatt neun „Entführung“ springt das Untier mit dem Handschuh im Maul in seiner vollen Größe am Betrachter vorbei. Seine Entwicklung vom Meeresbewohner (Blatt fünf und sieben) über das Kriechtier (Blatt acht) zu einer Art Flugsaurier auf diesem Blatt spielt auf die Evolutionstheorien von Charles Darwin an, mit denen Klinger sich seinerzeit beschäftigte. Mit der Entführung des Handschuhs kommt der Traum zu seinem Ende. Es kehrt Ruhe ein im unruhigen Traum des Liebenden. Und tatsächlich: „Amor“ gähnt auf dem zehnten und letzten Blatt dieser Serie. Der Handschuh liegt schlaff und lang hingestreckt vor dem Betrachter.
Blatt 10: „Amor“
Blatt 10: „Amor“
Mit der Figur des Amor eröffnet Klinger zum Abschluss der Serie eine höchst interessante neue Perspektive. Im Märchen „Amor und Psyche“ von Apuleius, das Klinger als Opus V unmittelbar zuvor illustriert hatte, bekam Amor von seiner eifersüchtigen Mutter Aphrodite den Auftrag, das schöne Mädchen Psyche zu töten. Er verliebte sich aber in Psyche, verriet den mütterlichen Auftrag und heiratete das Mädchen nach mancherlei Wirrungen. Was anderes konnte Max Klinger wollen? Aufgrund finanzieller Einschränkungen erhielt er/gab er sich den Auftrag, die schöne Psyche (Fräulein T) in sich zu töten. Aber letztendlich glaubt er als Amor doch daran, Fräulein T zu heiraten. Immerhin besuchte noch im Jahre 1917 diese Dame als Witwe den inzwischen berühmten Max Klinger. Später erzählte er dies seiner Frau mit den Worten: „Sei froh, dass ich noch da bin!“ – „Wieso?“ – „Ich sollte nämlich geheiratet werden.“
Dr. med. Hartmut Kraft

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