ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2007Erwin Villain und Leonardo Conti: Scharmützel unter NS-Kameraden

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Erwin Villain und Leonardo Conti: Scharmützel unter NS-Kameraden

Dtsch Arztebl 2007; 104(42): A-2862 / B-2523 / C-2449

Hahn, Judith

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Nach Kriegsende sollte Conti auf die Anklagebank im Nürnberger Ärzteprozess. Am 6. Oktober 1945 beging er im Gefängnis Selbstmord. Foto: Archiv
Nach Kriegsende sollte Conti auf die Anklagebank im Nürnberger Ärzteprozess. Am 6. Oktober 1945 beging er im Gefängnis Selbstmord. Foto: Archiv
Verteilungskämpfe innerhalb der nationalsozialistischen Ärzteschaft Berlins nach der „Machtergreifung“ 1933

Die beiden Mediziner Erwin Villain (1898–1934) und Leonardo Conti (1900–1945) gehörten bereits in den frühen 30er-Jahren zu den radikalsten NSDAP-Anhängern in der Berliner Ärzteschaft. Als Mitglieder von SS und SA, den paramilitärischen Gliederungen der NSDAP, strebten sie nicht nur den Umsturz der Weimarer Republik und die Umsetzung der Rassenpolitik ihrer Partei an, sondern engagierten sich auch zielstrebig in der ärztlichen Standespolitik Berlins. Sie versuchten, Ziele der nationalsozialistischen Politik in den Führungsgremien der Ärzteschaft durchzusetzen. Schon 1932 forderten die nationalsozialistischen Ärzte in Berlin die Ausschaltung jüdischer Ärzte.
Neben der Berliner Ärztekammer waren der Groß-Berliner Ärztebund und die Berliner Kassenärztliche Vereinigung (KV) die zentralen Organisationen ärztlicher Standespolitik in Berlin. Seit der Fusion des Groß-Berliner Ärztebundes mit der Ortsgruppe des Hartmannbundes im Jahr 1926 spielte der reichsweit agierende Hartmannbund in Berlin nur eine unter- beziehungsweise dem Groß-Berliner Ärztebund nebengeordnete Rolle. Der Vorstand des Groß-Berliner Ärztebundes stellte in Personalunion gleichzeitig den Vorstand der Ortsgruppe Berlin des Hartmannbundes und seit 1932 auch der Berliner KV. Villain und Conti wurden im November 1931 in die Berliner Ärztekammer gewählt. Während Conti, der bereits 1932 gleichzeitig Mitglied des Preußischen Landtags war, nach der „Machtergreifung“ 1933 eine Laufbahn als Staatssekretär und Ministerialrat im Preußischen Innenministerium einschlug, engagierte sich Villain zunächst weiterhin auf lokaler Ebene im Groß-Berliner Ärztebund. Bei den letzten Gruppenwahlen der Bezirke des Groß-Berliner Ärztebundes im Januar 1933 wurde er gewählt und zum Stellvertretenden Vorsitzenden der Gruppe Köpenick, Treptow und Lichtenberg ernannt.
Köpenicker Blutwoche
Nach der „Machtergreifung“ beteiligten sich Villain und Conti, beide in radikaler, aber unterschiedlicher Weise, an der Ausschaltung politischer Gegner des neuen Regimes und an der Verdrängung und Vertreibung jüdischer Kollegen aus ihren Ämtern und Arbeitsstellen. Conti wählte in seiner Funktion als Ministerialrat im Preußischen Innenministerium den Verwaltungsweg, um die „Gleichschaltung“ der Berliner Ärzteschaft zu organisieren. Auf seine Veranlassung hin wurde der Vorstand des Groß-Berliner Ärztebundes am 1. April 1933 komplett ausgewechselt und mit langjährigen Mitgliedern der NSDAP neu besetzt. In einer demütigenden Prozedur ließ er bereits im Februar 1933 alle amtierenden Vorstandsmitglieder einzeln im Ministerium erscheinen und ihren Rücktritt erklären. Der neue kommissarische Vorstand dieses größten und wichtigsten Berliner Ärzteverbandes, der 1933 weiterhin zugleich den Vorstand der Berliner KV bildete, bestand aus drei überzeugten Nationalsozialisten: Martin Claus, Kurt Quandt und Erwin Villain.
Villain ließ sich nicht nur zum kommissarischen Vorstand des Groß-Berliner Ärztebundes einsetzen, sondern nahm als Standartenarzt der Köpenicker SA-Standarte auch persönlich an der sogenannten Köpenicker Blutwoche im Juni 1933 teil. Während dieser Tage demütigten, folterten und ermordeten Mitglieder seiner SA-Standarte Juden, Sozialdemokraten und Kommunisten in Köpenick. Überlieferungen gehen von 91 Todesopfern und vielen weiteren Verletzten aus, die die SA allein in Köpenick in dieser Woche zu verschulden hatte. Villain soll insbesondere an der Ermordung von Reichsbahnern beteiligt gewesen sein. Gezielt beteiligte sich Villain auch an der Verhaftung von jüdischen und politisch missliebigen Ärzte-Kollegen in Berlin.
Erhebliche Charaktermängel
So brutal und geschlossen das Vorgehen der Berliner SA und SS gegen politische und „rassische“ Gegner des neuen Regimes war, so heftig verliefen die Verteilungskämpfe innerhalb der Berliner nationalsozialistischen Ärzteschaft um die Besetzung der nun frei gewordenen Posten. Insbesondere Villain und Conti verband eine leidenschaftliche Feindschaft, die bis in die gemeinsame Studienzeit an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität zurückreichte. Diese Feindschaft eskalierte im Frühjahr 1934 anlässlich der Weigerung Contis, Villain zum Vorsitzenden und Ehrengerichtsvorsitzenden der Berliner Ärztekammer zu ernennen. Conti begründete sein Vorgehen mit „erheblichen Charaktermängeln“ Villains.
Den Hintergrund zu dieser Entscheidung bildete ein noch älterer Konflikt, der über die persönliche Feindschaft hinausging. Als der erste Führer des 1929 gegründeten Nationalssozialistischen Deutschen Ärztebundes (NSDÄB), zu dessen Gründungsmitgliedern Conti gehörte, 1932 sein Amt zur Verfügung stellte, setzte sich bei der Bestimmung eines Nachfolgers der Münchener SA-Führer und spätere „Reichsärzteführer“ Gerhard Wagner (1888–1939) gegen den konkurrierenden Conti durch. Auch Conti und Wagner verband keine Freundschaft. Villain wiederum gehörte als SA-Arzt zu den Vertrauten Wagners; nicht zuletzt deshalb ernannte ihn Wagner im Januar 1934 zum Amtsleiter der Berliner KV und wollte ihn auch in der Berliner Ärztekammer vertreten sehen. Wagner konnte als Reichsärzteführer der im August 1933 gegründeten Kassenärztlichen Vereinigung Deutschlands (KVD) diese Ernennung vornehmen. Der KVD unterstanden alle Kassenärztlichen Vereinigungen der Länder. Die Amtsleiter der Länder-KVen wurden nicht mehr gewählt, sondern nach dem „Führerprinzip“ von Wagner eingesetzt.
Nachdem Villain von der Ablehnung und vor allem von der Begründung Contis, er sei aufgrund „erheblicher Charaktermängel“ für den Posten nicht geeignet, Kenntnis erhalten hatte, sandte er Conti zunächst eine „schwere Säbelforderung“ zu. Conti lehnte ab. Daraufhin überfiel Villain Conti am 4. März 1934 während einer Tagung nationalsozialistischer Ärzte in München. Villain lockte Conti nachts aus seinem Hotelzimmer und verletzte ihn schwer, bevor Hotelgäste die Polizei riefen. Villain wurde festgenommen, auf Veranlassung des Reichsarztes der SA jedoch wieder freigelassen. Am nächsten Tag beurlaubte Wagner Villain zunächst von seinen Ämtern in Berlin.
Die Affäre wuchs sich aus, als Villain auf Wunsch des Preußischen Ministerpräsidenten Hermann Göring (1893–1946), in dessen Innenministerium Conti arbeitete, wieder festgenommen wurde und nach Berlin gebracht werden sollte. Der Bayerische Innenminister Adolf Wagner (1890–1944) veranlasste Villains Befreiung während dessen Zugfahrt nach Berlin. Villain, der nun per Haftbefehl gesucht wurde, hielt sich durch die Unterstützung führender Münchener SA-Ärzte für einige Zeit in Bayern versteckt. Unter dem Schutz von SA-Führern wurde Villain nach seiner Entdeckung in Partenkirchen nach Berlin in die Wohnung des Berliner SA-Führers Ernst geleitet. Trotz des Widerstands der Berliner SA fand eine Gerichtsverhandlung statt, die am 4. Mai 1934 mit einer Verurteilung Villains zu acht Monaten Gefängnis endete. Villain legte Revision ein, ebenso die Staatsanwaltschaft, der die Strafe zu gering erschien. Nach dieser Verurteilung wurde Villain aus der NSDAP ausgeschlossen. Ein weiteres Verfahren fand nicht mehr statt. Im Zuge der Ermordung des SA-Führers Ernst Röhm (1887–1934) und vieler weiterer SA-Angehöriger ab Ende Juni 1934, wurde auch Villain am 1. Juli in Berlin-Lichterfelde ermordet. Conti hingegen konnte seine Karriere fortsetzen: Nach dem Tod Wagners 1939 wurde er zum „Reichsgesundheitsführer“ ernannt.
Dr. des. phil. Judith Hahn
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Institut für Geschichte und Ethik der Medizin


Literatur und Quellenhinweise bei der Verfasserin


Forschungsprojekt

Seit Juli 2005 wird das Projekt „Anpassung und Ausschaltung – Die Berliner Kassenärztliche Vereinigung im Nationalsozialismus“, finanziell unterstützt vom Deutschen Ärzte-Verlag, der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, der Bundes­ärzte­kammer, der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Berlin sowie Privatspenden, durchgeführt. Hierbei wird zum einen die Institution der Berliner Kassenärztlichen Vereinigung erforscht, zum anderen wird ein Gedenkbuch für die Berliner jüdischen Kassenärzte erstellt.
Im Rahmen dieses Projekts führt die KV Berlin eine mehrteilige Veranstaltungsreihe durch. Eingeladen sind alle Interessierten. Beginn jeweils 19 Uhr im Haus der KV Berlin. Der Eintritt ist frei.

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