ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2007Arztgeschichte: Eine Mütze voll Schlaf

SCHLUSSPUNKT

Arztgeschichte: Eine Mütze voll Schlaf

Dtsch Arztebl 2007; 104(41): [80]

Schmidt, Siegfried

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Zeichnung: Elke Steiner
Zeichnung: Elke Steiner
„Im Großen und Ganzen mochten sie ihren Chef und übersahen manche kleinen, liebenswerten Schwächen, deren Konturen mit zunehmendem Alter schärfer hervortraten.“

Prof. N., ehemals Chefarzt der Medizinischen Klinik am St. Georg in M., war ein guter Diagnostiker. Er beherrschte die einschlägigen körperlichen Untersuchungsmethoden wie kein Zweiter und wurde nicht müde, immer wieder darauf hinzuweisen, dass man erst seine fünf Sinne zu gebrauchen habe, bevor man seine Patienten gerätetechnischen Prüfungen unterzieht. Er hatte das Haus während des Krieges übernommen und stand nun in den Sechzigern des 20. Jahrhunderts kurz vor seiner Emeritierung.
Prof. N. ließ sich kein X für ein U vormachen. Er kontrollierte regelmäßig die von seinen Mitarbeitern erhobenen Befunde, was seinen Stations- und Oberärzten natürlich nicht immer recht war. Die tuschelten dann auch einmal hinter seinem Rücken und bemitleideten sich gegenseitig, wenn die Visite gar zu lange dauerte.
Aber im Großen und Ganzen mochten sie ihren Chef und übersahen manche kleinen, liebenswerten Schwächen, deren Konturen mit zunehmendem Alter schärfer hervortraten. So hatte zum Beispiel der Professor die Angewohnheit, seine Visiten auf den Nachmittag zu legen und erst dann damit zu beginnen, wenn ihm seine Sekretärin zuvor noch einen Kaffee gekocht und ein Stück Kuchen vorgesetzt hatte. Dabei wusste er genau, dass sich das Süße mit seiner Glucoseintoleranz nicht vertrug.
Die Visite, um die es im vorliegenden Bericht geht, fand an einem Donnerstag statt. Die Frühherbstsonne hatte noch gehörige Kraft und die Zimmer der Südseite der Klinik ziemlich aufgeheizt. Wir standen am Bett einer 80-jährigen Dame, die von ihrem Hausarzt wegen einer Lungenentzündung eingewiesen worden war. Der Stationsarzt berichtete über den Hergang der Geschichte, brachte seine Befunde vor und unterbreitete einen Behandlungsplan, den er zuvor mit seinem Oberarzt abgestimmt hatte. Prof. N. schien so weit zufrieden, ließ es sich natürlich aber nicht nehmen, die Patientin noch einmal nachzuuntersuchen. Er klopfte, tastete und griff schließlich zu seinem Stethoskop. Aber irgendetwas störte ihn bei der Auskultation mit dem Hörrohr. Denn alsbald legte er es beiseite, setzte sich auf das Bett hinter die Patientin und legte sein Ohr direkt auf ihren Brustkorb. Da er uns dabei den Rücken zuwendete, konnten wir sein Gesicht nicht sehen.
Zwischendurch fragte er die Patientin dieses und jenes, forderte auch zu bestimmten Atmungsmanövern auf, wobei die Kommandos immer seltener kamen und schließlich ganz aufhörten. Die „weiße Wolke“ verharrte „andächtig“ und wartete und wartete. Endlich fasste sich die Oberschwester ein Herz, trat an den Professor heran, beugte sich über ihn und schaute ihm von hinten oben her in das Gesicht. Im selben Moment fuhr sie erschrocken zurück und flüsterte hastig: „Er schläft, mein Gott, er schläft.“
Dr. med. Siegfried Schmidt
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