ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2007Stationäre Versorgung: Krankenhäuser wollen Stellen streichen

POLITIK

Stationäre Versorgung: Krankenhäuser wollen Stellen streichen

Dtsch Arztebl 2007; 104(42): A-2846 / B-2512 / C-2439

Rabbata, Samir

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LNSLNS Knapp die Hälfte der Kliniken erwirtschaftet keine Überschüsse. Obwohl schon jetzt zu wenig Fachkräfte zur Verfügung stehen, soll am Personal gespart werden.

Krankenhäuser wollen massive Kürzungen im ärztlichen Dienst vornehmen. Das geht aus einer aktuellen Untersuchung des Deutschen Krankenhausinstituts hervor. Demnach will ein Drittel der Kliniken offene Arztstellen nicht wieder besetzen. Trotz des schon jetzt spürbaren Mangels an Medizinern (siehe Beitrag in diesem Heft) will jede neunte Einrichtung Arztstellen abbauen. Rund die Hälfte der Krankenhäuser plant außerdem, ärztliche Aufgaben verstärkt an andere Berufsgruppen zu delegieren. Als Grund geben die Kliniken massive wirtschaftliche Probleme an. „Die Lage ist mehr als düster“, sagte der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Georg Baum, bei der Vorstellung des aktuellen DKG-Krankenhaus-Barometers in Berlin. Demnach erwarteten die Kliniken für 2007 eine Verschlechterung ihrer Jahresabschlüsse. 2008 werde sich die Situation noch verschärfen, so Baum.
Nach der Studie, die auf Angaben von mehr als 300 Allgemeinkrankenhäusern beruht, schrieb ein Drittel der Kliniken im letzten Jahr Verluste, 15 Prozent kamen gerade so über die Runden und erreichten einen ausgeglichenen Abschluss. Zwar vermeldeten 55 Prozent der befragten Einrichtungen Überschüsse. Für das laufende Jahr rechnen aber nur 38 Prozent damit, erneut Gewinne zu erwirtschaften. Insgesamt stellt sich die wirtschaftliche Lage bei privaten Häusern und Einrichtungen von freigemeinnützigen Trägern etwas besser dar.
Doch egal welcher Träger – auf etliche Mitarbeiter kommen finanzielle Einschnitte zu. Schon jetzt gelten in elf Prozent der Krankenhäuser sogenannte Notfalltarifverträge. Diese sehen Kürzungen beim Weihnachtsgeld vor – zum Teil aber auch bei der Grundvergütung. In den neuen Bundesländern verfügt bereits jedes fünfte Haus über einen solchen Vertrag. Bundesweit planen weitere acht Prozent der Kliniken diesen Schritt.
„Nach Jahren intensiver Durchrationalisierung ist die Zitrone ausgequetscht“, begründet Baum die Sparmaßnahmen. Die nächste Stufe führe in die Rationierung der Versorgung. In den letzten zehn Jahren seien 150 000 Arbeitsplätze – meist in der Pflege – abgebaut worden. Die jährlich 17 Millionen Krankenhauspatienten merkten dies längst am Krankenbett.
MB spricht von purer Arbeitgeberpropaganda
„Wir sind in Not, wir brauchen Hilfe“, appellierte Baum an die Bundesregierung. Konkret forderte er, den mit der letzten Gesundheitsreform eingeführten Sanierungsbeitrag der Krankenhäuser für die Krankenkassen von jährlich 280 Millionen Euro zurückzunehmen. Problematisch sei zudem die gesetzlich gedeckelte Vergütung, die im nächsten Jahr um gerade 0,64 Prozent steigen dürfe. Baum wies darauf hin, dass gleichzeitig jede Rechnung um 0,5 Prozent (Sanierungsabgabe) gekürzt werde. So könnten Mehrausgaben wegen erhöhter Energiekosten und der Mehrwertsteuererhöhung nicht ausgeglichen werden. Teuer seien für die Kliniken zudem die Neuregelung der ärztlichen Arbeitszeit und die Tariferhöhung für Klinikärzte, die sich jährlich auf rund 1,5 Milliarden Euro belaufe.
Als „pure Arbeitgeberpropaganda“ bezeichnete dies die Klinikärztegewerkschaft Marburger Bund (MB). „Das Krankenhaus-Barometer ist ein Dokument des eigenen Versagens“, kritisierte der MB-Vorsitzende, Dr. med. Frank Ulrich Montgomery. Die Klinikbetreiber hätten versäumt, gesetzliche und tarifliche Möglichkeiten zum Wohl der Häuser und des Personals umzusetzen. Mit den Arzttarifverträgen seien die in der Vergangenheit vollzogenen Gehaltskürzungen größtenteils wettgemacht worden. Klinikärzte subventionierten mit jährlich 56,6 Millionen unvergüteten Überstunden im Wert von rund 1,2 Milliarden Euro die stationäre Versorgung in Deutschland.
Ministerium will Pflegekräfte stärker eingebunden sehen
Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium warnte hingegen vor Panikmache. Jeder dritte Euro aus den Krankenkassenbeiträgen fließe in die stationäre Versorgung. „Das ist eine Menge Geld“, sagte Ministeriumssprecher Klaus Vater. Er kündigte an, dass die Regierung im kommenden Frühjahr Vorschläge unterbreiten werde, wie Pflegekräfte zunehmend ärztliche Aufgaben übernehmen könnten.
Allerdings geht aus der Studie hervor, dass die Krankenhäuser den Rotstift auch bei Pflegekräften und anderen nicht ärztlichen Berufsgruppen ansetzen wollen. So planen rund 40 Prozent der Einrichtungen, in diesem Bereich weitere Stellen abzubauen. Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe wies deshalb darauf hin, dass „Stellenkürzungen und verstärkte Verlagerung ärztlicher Tätigkeiten an die Pflegekräfte ohne wirksame Entlastung an anderer Stelle unverantwortlich sind“. Der seit Jahren zunehmende „radikale Personalabbau“ gefährde bereits heute Sicherheit und Gesundheit von Patienten und Mitarbeitern.
Samir Rabbata
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