ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2007Aids in Osteuropa: Stigma oder Solidarität?

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Aids in Osteuropa: Stigma oder Solidarität?

Dtsch Arztebl 2007; 104(42): A-2865 / B-2525 / C-2451

Müller, Oliver

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Nirgendwo verbreitet sich Aids so rasch wie in Osteuropa. Das Virus hat die Gettos der Risikogruppen längst verlassen. Die katholische Kirche und ihre Hilfsorganisationen können eine entscheidende Rolle im Kampf gegen die Erkrankung spielen.

Als 1987 bei einer Prostituierten in St. Petersburg als Todesursache eine HIV-Infektion diagnostiziert wurde, war das der erste amtlich bestätigte Aidsfall in Osteuropa. Der Oberste Sowjet reagierte schnell. Noch im Sommer war ein Aidstest für Ausländer, Prostitu-ierte, Drogenabhängige, HIV-Infizierte, Blutspender und „Personen mit ungeregeltem Sexualleben“ obligatorisch. 18 Millionen Menschen waren bis zum Januar 1989 getestet, die Verbreitung des Virus wurde als Tatbestand im sowjetischen Strafrecht verankert. Genutzt hat es nichts. Spätestens heute ist klar: Die Repression war ein Irrweg.
Die Zahlen sind besorgniserregend. In keiner Region der Welt breitet sich die Aidsepidemie schneller aus als in Osteuropa und Zentralasien: 270 000 Erwachsene und Kinder haben sich UNAIDS zufolge im vergangenen Jahr mit HIV infiziert. Im Vergleich zu den 160 000 Neuinfektionen im Jahr 2004 bedeutet das einen Anstieg um fast 70 Prozent. Damit leben inzwischen 1,7 Millionen HIV-Infizierte in Osteuropa und den früher zur Sowjetunion gehörenden Staaten Zentralasiens. Auch wenn das südliche Afrika in Bezug auf die absoluten Infektionszahlen weit höhere Werte aufweist, verdeutlichen die enormen Steigerungsraten in Osteuropa, dass auch hier von einer Epidemie gesprochen werden muss.
Längst sind es nicht mehr nur Drogenabhängige und Prostituierte, die von der Krankheit betroffen sind. Aids hat die sogenannten normalen Familien erreicht, ohne dass es dafür ein genügendes Maß an Bewusstsein und Wissen bei den Betroffenen gibt. Genau dies macht das Virus so gefährlich. Verschärfend wirkt sich aus, dass die Epidemie viele Länder Osteuropas in einer Zeit trifft, in der die Gesundheitssysteme kaum in der Lage sind, dieser Herausforderung wirkungsvoll zu begegnen. So erhalten nur 13 Prozent der Aidspatienten in Osteuropa eine lebensverlängernde antiretrovirale Behandlung.
90 Prozent der HIV-Infektionen in Osteuropa entfallen auf die Ukraine und Russland. Offiziell sind in Russland nur 358 000 HIV-Infektionen registriert. Die Vereinten Nationen gehen jedoch von mindestens 940 000 Infizierten aus. Bis 2001 war Aids vor allem auf die Drogennutzer beschränkt. Doch längst hat das Virus über die Sexualpartner der Drogennutzer auf andere Bevölkerungsgruppen übergegriffen und verbreitet sich mit wachsender Geschwindigkeit.
Dafür gibt es mehrere Ursachen: Ein Viertel der 145 Millionen Menschen zählenden russischen Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze. Diese Gruppe gehört zu den Verlierern des wirtschaftlichen Transformationsprozesses infolge des Niedergangs des Kommunismus. Alkohol- und Drogensucht sind hier ebenso verbreitet wie Tuberkulose, deren Auftreten eine weitere Art der Epidemie darstellt. Hinzu kommt, dass 80 Prozent der männlichen Drogenbenutzer bestenfalls gelegentlich Kondome benutzen, wie Fallstudien zeigen.
In Moskau betreut die Caritas seit mehreren Jahren HIV-positive Kinder in einem Krankenhaus. Fotos: Caritas
In Moskau betreut die Caritas seit mehreren Jahren HIV-positive Kinder in einem Krankenhaus. Fotos: Caritas
Um dem Drogenmissbrauch Herr zu werden, setzt der russische Staat bislang vorwiegend auf Strafmaßnahmen. Das Justizvollzugssystem mit seinen landesweit 850 000 Insassen hat sich unter diesen Vorzeichen zu einer verheerenden Drehscheibe für die weitere Verbreitung von HIV und Tuberkulose entwickelt. Pro Jahr steigt die Zahl der HIV-Erkrankten in den Gefängnissen um 20 Prozent, erklärte vor einiger Zeit der stellvertretende Justizminister. In Moskauer Gefängnissen leidet bereits mehr als die Hälfte der weiblichen Gefangenen an sexuell übertragbaren Infektionen. Auch außerhalb der Gefängnisse steigt der Anteil der Frauen unter den HIV-Infizierten stetig an, sodass die Welt­gesund­heits­organi­sation bereits von einer „Feminisierung“ der Epidemie spricht. Die meisten, so wird vermutet, haben sich durch ungeschützten Sex mit einem Drogenkonsumenten infiziert.
In der Folge kommt es zu einer ebenfalls stark wachsenden Zahl von neugeborenen Kindern HIV-infizierter Mütter. Speziell auf diese Problematik waren die russischen Krankenhäuser bislang kaum vorbereitet. Es fehlte an medizinischem Wissen, um die Ansteckungsrate der Kinder bei der Geburt gering zu halten. Zudem waren und sind HIV-infizierte Mütter zahlreichen Diskriminierungen ausgesetzt. In vielen Kliniken wurden sie zum Beispiel gezwungen, ihre Kinder in staatliche Heime abzugeben, obwohl diese keineswegs für eine ausreichende Betreuung gerüstet sind. So betreute die Caritas in Irkutsk über mehrere Jahre Kinder HIV-infizierter Mütter in einem Krankenhaus. Da der russische Staat bei diesen Kindern eine Infektion annahm, durften sie nicht in Kinderheime überwiesen werden, sodass die Kinder zum Teil über Jahre hinweg ohne ein Mindestmaß an menschlicher Zuwendung in der Klinik lebten. Schwerste Formen des Hospitalismus waren die Folge.
Solche Formen der Stigmatisierung und Tabuisierung sind allgegenwärtig: Viele Berichte von Nichtregierungsorganisationen belegen, dass HIV-positive Menschen in vielen Lebensbereichen benachteiligt werden. Nicht selten werden sie aufgrund ihrer Infektion von elementaren medizinischen Leistungen ausgeschlossen. Von ausreichenden Methoden einer HIV-spezifischen Behandlung kann erst recht nicht die Rede sein. UNAIDS geht davon aus, dass weniger als zehn Prozent der Betroffenen eine antiretrovirale Therapie erhalten.
Am Anfang des Lernprozesses
Diese Beispiele sind ein Indiz dafür, dass die russische Gesundheitspolitik, aber auch die Gesellschaft noch am Anfang eines Lernprozesses stehen, wie mit dem Phänomen Aids umzugehen ist. Umfangreiche internationale Finanzmittel für Prävention und Behandlung haben bislang nicht die gewünschten Erfolge erziehlt. Die verbreitete Kriminalisierung der Drogennutzer und das Fehlen von Substitutionstherapien haben die Zusammenarbeit mit der wichtigsten Zielgruppe in diesem Bereich erschwert.
Zwar gibt es in vielen russischen Städten mittlerweile Aidszentren, die wichtige Unterstützung anbieten könnten. Deren Arbeit ist aber oft zu wenig mit anderen medizinischen oder sozialen Diensten verknüpft. Eine derartige Vernetzung wäre aber notwendig, weil viele Betroffene auch an Tuberkulose oder Hepatitis leiden. Als extremes Hindernis für die Durchführung von Aidsprogrammen erweisen sich der Mangel an erfahrenen Nichtregierungsorganisationen und die fehlende Bereitschaft der Regierung, die vorhandenen freien Träger in ihrer Arbeit zu unterstützen. Hätten doch private Hilfsorganisationen weit größere Möglichkeiten, das Vertrauen ihrer Klienten zu gewinnen und moderne Konzepte in der Praxis umzusetzen.
Vertane Chancen
Ukraine: Die Caritas setzt sich dort – zum Teil zusammen mit lokalen Selbsthilfegruppen – für die Aufklärung über Aids ein.
Ukraine: Die Caritas setzt sich dort – zum Teil zusammen mit lokalen Selbsthilfegruppen – für die Aufklärung über Aids ein.
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In der Ukraine sind 1,5 Prozent der erwachsenen Bevölkerung mit dem HI-Virus infiziert. UNAIDS geht von 377 000 HIV-positiven Menschen in dem Land aus. Es ist damit das am stärksten betroffene Land in Europa. Wie in Russland werden auch hier immer mehr Menschen auf sexuellem Übertragungsweg mit HIV infiziert – inzwischen nahezu jeder Dritte. Im ersten Halbjahr 2006 steckten sich bereits
35 Prozent der Neuinfizierten über heterosexuelle Kontakte an, im Zeitraum 1999 bis 2003 waren es nur 14 Prozent. Besonders erschre-
ckend ist, wie unzureichend das Wissen über die Ansteckungswege ist. Nur jeder achte ukrainische Jugendliche weiß laut Umfragen, wie sich Aids verbreitet und wie man sich davor schützen kann.
Auch die Ukraine hat versäumt, der Epidemie wirksame Aufklärung und Prävention entgegenzusetzen. Dabei zeigen viele Projekte, dass fachgerechte Programme für Risikogruppen zumindest die Ge-schwindigkeit der Ausbreitung vermindern können. Jedoch wurde manche Chance vom ukrainischen Staat vertan: So verhinderten Missmanagement und Unregelmäßigkeiten bei der Umsetzung der Aids-programme, dass Gelder aus dem Global Fund der Vereinten Nationen zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria in Höhe von
90 Millionen Dollar effektiv eingesetzt wurden.
In Bezug auf Aids gibt es in Osteuropa längst keine weißen Flecken auf der Landkarte mehr. Selbst im international relativ isolierten Weißrussland kommt es zu einer ungebremsten Ausweitung der HIV-Infektionen. Nicht anders sieht es in Ländern wie Moldawien aus. Die Neuansteckungsrate liegt zum Teil 20-fach über dem westeuropäischen Durchschnitt. HIV/Aids lässt die ohnehin in den letzten Jahren gesunkene Lebenserwartung in Osteuropa um noch einmal bis zu zehn Jahre sinken. Die wirtschaftlichen Folgekosten durch den Ausfall qualifizierter Arbeitskräfte und erhöhter Pflegekosten sind nicht absehbar.
Es kann nun nicht die Rede davon sein, dass die Regierungen Osteuropas der Aidsepidemie in der vergangenen Dekade tatenlos zugesehen hätten. UNAIDS etwa bescheinigt der Ukraine und Russland, dass inzwischen der politische Wille vorhanden ist – abzulesen unter anderem an um das zehn- bis zwölffache aufgestockten Aidsbudgets und verstärkten Anstrengungen in der Impfstoffforschung. Es fehlt jedoch an einer klaren Strategie. Aids ist noch immer nicht als komplexes Entwicklungsproblem begriffen worden, das mehr ist als nur eine Krankheit. Der notwendige Paradigmenwechsel in der öffentlichen Gesundheitspolitik wurde nicht vollzogen. Die wichtigsten aidsrelevanten Politikfelder, wie Drogenpolitik, Pflegesystem, Bildung und Sexualaufklärung sowie Gefängnispolitik, werden getrennt voneinander und rein restriktiv behandelt. 1
Freie Hilfsorganisationen wären in der Lage, das Bewusstsein für die Notwendigkeit eines Schwenks in der Aidspolitik zu erhöhen. Diese könnten weit mehr als staatliche Organisationen das Vertrauen der Bevölkerung gewinnen und auf den Schutz der Persönlichkeitsrechte infizierter Menschen hinwirken. Durch Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit könnten Übertragungswege der Infektion bekannt gemacht und gesellschaftliche Tabus bekämpft werden. Dazu gehört die Verbreitung wissenschaftlich fundierter Informationen, die Vorurteile abbauen und helfen sollen, die Ausgrenzung zu überwinden. Eine Schlüsselrolle bei der Erreichung dieser Ziele spielt die Einbindung von Menschen mit HIV/Aids.
Caritas international gehört mit anderen deutschen Hilfsorganisationen zum Aktionsbündnis gegen Aids, das sich zur Einhaltung solcher Kriterien verpflichtet hat. Die Organisationen sind bestrebt, osteuropäische Politiker und Institutionen davon zu überzeugen, auf restriktive und ausgrenzende Maßnahmen zu verzichten. Dazu gehören zum Beispiel Zwangstests potenziell infizierter Menschen. Die Kirchen könnten bei der Lobbyarbeit wie auch bei der Vernetzung eine entscheidende Rolle spielen. Über ihre Gemeindestrukturen haben sie das Potenzial, das Thema
in die Gesellschaft hineinzutragen. Dass dies gelingen kann, zeigen positive Erfahrungen aus der Ukraine. Dort begann die Aidsarbeit der Caritas in der Hafenstadt Odessa, wo nach Statistiken der Welt­gesund­heits­organi­sation jeder Zwölfte mit dem HI-Virus infiziert ist. Die Caritas arbeitet dort mit „Life plus“ zusammen, einer vor sieben Jahren gegründeten lokalen Selbsthilfeorganisation. Life plus setzt sich für Aufklärung ein und arbeitet an der Eröffnung von Hospizen für Aidskranke mit.
Trotz anfänglicher Berührungsängste mit der katholischen Caritas kam es schnell zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit. Deren Präsident, Andrij Waskowycz, hatte die Idee, die Pflegedienste der Caritas auch für HIV-Infizierte zu öffnen. Die Caritas ist in der Ukraine der größte Anbieter einer fachlich qualifizierten Hauskrankenpflege. Die Sozialarbeiterinnen von Life plus und die Krankenschwestern der Caritas betreuen zusammen bis zu 350 HIV-infizierte Kinder und Erwachsene. Insgesamt gibt es in der Ukraine
14 Sozialstationen der Caritas. Diese bilden die Basis, um die pflegerische Betreuung Aidskranker auf andere Städte ausweiten zu können.
In der westsibirischen Stadt Prokopjewsk wurde Mitte 2005 mit Unterstützung der deutschen Caritas international ein Wohnheim für HIV-infizierte Mütter und ihre Kin-der eröffnet, in dem diese ein temporäres Zuhause finden. Daran gekoppelt ist der Betrieb einer Beratungsstelle, die in Abstimmung mit dem örtlichen Aidszentrum arbeitet und psychosoziale Hilfe anbietet. In Moskau betreut die Caritas seit mehreren Jahren HIV-positive Kinder in einem Krankenhaus.
Die Caritas als Teil der Kirche tat sich in Osteuropa lange Zeit schwer, auf die Herausforderungen von HIV/Aids aktiv zu reagieren. Zu tief saßen auch im kirchlichen Umfeld Vorurteile gegenüber den Betroffenen. Man wog sich zu lange in der falschen Sicherheit, dass die Epidemie auf Randgruppen beschränkt bleiben würde und moralische Appelle ausreichen würden. Diese Haltung findet man heute weit seltener als noch vor wenigen Jahren.
Die Mittelschicht erreichen
Der Kirche kommt in den osteuropäischen Gesellschaften für den weiteren Umgang mit dem Thema Aids eine zentrale Rolle zu. Sie genießt eine hohe moralische Autori-tät und kann dazu beitragen, dass Aids nicht mehr vorrangig unter dem Aspekt von individueller Schuld oder kriminellem Verhalten betrachtet wird. Über die pastoralen Strukturen wird zudem die gesellschaftliche Mittelschicht erreicht, die von Selbsthilfegruppen oder der wachsenden Zahl kleiner Nichtregierungsorganisationen weniger in den Blick genommen wird – und dennoch hochgefährdet ist.
Die Kirche in Osteuropa war bislang mit politischen Stellungnahmen zu Aids sehr zurückhaltend. Eine Ausnahme, die zugleich den Kurswechsel symbolisiert, bildete die im November 2006 erschienene Stellungnahme der Gesundheitskommission der griechisch-katholischen Kirche der Ukraine. Die Kirche fordert darin einen radikal anderen Umgang mit Drogenabhängigen und anderen Randgruppen. Die Kirche müsse ein Ort sein, an dem leidende Menschen Unterstützung fänden und sich nicht vor Schuldzuweisung oder Indifferenz zu fürchten brauchten. „Die Hauptaufgabe aller Kleriker ist es, ein lebendiges Beispiel an Caritas und Gastfreundschaft zu werden“, heißt es zum Umgang mit Aidskranken.
Oliver Müller, Caritas International

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