ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2007Krankenhäuser: Chefärzte als Marionetten der Geschäftsführung

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Krankenhäuser: Chefärzte als Marionetten der Geschäftsführung

Dtsch Arztebl 2007; 104(42): A-2903 / B-2559 / C-2483

Pommer, Peter

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Foto: mauritius images
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In einer überschaubaren Region werden innerhalb von drei Monaten drei Chefärzte „freigestellt“. Dahinter stecken wohl ökonomische Gründe.

Wer hätte das gedacht: Wo man sonst alle paar Tage in der Laienpresse über Ärzte lesen kann, die Abrechnungsbetrug begangen haben, oder allgemein die Geldgier vieler Ärzte angeprangert wird, verliert ein Chefarzt einer internistischen Abteilung angeblich deshalb seine Stellung, weil er über einen längeren Zeitraum – trotz mehrfacher Abmahnung durch die Geschäftsführung – nicht darangeht, seine Privathonorare einzufordern. Zum Verhängnis wurde ihm, dass dadurch auch der Träger des Krankenhauses des saftigen Anteils verlustig geht, den er sich von der Privatliquidation abschneidet.
Gewiss, in den heutigen Zeiten sehr knapper Kostendeckung oder sogar Kostenunterdeckung ist die Einnahmenmaximierung ein berechtigtes Anliegen der Geschäftsführung. Aber man fragt sich, warum man ein solches Problem nicht einvernehmlich lösen kann. Sicher ist, dass der fragliche Kollege einen durchweg sehr guten Ruf bei Patienten und Kollegen genoss. Nicht umsonst haben die niedergelassenen Ärzte des Einzugsbereichs eine Resolution verfasst und mehrheitlich auch unterzeichnet, die die Wiedereinsetzung des beliebten Chefarztes fordert – letztlich ohne Erfolg.
Ein anderer Chefarzt, diesmal eines kirchlichen Hauses, nicht weit entfernt vom oben genannten Kollegen tätig, wird von einer Minute auf die andere seines Büros verwiesen und darf fortan das Krankenhaus nicht mehr betreten. Hinter vorgehaltener Hand wird gemunkelt, er habe sich dazu hinreißen lassen, despektierlich über die Kirche zu reden. Verlässliche Angaben über die wahren Hintergründe des Rauswurfs sind aber nicht zu erfahren. Auch dieser Kollege wird von den meisten Kollegen und Patienten als medizinisch und menschlich kompetenter Arzt beschrieben.
In der gleichen Region widerfährt dieses Schicksal noch einem dritten Chefarzt, dem auch während seiner Arbeitszeit aus heiterem Himmel der Schlüssel zu seinem Büro abgenommen und der stehenden Fußes des Hauses verwiesen wird. Dieser Chefarzt muss aber nach drei Wochen „Beurlaubung“ voll rehabilitiert wieder in sein Amt zurückgeholt werden.
Drei Fälle, die sich in einem Radius von 100 Kilometern innerhalb von weniger als drei Monaten ereignet haben, drei geachtete Chefärzte, die ganz plötzlich „freigestellt“ wurden – wie haben sich die Machtverhältnisse an den Krankenhäusern verschoben!
Vom Können des Arztes sind Wohl und Wehe, oft sogar Heilung oder Tod der ihm anvertrauten Patienten abhängig. Welche Geringschätzung des ärztlichen Berufs spricht aus der Entscheidung, einen Chefarzt vom einen Tag auf den anderen zu feuern. Ahnen die Verantwortlichen auch nur annähernd, wie sie damit den geregelten Ablauf eines Krankenhauses, dem sich Patienten auf Gedeih und Verderb ausliefern, destabilisieren, was sie damit ihren „Kunden“ antun? Warum darf jemand, der sich von seiner Ausbildung her gar nicht vorstellen kann, was er da anrichtet, überhaupt solche Entscheidungen treffen?
Der Arzt wiederum – das manifestiert sich hier schlaglichtartig – ist von der Einschätzung der Manager, manchmal auch von deren Launen, abhängig wie eine Marionette am Faden. Obwohl es in einzelnen Fällen notwendig sein kann, personelle Konsequenzen zu ziehen, so muss man sich jedoch im Klaren darüber sein, nach welchen Kriterien Manager derartige Entscheidungen fällen (müssen). Vor allem im Fall privater Träger wird der wirtschaftliche Erfolg, banal gesagt der Gewinn, der für die Gesellschaft erzielt wird, ganz im Vordergrund der Interessen stehen.
Unbestritten ist, dass hervorragende medizinische Erfolge sich auf dem Umweg über eine große Nachfrage auch als wirtschaftliche Erfolge niederschlagen werden – gute medizinische Qualität also keineswegs im Widerspruch zu wirtschaftlichem Erfolg steht. In der Medizin muss aber die optimale Patientenversorgung in jedem Fall erste Präferenz haben, in Einzelfällen auch ganz fraglos und selbstverständlich vor wirtschaftlichen Aspekten. Worum es allen Ärztinnen und Ärzten daher gehen muss, ist die Richtlinienkompetenz im Medizinbetrieb wieder zurückzuerobern. Wo über Leben und Tod, mindestens aber über Krankheit oder Gesundheit entschieden wird, muss der Arzt das letzte Wort haben. Die Wirtschaftsfachleute haben dabei die verantwortungsvolle Aufgabe, uns Ärzte so zu beraten, dass der Gesundheitsbetrieb auch finanzierbar bleibt. Nach der unmittelbaren Patientenversorgung, ist unsere zweitwichtigste Pflicht, deren Meinung und Einwände äußerst ernst zu nehmen.
Wenn wirtschaftliches Kalkül aber – unterstützt und forciert von der Gesundheitspolitik – den Medizinbetrieb regiert, wird das Gesundheitswesen immer noch mehr in die öffentliche Kritik geraten. Und das zu Recht. Prof. Dr. Brinkmann, der unumstrittene Chef der Schwarzwaldklinik, steht symbolisch für eine Medizin, der die Menschen vertrauen, weil dort das Wohl der Patienten ganz eindeutig im Vordergrund steht. Niemand hat das Recht, einen Arzt, dem seine Patienten vertrauen, vom einen Tag auf den anderen zu entlassen. Für Streitfälle, in denen Interessen so kollidieren, dass sie von den Konfliktparteien nicht mehr selbst ausgeräumt werden können, sollten Vermittlungsgremien geschaffen werden, denen Vertreter der Kostenträger, des Krankenhausmanagements, der Politik, der Patientenverbände und der Pflegenden, natürlich Ärztevertreter und wahrscheinlich auch Medizinjuristen angehören müssten. Auf einer so breiten Basis lässt sich sicher immer eine Lösung finden, mit der alle Beteiligten leben können.
Dr. med. Peter Pommer
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