ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2007Studie: Wie Ärzte ihr Mitgefühl kontrollieren

BERUF

Studie: Wie Ärzte ihr Mitgefühl kontrollieren

Dtsch Arztebl 2007; 104(42): [111]

Meyer, Rüdiger

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LNSLNS Schmerzen, die Ärztinnen und Ärzte ihren Patienten zuweilen aus therapeutischen Gründen zufügen müssen, können diese selbst belasten.

Ärzte entwickeln im Verlauf ihrer beruflichen Laufbahn einen Schutzmechanismus, der verhindert, dass ihnen das Leiden ihrer Patienten zu nahe kommt. Wie genau Mediziner ihre Empathie in den Griff bekommen, machen Psychologen in Current Biology (2007; doi 10.1016/j.cub.2007.09.020) mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomografie sichtbar.
In früheren Studien hatte Jean Decety von der Universität Chicago zeigen können, dass der Anblick leidender Menschen im Gehirn des Betrachters teilweise die gleichen neuronalen Kreisläufe aktiviert wie bei den Leidenden selbst. Für Decety ist dies ein evolutionär sinnvoller Reflex. Er soll Augenzeugen eines Unglücks (etwa des Angriffs eines wilden Tieres) davor bewahren, selbst zum Opfer zu werden. Wer allerdings dauerhaft Zeuge menschlichen Leidens wird, muss lernen, diese Zentren zu unterdrücken. Wie dies geht, zeigt Decety in seinen jüngsten Experimenten, die er zusammen mit Medizinern aus Taiwan durchführte.
Einer Gruppe von 14 Personen wurden kurze Videoclips gezeigt, in denen die Praxis der Akupunktur vorgeführt wurde. Da die Betrachter selbst keine Erfahrung mit der Akupunktur hatten, wussten sie nicht, dass das Einstechen der Nadeln fast schmerzlos ist. Ihr Mitleid war vermutlich größer als das Leiden der Akupunktierten, was die Forscher an der Aktivierung im somatosensorischen Kortex, in der anterioren Insula, im periaquäduktalen Grau und im anterioren cingulären Kortex erkannten. Die Aktivierung verringerte sich jeweils, wenn die Akupunkteure in den Filmen die Nadeln durch Wattebäusche ersetzen.
Eine zweite Gruppe von Personen war resistent gegen diese Regungen des Mitgefühls. Ihre Schmerzzentren wurden beim Betrachten der Videoclips nicht aktiviert, dafür zeigten bestimmte Regionen im Stirnhirn, genauer im medialen und superioren präfrontalen Kortex und in der rechten temporoparietalen Verbindung, vermehrt Signale in der funktionellen Magnetresonanztomografie. Bei diesen Probanden handelte es sich um Ärzte mit Berufserfahrung (Durchschnittsalter 35 Jahre). Sie schätzten auch die Schmerzen der Akupunktierten weniger stark ein als die medizinischen Laien, obwohl auch sie keine eigenen Erfahrungen darin hatten.
Decety interpretiert die fehlenden Regungen der Ärzte keineswegs als Mangel an Mitgefühl. Es handele sich um einen Schutzmechanismus. Er verhindere, dass die Schmerzen, die Ärzte ihren Patienten zuweilen aus therapeutischen Gründen zufügen müssen, sie selbst belasten und schließlich psychisch krank machen würden. Deshalb würde das natürliche Mitgefühl einer starken kognitiven Kontrolle durch die Zentren im Stirnhirn unterstellt. Statt Empathie würden die Ärzte, in der Terminologie von Decety, ihren Patienten eine empathische Sorge („empathic concern“) entgegenbringen. Ohne diesen Mechanismus könnten die Ärzte nicht die Kraft aufbringen, ihren Beruf auszuüben.
Rüdiger Meyer
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