ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2007Alkoholkonsum: Neue Präventionswege
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
. . . Elterliche Fürsorgepflicht, wie Prävention vor der Massendroge Alkohol greift nicht mehr ausreichend. Das durchschnittliche Einstiegsalter für Alkoholkonsum von 13,6 Jahren spricht so sehr gegen die Effizienz geltender Regeln (kein Bier- /Weinverkauf an unter 16-Jährige, keine Spirituosen an unter 18-Jährige), dass neue Präventionswege zu diskutieren sind . . . Derzeit sechs Millionen Menschen zwischen 18 und 69 Jahren verursachen durch Alkoholkonsum einen volkswirtschaftlichen Schaden von über 22 Milliarden Euro pro Jahr. Für unter 18-Jährige sollte Alkoholverzicht später Vorteile haben, da sie das Gesundheitssystem weniger belasten . . . Das Argument, von Alkoholrisiken nicht genügend gewusst zu haben, darf nicht mehr zählen. In den Schulen ist das regelmäßig zu thematisieren wie beim Zellgift Nikotin als „Gesundheitskostentreiber Nummer eins“. Die Aufklärungseffizienz ist zu überprüfen für gezielte Antialkoholmaßnahmen zwischen 14 und 18 Jahren. Dank Massenspektroskopie ist ein Massenscreening auf Alkoholkonsum bei Schülern und Auszubildenden heute machbar, mit Kosten im Cent-Bereich pro Person und Untersuchung, z. B. zweimal jährlich unter schulärztlicher Aufsicht mit mehr Präventionsgewicht. Ein geeigneter qualitativer und quantitativer Marker für Alkoholkonsum stellt die Substanz Ethylglucuronid dar, in der forensischen Medizin genutzt. Im Urin lässt sich noch vier Tage zurückliegender Alkoholkonsum nachweisen und in Haarproben bis vier Monate. Bis zum 16. Lebensjahr müsste dieser Alkoholmarker nach dem Jugendschutzgesetz in der Regel negativ ausfallen. Für Screeningzwecke wären vor Ort entnommene Haarproben (ohne Manipulationsmöglichkeiten) zweckmäßig. Wer wiederholt positiv auf Alkohol getestet wird, hat sich einem Alkoholberatungsprogramm zu unterziehen, unter Einbeziehung des Elternhauses (jährlich werden 18 000 Jugendliche unter 18 Jahren wegen Alkoholintoxikation hospitalisiert). Damit Aktionen gegen regelmäßigen Alkoholkonsum bei Jugendlichen eine gewisse Verbindlichkeit haben, wäre ein Jugendgesundheitspass zu diskutieren. Wer längerfristig positiv auf hohen Alkoholkonsum getestet wird, hat mit höheren GKV-Eintrittsbeiträgen zu rechnen. Wer mit 14 bis 18 Jahren auf Alkohol verzichtet, hat einen reduzierten GKV-Beitrag mit Eintritt ins Berufsleben zu erwarten. Gesundheitsökonomen werden an den medizinischen Kosten durch Alkoholkonsum den GKV-Bonus errechnen können . . . Der vorgeschlagene Jugendgesundheitspass sollte initial auf Freiwilligkeit basieren. Jene, die nach Schulabschluss einen vollständigen, über Jahre geführten Pass ohne gesundheitsriskante Hinweise dem potenziellen Arbeitgeber vorlegen, wären im Vorteil.
Dipl. Psych. Prof. Dr. med. J. Matthias Wenderlein, Universitätsfrauenklinik Ulm, Prittwitzstraße 41–43, 89075 Ulm
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige