ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2007Arztzahlentwicklung: Mehr als eine Rechenaufgabe

POLITIK

Arztzahlentwicklung: Mehr als eine Rechenaufgabe

Dtsch Arztebl 2007; 104(42): A-2842 / B-2508 / C-2436

Richter-Kuhlmann, Eva

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LNSLNS Vor allem ländliche Regionen in Ost- und Norddeutschland sind von einem Ärztemangel bedroht. Bundesweit kann jedes vierte Krankenhaus offene Stellen nicht besetzen. Widerhall finden die Warnungen bei der Politik jedoch nicht.

Warnungen der Ärzteschaft vor Lücken in der ärztlichen Versorgung weist das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium dieser Tage als unbegründet zurück. In Deutschland gebe es ausreichend Ärzte. In der Tat stieg nach Angaben des Statistischen Bundesamtes die Zahl der berufstätigen Ärztinnen und Ärzte von 273 880 im Jahr 1995 auf 307 577 im Jahr 2005. Die reale Versorgungssituation ist jedoch wesentlich komplexer: Steigende Patientenzahlen, eine regional unterschiedliche ärztliche Versorgungsdichte sowie Nachwuchsmangel bei einigen ärztlichen Berufsgruppen führen zu einem fühlbaren Ärztemangel.
Besonders betroffen sind nach der jüngsten „Studie zur Altersstruktur und Arztzahlentwicklung“ der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) vor allem ländliche Gebiete in Ost- und neuerdings auch in Westdeutschland sowie ostdeutsche Krankenhäuser, an denen die Versorgung zum Teil nur noch durch ausländische Ärzte aufrechterhalten werden kann. Mit Sorge sehen die beiden ärztlichen Organisationen in die Zukunft. Mehr als 41 000 Ärztinnen und Ärzte werden ihren Berechnungen zufolge in den kommenden fünf Jahren in den Ruhestand gehen. Ausreichender Nachwuchs sei jedoch nicht in Sicht – weder in der ambulanten noch in der stationären Versorgung. Auch die Einwanderung von momentan jährlich etwa 1 500 ausländischen Ärztinnen und Ärzten könne die Lücke nicht stopfen.
„Uns bricht der Nachwuchs weg“, sagte Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der BÄK, bei der Präsentation der Studie in Berlin. „Der Anteil der Absolventen und jungen Ärzte sinkt Jahr für Jahr, obgleich das Angebot an freien Stellen so groß wie nie zuvor ist.“ Die Studie belegt: Der Schwund an Medizinstudierenden beträgt im Verlauf des Studiums bis zum Eintritt in die Patientenversorgung mittlerweile 41 Prozent (Erstsemester 1997). Sie wechseln in andere Berufsfelder oder werden im Ausland ärztlich tätig. Momentan geben 28 Prozent der Krankenhäuser an, offene Stellen im ärztlichen Dienst nicht besetzen zu können (Ost 55 Prozent, West 24 Prozent). Offensichtlich könne Deutschland vielen jungen Ärztinnen und Ärzten keine berufliche Perspektive mehr bieten, bedauerte Hoppe. Gründe sieht er trotz einer verbesserten Vergütung im Krankenhaus unter anderem in weiterhin schlechten Arbeitsbedingungen sowie Defiziten in der Weiterbildung.
„Wir brauchen attraktive Arbeitsbedingungen, weniger Bürokratie und eine leistungsgerechte Bezahlung ärztlicher Arbeit“, forderte auch Dr. med. Andreas Köhler für den ambulanten Bereich. „Wir laufen ansonsten in einen eklatanten Ärztemangel hinein“, warnte der KBV-Vorstandsvorsitzende. Besonders betroffen sei die hausärztliche Versorgung, aber auch bei Augenärzten, Gynäkologen, Dermatologen sowie Neurologen fehle Nachwuchs.
Der Studie zufolge sind in Norddeutschland momentan acht von 114 Bezirken hausärztlich unterversorgt, in Ostdeutschland 13 von 99 Bezirken. Allerdings gebe es in Ballungsgebieten auch noch eine Überversorgung, räumte Köhler ein. Es sei jedoch beispielsweise nicht möglich, Berliner Ärzte zum Umzug in die 60 Kilometer entfernte Uckermark zu bewegen. „Jeder potenzielle Nachfolger einer allgemeinmedizinischen Praxis stellt sich die Frage, ob die demografische Entwicklung mit häufig überalterter Bevölkerung, fehlenden Kollegen zur Besetzung des Notdienstes und einer mangelhaften Infrastruktur dauerhaft den Lebensunterhalt seiner Familie sichern kann.“ Köhler wies auf verschiedene Anstrengungen der Kassenärztlichen Vereinigungen in den letzten Jahren, wie Umsatzgarantien in unterversorgten Gebieten, hin. Wichtig sei es nun, dass die Neuordnung der ambulanten Vergütung zügig umgesetzt werde und auch die Möglichkeiten der flexibleren Berufsausübung, die mit dem Vertragsarztrechtsänderungsgesetz geschaffen wurden, genutzt würden.
Die Ärztegewerkschaft Marburger Bund (MB) forderte indes die Bundesregierung auf, ein Sofortprogramm zur Verbesserung der Attraktivität des Arztberufs umzusetzen. Dieses müsse unter anderem eine Aufstockung der Honorare im ambulanten Sektor sowie eine Erhöhung der Klinikbudgets weit über die beschlossenen 0,64 Prozent beinhalten. Die für 2008 angekündigte Gesetzesinitiative des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums, ärztliche Arbeitsbedingungen dadurch zu verbessern, indem man Pflegekräften mehr ärztliche Kompetenzen übertragen wolle, bezeichnete der MB-Vorsitzende, Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, als „ideologiebehaftete Alibimaßnahme“.
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann
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